HTW Chur - SII

InfoWiss Chur

Blog des Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft

Autor: Karsten Schuldt (Seite 1 von 5)

Was Menschen an Bibliothek wichtig finden (kurzer Blick auf Daten einer Umfrage)

Das Schweizerische Institut für Informationswissenschaft ist an der Studie ALM-Field, Digitalization, and the Public Sphere (ALMPUB) (https://almpub.wordpress.com), die von Kolleginnen und Kollegen der Oslo and Akershus University College of Applied Sciences geleitet wird, beteiligt. Teil der Studie war/ist eine Telefonumfrage in den beteiligten Staaten (Norwegen, Dänemark, Schweden, Schweiz, Deutschland, Ungarn) bei jeweils rund 1000 Personen pro Land. In der Umfrage wurde unter anderem die Sicht auf Bibliotheken, Archive, Museen (das ALM-Feld) und die jeweilige Gesellschaft im Allgemeinen sowie die Nutzung der ALM abgefragt. Die Auswertung wird sich hinziehen. Hier, in diesem Beitrage, aber schon mal ein kurzer Blick auf eine der gestellten Fragen: Welche Aufgaben von Bibliotheken werden als wichtig angesehen?

In der Tabelle sind die Werte für die Schweiz und – als Vergleich – Deutschland abgetragen. Zu Antworten war immer pro Item 1=sehr geringe Bedeutung bis 11= sehr grosse Bedeutung (bei der Umfrage dargestellt als 0 bis 10, aber in den Daten als 1 bis 11, d.h. der höchstmögliche Wert, welcher zu erreichen wäre, wäre 11). In der Tabelle angegeben sind jeweils das Item, absteigend geordnet nach dem Mittelwert der Antworten (bei 1002 Antworten für die Schweiz, 1017 für Deutschland). Angegeben ist zuerst der Median (die Antwort genau in der Mitte, bei der 50% höher und 50% niedriger geantwortet haben), da dieser weniger von Ausreissern beeinflusst, also auch genauer ist.

Zu sehen ist in den Daten – auch wenn sie vorsichtig interpretiert werden müssen – einiges, was den zeitgenössischen bibliothekarischen Diskussionen etwas zuwider läuft.

  1. Interessant ist erstmal, dass die Werte an sich recht hoch sind. Menschen finden offenbar im Allgemeinen und Grundsätzlich alles wichtig, was (Öffentliche) Bibliotheken als Aufgaben übernehmen. (Nicht hier dargestellt, aber in den Daten zu sehen: sowohl in Deutschland als auch der Schweiz gibt es eine Anzahl von Menschen, die Parteien, PolitikerInnen und anderen Menschen nicht viel vertrauen, aber grundsätzlich ist das Vertrauen hoch, in gesellschaftliche Infrastruktureinrichtungen wie Schulen, Bibliotheken, Archive und Museen sogar sehr. Der aktuelle Populismus spiegelt sich in den Daten, aber sehr einseitig, so als würden eine ganze Anzahl Menschen einen Unterschied machen zwischen den gesellschaftlichen Institutionen im Allgemeinen, die funktionieren, und ausgewählten Bereichen, denen sie einfach nicht vertrauen wollen. Bibliotheken wird vertraut.)
  2. Interessant ist auch, dass die Reihenfolge, was als wichtig und weniger wichtig betrachtet wird, in der Schweiz und Deutschland sehr ähnlich ist. In Deutschland sind die Wertung allgemein etwas höher, aber die erst vier „Plätze“ sind trotzdem die gleichen. Auch bei den anderen Positionen gibt nur kleine Unterschiede. Schweiz und Deutschland sind zwei unterschiedliche Länder, aber in Bezug auf die Wahrnehmung der Bibliotheken nur wenig voneinander unterschieden.
  3. Wirklich interessant ist, dass Funktionen, die in der bibliothekarischen Diskussion kaum besprochen werden, von der Bevölkerung als wichtig angesehen werden und Funktionen, die Bibliotheken betonen, weil sie modern sein wollen (und das heisst heute eigentlich immer, den Wünschen der Nutzerinnen und Nutzer entsprechen) werden als nicht so wichtig angesehen. Das ist offensichtlich bei dem Item „[Die Bibliothek befördert das literarische und kulturelle Erbe.]“, dass am höchsten bewertet wurde, aber in der bibliothekarischen Diskussion eigentlich nur noch in den Einführungswerken kurz ansprochen wird. (Und vor allem stimmt das so für Öffentliche Bibliotheken, die ja nicht Bewahren, sondern den Bestand aktiv entwickeln, auch bekanntlich nicht. Aber das ist für die Befragten offenbar irrelevant.) Auch die Aufgaben, Zugang für alle zu Wissen und literarischer Erfahrung (nicht Information, dass wird weniger wichtig bewertet) zu ermöglichen oder Freizeit mit Literatur zu gestalten wird von der Bevölkerung offenbar als weit weniger wichtig angesehen, als in der bibliothekarischen Literatur. Dafür werden Aufgaben, wie die Kreativität zu fördern („[Die Bibliothek befördert Kreativität und Innovation, indem sie ihre Nutzer dazu anregt, Kreativräume, sog. Makerspaces, für individuelles oder gemeinschaftliches Arbeiten zu schaffen.]“) oder Begegnungsstätte zu sein („[Die Bibliothek erfüllt als Begegnungsstätte in einer Gemeinde / Stadtteil eine wichtige soziale Funktion.]“), deren Diskussion die Seiten bibliothekarischer Zeitschriften füllen, als nicht so wichtig angesehen.
  4. Es scheint hier einen Missverhältnis zu geben, aber nicht so, wie die Bibliotheken sich untereinander öfter gegenseitig beklagen: Nicht die Bibliothek ist unmodern und hält an überkommenden Aufgaben (so die polemischen Ausdrücke) fest und „verliehrt“ deshalb Nutzerinnen und Nutzer, sondern die „neuen Aufgaben“, die sich die Bibliothek zuschreibt sind gar nicht die, die Menschen besonders an Bibliotheken schätzen.
  5. Innerhalb des Projektes betonen die Kolleginnen und Kollegen aus den skandinavischen Staaten die Aufgabe der Bibliotheken, Orte der Demokratie zu sein (was in Norwegen sogar so im Bibliotheksgesetz steht, wortwörtlich). Für die Schweiz und Deutschland hatten wir schon anfangs die Vermutung, dass das so nicht gilt. Die Umfrage scheint das zu bestätigen: Das wird als nicht so vorrangige Aufgabe angesehen.
  6. Einzige Ausnahme (neben der Aufgabe, Ort der Demokratie zu sein), wo bibliothekarischen Diskussion und Einschätzung der Bevölkerung übereinzustimmen scheinen, ist die Unterstützung von Formellem und Informellem Lernen. Aber wohl eher (siehe die Antwort zur „Kreativität“) doch klassisch: Buch und Artikel auf dem Tisch, lesend und schreibend.

Wie gesagt: Das ist nur ein kurzer Blick auf Daten, die auch nicht perfekt erhoben wurden. Eine tiefergehende Auswertung muss noch vorgenommen werden. Aber es sind schon mal Hinweise.

Volksschulbibliotheken im Kanton St. Gallen: Ergebnisse einer Studie

Karsten Schuldt, Rudolf Mumenthaler, Ekaterina Vardanyan

[Vorbemerkung: Der folgende Text, der die Zusammenfassung einer Studie, erschien zuerst im Druck in der kjl&m: Kinder-/Jugendliteratur und Medien in Forschung, Schule und Bibliothek, Ausgabe 01/2017, S. 74-78]

 

Eine Projektgruppe am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, HTW Chur, erhob 2015 den Status Quo der Bibliotheken in den Volksschulen (umfasst 2 Jahre Kindergarten sowie 1. bis 9. Schuljahr) im schweizerischen Kanton St. Gallen. Den Auftrag dazu hatte die neu geschaffene Bibliothekskommission erteilt, deren Aufgabe die Entwicklung des gesamten Bibliothekssystems im Kanton ist. Die Kommission versteht die Schulbibliotheken als Teil dieses Systems, hatte aber wenige Kenntnisse über deren Situation.

Gegründet wurde die Kommission mit einem Verständnis von Bibliotheken als sich ständig entwickelnder Einrichtungen, die neben traditionellen Medien auch alle modernen Medienformen anbieten, ihre Angebote beständig erweitern und in den letzten Jahren zu Lernorten und Treffpunkten der Gemeinden geworden sind. Die Erwartung der 2015 formulierten Bibliotheksstrategie war u.a., dass diese Vorstellung auch für die Schulbibliotheken gelten würde.

Die Studie basierte auf einer quantitativen Umfrage unter den Schulen in St. Gallen und, auf deren Ergebnissen aufbauend, auf Interviews und Case Studies in zufällig gewählten Schulen. Neben dem Bibliothekspersonal wurden im Rahmen der drei breit angelegten Case Studies auch weitere Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler sowie Schuldirektionen befragt. Die Umfrage hatte eine überraschend hohe Rücklaufquote von knapp 90%. Auch die Ergebnisse waren äusserst interessant: In fast allen Schulen finden sich entweder eigene Bibliotheken oder es ist eine Zusammenarbeit mit den Gemeindebibliotheken organisiert. Dabei geht es den meisten Volksschulbibliotheken im Kanton sehr gut. Gleichzeitig entsprechen diese Bibliotheken nicht dem Bild, das man sich in der bibliothekarischen Diskussion und Literatur von Schulbibliotheken macht.

Die Situation in St. Gallen lässt sich eher durch die historischen Entwicklung der Bibliotheken erklären und nicht durch die bibliothekarischen Interventionen und Vorstellungen, welche sich seit den 1970er Jahren im deutschsprachigen Raum finden. Dieses Ergebnis ist auch bedeutsam, da in der Schweiz vom Bibliotheksverband Richtlinien zu Schulbibliotheken erlassen werden (SAB-Richtlinien für Schulbibliotheken, www.sabclp.ch/images/Richtlinien_Schulbibliotheken_2014.pdf). Zumindest im Kanton St. Gallen funktionieren, so zeigt die Studie, die bibliothekarische Diskussion über Schulbibliotheken und die Realität in den Schulen unabhängig voneinander.

Lesebibliotheken

Im Mittelpunkt der Studie stand das Selbstverständnis der Volksschulbibliotheken. In zahlreichen ähnlichen Studien, die in den letzten Jahrzehnten durchgeführt wurden, wurde eher von den bibliothekarischen Ansprüchen ausgegangen. Das Studienteam entschied sich dagegen, die genannten schweizerischen Richtlinien für Schulbibliotheken nicht als eine solche Basis zu nutzen. Dies erwies sich als sinnvoll.

Neben den aus bibliothekarischer Sicht verfassten Richtlinien und einem neuen Bibliotheksgesetz besteht im Kanton St. Gallen ein bereits länger geltendes Volksschulgesetz, das ebenfalls Aussagen zu den Schulbibliotheken macht. Die SAB-Richtlinien für Schulbibliotheken wurden in den beiden Gesetzen nicht berücksichtigt. In den Schulen ist beides weitgehend nicht bekannt. In der Studie beriefen sich nur Kombinierte Schul- und Gemeindebibliotheken auf sie.

Abb. 1: Bibliothekstypen

Abb. 1: Bibliothekstypen

Vielmehr fand sich die allgemein geteilte Ansicht, dass Schulbibliotheken vorrangig Lesebibliotheken seien. Ohne, dass heute dafür Regeln existieren und auch ohne, dass die befragten Lehrpersonen Gründe dafür angeben konnten, fanden sich – mit einigen Ausnahmen – in diesen gemeinsame Merkmale: Die Bibliotheken sind fast alle in kleinen Schulgebäuden für 100-200 Schülerinnen und Schüler untergebracht und verfügen über gut ausgestattete, zweckmässig gebaute Räume. Sie werden von Lehrpersonen im Rahmen ihres Pensums geführt (in St. Gallen als “Ämtli” bezeichnet), die sich vor allem um den Einkauf neuer Medien kümmern.

Grundsätzlich sind die Bibliotheksverantwortlichen mit der Situation ihrer Bibliothek zufrieden: Die Einbindung in die Schule, die Kommunikation mit den anderen Lehrpersonen, die Anerkennung ihrer Arbeit, die Nutzung durch die Lernenden und selbst der Etat scheinen ihnen zufriedenstellend. In diesen Punkten entsprechen die Bibliotheken dem Idealbild, welches in der bibliothekarischen Literatur als Ziel beschrieben wird.

In anderen Punkten weichen sie aber relevant von diesen Zielen ab: Sie sind als Lesebibliotheken konzipiert, die vor allem dazu gedacht sind, Kinder und Jugendliche in ihrer Schulzeit an das Lesen von Büchern zu gewöhnen. Sie werden regelmässig, das heisst alle ein bis zwei Wochen, im Rahmen einer Unterrichtseinheit im Klassenverband besucht. Die Schülerinnen und Schüler leihen sich in dieser Lektion Medien aus und lesen zumeist frei. Die Ausleihe wird dabei von den Lehrerinnen und Lehrern der jeweiligen Klasse selbst organisiert. Diese Vorgehensweise findet sich in rund 72% der befragten Bibliotheken. 28% der Schulbibliotheken sind auch in Pausen an bestimmten Tagen geöffnet, 16% haben immer oder spontan geöffnet und sind somit quasi durchgehend zugänglich – dann allerdings zumeist, im Gegensatz zu bibliothekarischen Vorstellungen, ohne Betreuung durch eine bibliothekarische Fachkraft. Lediglich rund 15% der Bibliotheken bieten neben der Buchausleihe auch Leseveranstaltungen wie Autorenlesungen oder Lesenächste an, die einer besonderen Initiative von Schulverantwortlichen zuzuschreiben sind. Kaum eine Schulbibliothek folgt den Regeln, die in Bibliotheken für die Medienbearbeitung, Aufstellung oder die Katalogisierung gelten. Vielmehr wurden eigene Aufstellungen entwickelt, die möglichst einfach und zweckmässig sein sollen. Kataloge werden kaum geführt, als Zugangsmittel zum Bestand, wie dies in Öffentlichen Bibliotheken der Fall ist, werden sie nicht genutzt. Der Fokus liegt auf Büchern, überwiegend auf Belletristik. Lediglich 47% der befragten Bibliothek führen überhaupt andere Medienformen (Hörbücher, Spiele etc.) und auch dann zumeist nur als kleinen Teilbestand.

Die bibliothekarische Literatur schlägt etwas deutlich anderes vor. Sie entwirft Schulbibliotheken als Zentren der Schulen, die von bibliothekarischem Fachpersonal geführt werden, beständig geöffnet sind, für die schulische Arbeit (aktive Leseförderung, Unterrichtsprojekte, Hausaufgaben, freies Lernen etc.) genutzt werden, einen daraufhin ausgerichteten Bestand haben, der zudem erschlossen und aufgestellt wird, wie in einer Öffentlichen Bibliothek. Sie sollten als Teil des Bibliothekswesens verstanden werden und mit anderen Bibliotheken kooperieren. Die Differenz zwischen den Lesebibliotheken, die sich im Kanton St. Gallen finden, und diesen Vorstellungen von “modernen Schulbibliotheken” ist offensichtlich, aber auch erklärungsbedürftig.

Interessanterweise orientieren sich auch Kombinierte Schul- und Gemeindebibliotheken in St. Gallen, die sich ansonsten auf die oben genannten Richtlinien berufen, an dem Bild der Lesebibliothek. Die schulbibliothekarische Arbeit ist bei ihnen oft so organisiert, dass die Schülerinnen und Schüler die Bibliothek im Klassenverband besuchen und dabei Bücher – nicht die anderen, in der Gemeindebibliothek ebenfalls vorhandenen Medien wie DVDs oder E-Books – ausleihen können.

Wirkung der Geschichte

Seit den 1970er Jahren gibt es immer wieder Vorschläge von Seiten des Bibliothekswesens, Schulbibliotheken am Modell der Öffentlichen Bibliotheken zu orientieren. In St. Gallen haben diese Vorschläge, die zum Teil auch explizit gemacht wurden, keinen erkennbaren Effekt gehabt.

Eine Recherche zur Geschichte der Schulbibliotheken, die auf Materialien des Staatsarchivs St. Gallen zurückgreifen konnte, legte eine Interpretation dafür nahe.

1906 wurde im Rahmen des “Kampfes gegen Schmutz und Schund” direkt beim Erziehungsdepartement eine Kommission eingerichtet, die jährlich eine Liste “guter Literatur” veröffentlichen sollte. Diese Literatur sollte den Schulen für ihre Schulbibliotheken zur Verfügung gestellt werden. Kommissionen diesen Art existierten Anfang des 20. Jahrhundert zahlreich, das Besondere in St. Gallen scheint die direkte Anbindung an eine staatliche Stelle zu sein, welche direkt die Förderung von Schulbibliotheken übernahm. Über diese Kommission und Verordnungen prägte das Departement bis 1982 die Schulbibliotheken in St. Gallen. Diese wurden als Einrichtungen in den Schulen beschrieben, die von Lehrpersonen geführt und neben der Finanzierung durch das Departement durch die Schulen getragen wurden. Die regelmässig erscheinenden Listen der anfänglich vorgeschriebenen, später empfohlenen Literatur wurden jährlich im Schulblatt des Kantons publiziert. Diese Listen und die erhaltenen Sitzungsprotokolle zeigen, dass die Kommission sich im Rahmen der jeweiligen zeitgenössischen Debatten um Kinder- und Jugendliteratur bewegte, wenn auch teilweise etwas verspätet und gerade in den beiden Weltkriegen mit einem spezifisch schweizerischen Fokus, also u.a. im Kontext der sog. Geistigen Landesverteidigung.

Im Laufe der Zeit wandelte sich die Liste zu einer Empfehlungsliste und die Kommission sollte weitere Aufgaben, insbesondere die Beratung von Schulbibliotheken, übernehmen. Dies misslang. Anfang der 1960er Jahren weigerte sich die Kommission still, diese Aufgabe trotz Aufforderung des Erziehungsdepartements nachzukommen. Ende der 1960er Jahre führte die Kommission eine Umfrage unter den Schulbibliotheken durch, u.a. mit der Frage, ob diese Beratung wünschen, was sehr deutlich abgelehnt wurde.

1982 ging die Kommission in die Kantonsbibliothek über, wieder mit dem Auftrag, eine Liste empfohlener Literatur zu publizieren und Schulen zu beraten. Die Liste wurde bis 2012 erstellt, dann wurde die Kommissionsarbeit aufgrund einer Umfrage zur Relevanz der Liste in den Schulen eingestellt.

Die Schulbibliotheken, die sich heute in den Schulen in St. Gallen finden, scheinen eigenständige Weiterentwicklungen der bis Mitte der 20. Jahrhunderts geförderten Einrichtungen zu sein. Sie sind in den Schulen verankert und konzentrieren sich darauf, Kinder und Jugendliche mit Büchern in Kontakt zu bringen. Gleichzeitig sind sie wenig mit den Bibliotheken der Zeit gegen “Schund und Schmutz” zu vergleichen. Sie sind heute durchgängig Freihandbibliotheken, der Zugang zu Literatur ist liberal geregelt und enthält ohne weitere Diskussionen z.B. Comics und Graphic Novels. Kriterium für die Auswahl der Literatur ist, ob die Lernenden daran ein Interesse haben.

Erwähnt werden muss, dass durch die genannte Kommission, aber auch durch den Schweizerischen Bibliotheksdienst, den Bibliotheksverband und die bibliothekarische Presse seit den 1970er Jahren regelmässig versucht wurde, die Schulbibliotheken zu verändern. So gab es, neben mehreren Publikationen, in den 1980er Jahren auch zahlreiche Fortbildungen für Schulbibliotheken. Allerdings ist offensichtlich, dass diese Aktivitäten längerfristig nicht die Form der Bibliotheken veränderten.

Abb. 2: Aufgaben der Schulbibliotheken

Abb. 2: Aufgaben der Schulbibliotheken

Erkenntnisse

Die Ergebnisse der Studie werfen neue Fragen auf. Besonders erstaunlich erscheint, dass die Volksschulbibliotheken in St. Gallen im Rahmen der Schulen gut verankert sind, obgleich es gar keine gemeinsame Entwicklung dieser Bibliotheken mehr gibt. Dies geht nicht mit der in der bibliothekarischen Literatur vertretenen Einschätzung überein, dass es nur wenige funktionierende Schulbibliotheken und einen grossen Entwicklungs- und Beratungsbedarf für Schulen in diesem Bereich gäbe. Zu vermuten ist, dass sich solche Widersprüche nicht nur in St. Gallen finden.

Ein offensichtlicher Vorteil der kleinen Schulbibliotheken im lokalen Schulhaus liegt in der umittelbaren Nähe und der leichten Erreichbarkeit für die Schülerinnen und Schüler. Nur dadurch ist der wöchentliche Besuch während des Unterrichts möglich.

Die Studie zeigte, dass es sinnvoll sein kann, die Forschung zu Schulbibliotheken direkt in den Schulen durchzuführen, die Position der Schulen einzunehmen und sich nicht nur – wie dies vor allem Studienabschlussarbeiten im Bibliothekswesen tun – auf bibliothekarische Fachliteratur und besonders sichtbare Schulbibliotheken zu beziehen.

Die Studie konnte nicht aufzeigen, aus welchem Grund die Volksschulen in St. Gallen diese Formen von Schulbibliotheken bevorzugten. Gleichzeitig war es nicht möglich, den genauen Ablauf der Arbeit in ihnen zu untersuchen. Auffallend war u.a., dass die Leseförderung nach Literaturversorgung als zweit wichtigste Aufgabe genannt wurde, gleichzeitig aber kaum didaktische Überlegungen geäussert wurden, was genau dies heisst. Während der kurzen Einblicke, die in dieser Studie gewonnen wurden, schien es oft so, als würde das regelmässige, freie Lesen von Büchern mit dieser Förderung gleichgesetzt. Es ist zu erwarten, dass daneben im restlichen Schulbetrieb weitere Formen der Leseförderung genutzt werden.

Es scheint aber klar, dass diese Form der Leseförderung in den weiteren Schul- und Lehrbetrieb und somit in die dort vorhandenen Konzepte integriert ist. Dies zeigt sich auch daran, dass öfters das Programm Antolin (www.antolin.de) zur Leseförderung eingesetzt wird. Damit werden Schülerinnen und Schüler zum Lesen ermuntert, manchmal auch durch Leistungskontrollen unterstützt und das Verständnis der gelesenen Texte abgefragt. Die dafür benötigten Bücher werden von den Schülerinnen und Schülern während der Lesestunde in der Schulbibliothek ausgeliehen. Die Konzentration auf Antolin schlägt sich auch in dem Medienbestand der Bibliothek nieder, da vorzugsweise Literatur beschafft wird, die in Antolin enthalten ist. Die Wirksamkeit dieser Form der Leseförderung war kein Untersuchungsgegenstand der Studie. Entsprechend verzichtet die Studie auf eine Bewertung der verschiedenen Bibliothekstypen, also von zentralen kleinen Schulbibliotheken im Vergleich zu kombinierten Schul- und Gemeindebibliotheken. In beiden Fällen wäre es wünschenwert, wenn die Wirkung der Aktivitäten auf die Lese- und Medienkompetenzen der Schülerinnen und Schüler untersucht werden könnten.

Die Studie ist auf der Homepage der Bibliothekskommission St. Gallen (www.sg.ch/home/kultur/kantonsbibliothek/bibliotheksfoerderung.html) eingestellt.

 

Karsten Schuldt und Ekaterina Vardanyan sind Wissenschaftliche MitarbeiterInnen und Rudolf Mumenthaler ist Professor für Bibliothekswissenschaft an der HTW Chur.

Makerspaces für kleinere und kleinste Bibliotheken. Bericht und Materialien zum Projekt LL.gomo

1. Projektbeschrieb

Makerspaces ‒ also Räume und Angebote, die zumeist auf der Basis aktueller, pädagogisch ausgerichteter und kleiner Technologien, die darauf ausgerichtet sind, Dinge eigenständig zu “machen” (d.h. herzustellen) und Communities zu bilden ‒ sind in den letzten fünf Jahren zu einem etablierten Thema im Bibliothekswesen geworden. Stand in den ersten Diskussion noch zur Debatte, ob Bibliotheken der richtige Ort für solche Einrichtungen seien (auch, da es ähnliche Angebote, z.B. als Vereine oder in Schulen gibt), ist dies heute im Bibliotheksbereich einigermassen unbestritten. Auch, wenn die Entwicklung in anderen Sprachräumen anders verlief, gelten Makerspaces in der Schweiz (und Deutschland und Frankreich) als eine mögliche Ergänzung der bibliothekarischen Angebote. Nicht jede Bibliothek wird sie einrichten, auch sind die Erfahrungen durchwachsen (viele Makerspaces funktionieren eher “stossweise” bei Veranstaltungen, die von den Bibliotheken organisiert werden, nicht als Community-bildend), aber auch nicht negativ.
An der HTW gab es schon einige Abschlussarbeiten, ein Seminar und andere Beiträge zu Makerspaces in Bibliotheken. Das Thema ist interessant, da z.B. klar ist, dass sich viele Versprechen die von den Herstellern der Techniken gemacht werden, nicht erfüllen; dass sich immer wieder die Frage stellt, wer wirklich mit solchen Makerspaces erreicht wird (z.B.: Kommen in die Bibliotheken andere Menschen als in Hackerspaces oder FabLabs?); dass nicht klar ist, welche Ziele die Bibliotheken genau mit den Makerspaces verfolgen, auch wenn sie diesen aufgeschlossen gegenüberstehen. Das Projekt LLgomo (Library Lab goes mobile) schloss an die schon gemachten Forschungen an, konzentrierte sich aber auf eine andere Frage.
LLgomo  versuchte, die Möglichkeiten von Makerspaces für Bibliotheken in kleineren Gemeinden zu eruieren. Obwohl die Technik, die in Makerspaces verwendet wird, nicht übermässig teuer ist, scheuen diese Bibliotheken oft die Kosten, teilweise auch den Aufwand (der bei meist sehr geringen Stellenprozenten neben der restlichen Arbeit zu leisten wäre) für die feste Etablierung solcher Einrichtungen. Im Anschluss an Vorbilder aus anderen Staaten (Niederlande, Kanada, USA; Moorefield-Lang 2015, Gierdowski & Reis 2015, Craddock 2015, de Boer 2015, Willingham & de Boer 2015) untersuchte das Projekt, ob und wie es möglich wäre, Makerspaces so mobil zu machen, dass sie in kleineren Bibliotheken genutzt werden können.
Dafür wurde die Zusammenarbeit mit kantonalen Fachstellen für Bibliotheken angestrebt. Grundsätzlich zeigt das Projekt anhand von Prototypen, wie Makerspaces, unter den spezifischen Voraussetzungen des ländlichen Raumes in der Schweiz, mobil gemacht werden können. Eine Nachnutzung durch kantonale Fachstellen oder grössere Bibliothekssysteme mit Filialen ist möglich.

3D-Drucker in der Bibliothek Möhlin (Bild: Karsten Schuldt)

3D-Drucker in der Bibliothek Möhlin (Bild: Karsten Schuldt)

2. Projektverlauf

Grundsätzlich folgte das Projekt dem Projektplan und erreichte sein Projektziel. Es wurden drei Boxen als Prototypen erstellt und, in Zusammenarbeit mit zwei kantonalen Fachstellen, zwei davon in jeweils zwei kleineren Bibliotheken in der Schweiz erfolgreich getestet. (Wettingen (AG), Wettswil (ZH), Uitikon (ZH), Möhlin (AG)) Zeitverschiebungen ergaben sich aus Problemen bei Terminabsprachen, konnten aber gut aufgefangen werden.
Im ersten Schritt wurde die ‒ erstaunlich viele ‒ Literatur zu Makerspaces in Bibliotheken gesichtet. Dabei zeigte sich, dass

  1. der Grossteil dieser Literatur sich mit den konkreten Umsetzungen in Bibliotheken, bis hinunter auf die Ebene einzelner Technologien, beschäftigt
  2. ein kleiner Teil sich auch mit Zielen und Möglichkeiten der Makerspaces in Bibliotheken beschäftigt, wobei diese insgesamt sehr nebulös bleiben, z.B. von “innovativen Lernmethoden” sprechen, aber nicht konkretisieren, was diese von anderen anwendungsbezogenen Lernmethoden unterscheidet
  3. ein grosser Teil der Literatur, die konkrete Aussagen über die Ziele der Makerspaces macht, sich auf Schulbibliotheken in den USA und Kanada bezieht, damit aber auch auf Gegebenheiten (Einbindung in die jeweilige Schule, grundsätzliche Orientierung auf eine Bildungsmission, feste Orte für Makerspaces) bezog, die in den kleineren Bibliotheken der Schweiz so nicht vorliegen
  4. die Erfahrungen aus den Bibliotheken grundsätzlich positiv sind, wenn auch immer wieder Abstriche bei der konkreten Umsetzung (z.B. Technik, die entgegen der Erwartungen die Nutzerinnen und Nutzer doch nicht anspricht, Probleme bei der Motivation für langfristige Projekte, das Nicht-Entstehen von Communities) gemacht wurden. Die Nutzenden scheinen Makerspaces grundsätzlich gut zu finden und zumindest zu Beginn auch auszuprobieren; die Kolleginnen und Kollegen in den betreffenden Bibliotheken sind durch Makerspaces in ihrer weiteren Arbeit motiviert
  5. es genügend Beispiele für Bibliotheken in kleineren Gemeinden gibt, die auch erfolgreich Makerspaces durchgeführt haben
  6. die bibliothekarische Literatur zwar ungefähre Verweise auf Literatur zu Makerspaces ausserhalb der Bibliotheken macht, aber deren Aussagen und Vorhersagen nicht wirklich wahrnimmt. So wird kaum über Erfahrungen aus anderen Makerspaces oder den grossen Versprechen (Anderson 2012, Libow Martinez & Stager 2013; Schwerpunkt der New Media & Society 18 (2016) 4), die sich zum Teil mit diesen verbinden, nachgedacht; die wenige Literatur, die darüber hinausgeht (Bilandzic & Foth 2013, Bilandzic & Johnson 2013), wird kaum beachtet.

Auf dieser Basis war es schwer zu klären, was ‒ über den Effekt des “Neuen” und “Spass” hinaus ‒ das Ziel von Makerspaces in Bibliotheken sein könnte. (Dies bestätigte sich auch in einer Bachelorarbeit, die u.a. feststellte, dass Bibliotheken in der Schweiz Makerspaces einrichten, zu diesen aber keine Zielvorstellungen formulieren können. (Hanselmann 2016)) Organisationssoziologisch ist dieser Befund interessant, für das Projekt bedeutete er aber, dass die “Mobilen Makerspaces” nicht auf klaren Zielsetzungen aufgebaut werden konnten.

Die Veranstaltung in Uitikon, auf der Herbstmesse (Bild: Karsten Schuldt)

Die Veranstaltung in Uitikon, auf der Herbstmesse (Bild: Karsten Schuldt)

Stattdessen wurde auf die Erfahrungen aus einem Seminar an der HTW im Jahr 2015 zurückgegriffen, dass feststellte, dass jede Technologie, die als “Makerspace-Technologie” auftritt, auf ihre Verwendbarkeit in der Bibliothek getestet werden muss. So gibt es z.B. als “Lerncomputer” bezeichnete Hardware (z.B. Raspberry Pi), die den Anspruch hat, möglichst einfach zu sein, aber nach den Erfahrungen der Studierenden im Seminar zu kompliziert ist, um ohne Vorkenntnisse in Bibliotheken eingesetzt werden zu können. Ebenso wurde auf die in der Literatur niedergelegte Erfahrung aus den Bibliotheken über einzelne Techniken zurückgegriffen.

Es wurden drei Boxen entworfen, die jeweils höchsten 5000 CHF in der Anschaffung kosten sollten. Zwei davon wurden direkt umgesetzt, eine soll später mit Drittmitteln realisiert werden. Über den Sommer 2016 wurde die Technik ausgewählt, erworben und ausprobiert. Kriterien waren (a) möglichst einfach zu nutzen, (b) zuverlässig, stabil und möglichst fehlertolerant, (c) eingeführt, d.h. leicht nachkaufbar, (d) positive Erfahrungen aus anderen Bibliotheken. Während dieser Recherchen mussten viele Technologien, die im Zusammenhang mit Makerspaces oft erwähnt werden, als unpassend verworfen werden. Beispielsweise stellte sich heraus, dass Drohnen nur kurze Flugzeiten von einigen Minuten haben, dann aber über einen weit längeren Zeitraum wieder aufgeladen werden müssen. Dies ist für eintägige Veranstaltungen unzumutbar. Jede der Boxen hatte einen eigenen Fokus.

MOOS in der Bibliothek Wettswil, während des Adventsmarkts (Bild: Rudolf Mumenthaler)

MOOS in der Bibliothek Wettswil, während des Adventsmarkts (Bild: Rudolf Mumenthaler)

Die Boxen enthalten neben der Technik selber sogenannte Handbücher, die sehr kurz die notwendigen Schritte beschreiben, um die Techniken zu nutzen. Dabei wurde darauf geachtet, möglichst wenig vorzugeben und über die Texte eher Mut zum Ausprobieren zu machen. Die meiste Technik lässt sich z.B. bei Fehlern mit “Ausschalten / wieder Einschalten” beherrschen. Es ging eher darum, klarzumachen, dass Ausprobieren erwünscht ist.

Box 1: Spiel und Spass mit Technik Box 2: Filmen Box 3: moderner Bastelkeller
enthält:

  • Ozobot
  • Sphero 2.0
  • MakeyMakey
  • LittleBits
  • Cubelets
  • MOSS
Enthält:

  • Kameras
  • Licht
  • Mikrophone
  • Kameradrohne (DJI Mavic Pro)
  • Rechner
Enthält:

  • Makerbot 2 go
  • Brother Scan N Cut
  • Lego Mindstorm
  • LittleBits
Für eintägige Veranstaltungen Für modulare Veranstaltungen (mehrere Termine, die gemeinsam absolviert werden müssen) Für eintägige Veranstaltungen

Im Oktober bis Dezember 2016 wurden die Boxen, in Absprache mit den kantonalen Fachstellen für Öffentliche Bibliotheken im Aargau und in Zürich in vier kleinen Bibliotheken in jeweils einer eintägigen Veranstaltung erprobt. Die Mitarbeitenden erhielten nach den Terminabsprachen die Handbücher der Boxen sowie jeweils rund eine Woche zuvor die Boxen selber. Am Tag der jeweiligen Veranstaltung wurde diese vom Projektteam beobachtet, im Anschluss (entweder direkt nach der Veranstaltung oder in der darauffolgenden Woche) wurde mit dem Bibliothekspersonal über deren Erfahrungen mit den Boxen geredet.

  1. Bibliothek Wettingen (AG) (Box 1)
  2. Bibliothek Uitikon (ZH) (Box 3)
  3. Bibliothek Wettswil (ZH) (Box 1)
  4. Gemeindebibliothek Möhlin (AG) (Box 3)

Auf der Basis dieser Tests wurden die Boxen und insbesondere die Handbücher überarbeitet.

LittleBits und MakeyMakey in der Gemeindebibliothek Wettingen (Bild: Karsten Schuldt)

LittleBits und MakeyMakey in der Gemeindebibliothek Wettingen (Bild: Karsten Schuldt)

3. Projektergebnisse

Die Boxen haben sich im Grossen und Ganzen bewährt, der Ansatz lässt sich auf weitere Technologien und Boxen übertragen.

Als Ergebnisse liegen vor:

  1. Listen der Technologien und Materialien in den Boxen, mit allen Kosten (kurzfristig und langfristig, d.h. auch mit Verbrauchsmaterialien und Kosten bei der Verschickung). Kantonale Fachstellen, grössere Bibliothekssysteme mit Filialen oder andere können diese nun selbstständig umsetzen und betreiben.
  2. Handbücher für die getesteten Technologie sowie eine Vorlage für neue Handbücher.
  3. Erfahrungsberichte aus den Bibliotheken, die mit den Boxen arbeiteten.
Werbung für die Veranstaltung in der Bibliothek Wettswil (Bild: Rudolf Mumenthaler)

Werbung für die Veranstaltung in der Bibliothek Wettswil (Bild: Rudolf Mumenthaler)

Materialien

Handreichung

Handreichung LL.gomo für kantonale Fachstellen u.ä.

Handbücher

Handbuch Boxen
Handbuch Cubelets
Handbuch LittleBits
Handbuch MakeyMakey
Handbuch Moss
Handbuch Ozobot
Handbuch Sphero 2.0
Handbuch Lego Mindstorms
Handbuch Scan’n’Cut CM700
Handbuch Ultimaker2go

Berichte über Veranstaltungen

Bericht Wettingen (02.11.2016)
Bericht Uitikon (12.11.2016)
Bericht Wettswil (27.11.2016)
Bericht Möhlin (13.12.2016)

Publikationen

Mumenthaler, Rudolf ; Schuldt, Karsten: Makerspace auch für kleinere Bibliotheken. In: SAB-Info / Info-CLP [Im Erscheinen]
Schuldt, Karsten: Anleitung und Vorschläge für Makerspaces in Bibliotheken: Sammelrezension. In: RESSI Bd. 17 (2016), http://www.ressi.ch/num17/article_133
Schuldt, Karsten: Die Makerspaces und die Bibliotheken: Über Missverständnisse und übertriebene Hoffnungen sowie einen Vorschlag zur Neuinterpretation, Blogbeitrag, 2016, https://bildungundgutesleben.wordpress.com/

Literatur

Anderson, Chris: Makers: The New Industrial Revolution. New York : Crown Publishing, 2012
Bilandzic, Mark: Connected learning in the library as a product of hacking, making, social diversity and messiness. In: Interactive Learning Environments Bd. 24 (2016), Nr. 1, S. 158–177
Bilandzic, Mark ; Foth, Marcus: Libraries as coworking spaces: Understanding user motivations and perceived barriers to social learning. In: Library Hi Tech Bd. 31 (2013), Nr. 2, S. 254–273
Bilandzic, Mark ; Johnson, Daniel: Hybrid placemaking in the library: desinging digital technology to enhance users’ on-site experience. In: The Australian Library Journal Bd. 62 (2013), Nr. 4, S. 258–271
Craddock, IdaMae Loiuse: Makers on the move: a mobile makerspace at a comprehensive public high school. In: Library Hi Tech Bd. 33 (2015), Nr. 4, S. 497–504
de Boer, Jeroen: The business case of FryskLab, Europe’s first mobile library FabLab. In: Library Hi Tech Bd. 33 (2015), Nr. 4, S. 505–518
Gierdowski, Dana ; Reis, Daniel: The MobileMaker: an experiment with a Mobile Makerspace. In: Library Hi Tech Bd. 33 (2015), Nr. 4, S. 480–496
Hanselmann, Marcel: Makerspaces in öffentlichen Bibliotheken: Eine Untersuchung der didaktischen Ziele und eine Evaluation der Technologie littleBits. Chur, HTW Chur, Bachelorarbeit, 2016
Libow Martinez, Sylvia ; Stager, Gary: Invent To Learn: Making, Tinkering, and Engineering in the Classroom. Torrance : Constructing Modern Knowledge Press, 2013
Moorefield-Lang, Heather: When makerspaces go mobile: case studies of transportable maker locations. In: Library Hi Tech Bd. 33 (2015), Nr. 4, S. 462–471
New Media & Society 18 (2016) 4
Willingham, Theresa ; de Boer, Jeroen: Makerspaces in Libraries, Library Technology Essentials. Lanham ; Boulder ; New York ; London : Rowman & Littlefield, 2015

Gehen die „einfachen Aufgaben“ in den Bibliotheken zurück?

Karsten Schuldt

Stanley Wilder, Bibliotheksleiter der University of North Carolina in Charlotte, publizierte vor kurzem auf der Homepage des Library Journals einen Kommentar, in welcher er zugespitzt das Ende von „einfachen Bibliotheksaufgaben“ herannahen sieht. Mit einfachen Aufgaben meint er zum Beispiel die gesamten Aufgaben, die in Wissenschaftlichen Bibliotheken mit gedruckten Zeitschriften verbunden sind (Bestellungsüberprüfung, Transport von der Poststelle in die Bibliothek, durch die Bibliothek, in die Lesesäle, Einstellen ins Regal, Vorbereitung zum Binden, Transport zum Binden, Wiederannahme, Überprüfung der Bindung, eventuell später Einstellen ins Magazin) oder auch das ständige Einstellen von zurückgegebenen Medien in die Regale.

Seine Aussage basiert auf den Statistiken der Association of Research Libraries, welche für die US-amerikanischen Wissenschaftlichen Bibliotheken in den letzten Jahren einen massiven Abbau des „support staff“ (ein Sammelbegriff für alles Personal ohne bibliothekarische oder vergleichbare Ausbildung) und der studentischen Aushilfen in Bibliotheken feststellte. Gleichzeitig ist die Zahl der ausgebildeten Bibliothekarinnen und Bibliothekare merklich gestiegen – entgegen allen Etatkürzungen aufgrund der Rezession. Sogar der durchschnittliche Verdienst des US-amerikanischen Bibliothekspersonals ist überdurchschnittlich schnell gestiegen.

Oder anders: Das Personal Wissenschaftlicher Bibliotheken, dessen Aufgaben eher austauschbar sind und die keine oder wenig Ausbildung für diese brauchen, nimmt ab; das besser ausgebildete Personal mit den spezialisierten Aufgaben hat zugenommen.

Wilder sieht für diese Entwicklung drei Gründe:

  1. Durch die Verbreitung digitaler Medien, vor allem der Zeitschriften, sind Prozesse effizienter geworden und „einfache Aufgaben“ zum grossen Teil weggefallen. Niemand muss mehr Zeitschriften durch die Gegend tragen, in die Regale einstellen oder Jahrbände zum Binden vorbereiten; wenn Zeitschriften elektronisch vorliegen.
  2. Für viele, zuvor mechanische oder einfach Prozesse sind in den Bibliotheken neue, komplexere Prozesse etabliert worden. Diese sollen, so zumindest Wilder, höhere Qualifikationen erfordern. (Wobei die meisten digitalen Prozesse, beispielsweise die digitale Ausleihverwaltung, eigentlich mit dem Versprechen eingeführt wurden, Arbeit einzusparen.)
  3. Die Anzahl des Personals mit Aufgaben im IT-Bereich – welches zudem oft besser bezahlt wird – ist sprunghaft gestiegen.

Der Autor zieht aus diesen Entwicklungen den Schluss, dass (1) die „leichten Aufgaben“ in Bibliotheken und damit auch die damit zusammenhängenden Jobs, mehr und mehr verschwinden werden, insbesondere wenn sich E-Books als Form der wissenschaftlichen Monographie durchsetzen; dass (2) Bibliotheken darauf mit einer klaren Strategie der Personalentwicklung reagieren und ihr Personal dabei unterstützen müssen, die notwendigen Kompetenzen zu erwerben und dass (3) das Personal von sich aus auf diese Veränderungen mit eigenständiger Weiterbildung reagieren muss. Gleichzeitig benennt er, dass (4) das Problem der wegfallenden Jobs – die ja für eine Anzahl von Studierenden zur Finanzierung des Studiums und für andere Menschen zur Finanzierung ihres Lebens notwendig sind – nicht von den Bibliotheken zu lösen sein wird.

Einschränken muss man die Meinung von Wilder darauf, dass er auf US-amerikanische Wissenschaftliche Bibliotheken blickt. Insoweit sind die Zahlen nicht einfach auf die Schweiz zu übertragen. Aber der von ihm angesprochene Trend zur Professionalisierung der bibliothekarischen Arbeit ist auch hier festzustellen. Waren Bibliotheken lange unter anderem ein Refugium für Menschen, die sich mit insgesamt einfacheren, körperlich aber anstrengenderen Jobs durchschlagen mussten oder gar zufrieden waren, werden sie zunehmend zu Einrichtungen, die technische und planerische Kompetenzen erfordern und ein professionelles Umfeld entwickeln, die nicht nur Weiterbildung anbietet, sondern explizit dazu auffordert, sich selber fortzuentwickeln. Ob dies auf alle Bereiche der Bibliotheken zutrifft, insbesondere ob es so auch in Öffentlichen Bibliotheken zu beobachten ist, müsste noch geklärt werden. Zumindest ist festzustellen, dass sich Öffentliche Bibliotheken immer mehr Aufgaben annehmen, die nicht zu den „klassischen“Aufgaben“ gehören (Stichworte: Lernzentren, Programmarbeit, Kooperationen). Die grundlegende Beobachtung Wilders, dass sich Bibliotheken immer mehr zu einem Ort „professioneller Arbeit“ entwickeln scheint richtig. Die Frage heute ist gar nicht, ob das gewollt ist, sondern wie schnell und in welcher Form sich dies umsetzt.

Patron Driven Acquisition: Ist es so gut, wie es scheint?

von Karsten Schuldt

Patron Driven Acquisition (PDA) ist eines der aktuellen Themen des Bestandsmanagements. Die beteiligten Bibliotheken übernehmen die bibliographischen Daten zahlreicher E-Books, kaufen die E-Books aber nicht sofort. Erst, wenn Nutzerinnen und Nutzer diese im Katalog auswählen, wird eine zuvor definierte Aktion ausgelöst: Kauf des Mediums, Leihe über die Bibliothek, Vorlage als Kaufvorschlag. Zahllose Modelle für PDA existieren, bei denen zum Beispiel bestimmte Höchstsummen festgelegt werden können, bei denen die Bibliotheken bestimmte Formen der Intervention haben oder auch bei denen bestimmte Grenzen eingerichtet werden.

Die in der Literatur geschilderten Erfahrungen sind durchweg positiv: Bibliotheken berichten von sinnvollen Ergänzungen ihrer Bestandsstrategien, davon, dass das Angebot von den Nutzerinnen und Nutzern als Erweiterung des Bestandes wahrgenommen wird (da mehr Titel zur Auswahl stehen) und gleichzeitig die befürchteten Missbräuche durch bestimmte Nutzerinnen und Nutzer nicht vorkommen. Die wenigen geschilderten Probleme (so vor allen die Frage, wie die Daten von nicht mehr angebotenen Medien aus dem Katalog entfernt werden), scheinen der Literatur nach eher temporär zu sein und bald gelöst zu werden. Die Ausleihen der Medien, welche per PDA angeschafft werden, scheinen kontinuierlich höher zu sein, als anderweitig ausgewählte Medien. Tyler et al. (2103) untersuchten dies, um eine grössere Studie herauszugreifen, an Daten der Universitätsbibliothek der University of Nebraska. Rösch (2013) fragt in einem Beitrag direkt, ob die Konsequenz aus diesen Ergebnissen nicht sein müsste, die Fachreferate in Frage zu stellen; konstatiert allerdings, dass diese Frage immer wieder umgangen würden, indem Patron Driven Acquisition nur als Ergänzung des Bestandsaufbaus beschrieben wird.

Fehlt die Skepsis?

Gibt es wirklich eine einfache Lösung für die Probleme der Bestandsauswahl? Rösch (2013) benennt in ihrem Text, der auf Interviews mit Fachreferentinnen und -referenten basiert, zumindest einigen passiven Widerstand von deren Seite. Ansonsten scheint die Darstellung von PDA erstaunlich positiv. Das sollte zumindest skeptisch machen. Nicht, dass man immer alles ablehnen müsste. Aber man sollte als Bibliothekswesen zumindest in der Lage sein, Angebote auf ihre möglichen Auswirkungen hin zu befragen.

In einem aktuellen Text stellen sich zwei Kollegen, Sens & Fonseca (2013), dieser Herausforderung. Der Text ist an gewissen Stellen etwas undifferenziert, die Literatur – wohl aufgrund des langen Veröffentlichungsprozesses – nicht mehr auf dem aktuellsten Stand. Aber er ist eine notwendige Korrektur der bislang äusserst unkritischen Beiträge zum Thema und erfüllt damit eine Funktion, welche die Bibliothekswissenschaft eigentlich immer haben sollte: Das Anregen zum Weiterdenken. Insoweit muss man den Ausführungen der beiden Autoren nicht folgen und kann den Text dennoch mit Gewinn lesen. Er ist zu empfehlen.

Sieben Fragen

Eine der Hauptkritiken des Textes lautet, dass PDA, ohne das dies ausreichend beobachtet würde, die Funktion der Bibliothekskataloge verändern würde. Sie wären nicht mehr die objektive Präsentation eines Bestandes, sondern würden zu Verkaufsinstrumenten:

„If academic librarians are not careful, they could fall into the trap of allowing a PDA agreement to (re)create the OPAC as a shopping tool for patrons, and by extension a marketplace for publishers.“ (Sens & Fonseca 2013, p. 359)

“[PDA] offers vendors and publishers carte blanche, a truly golden opportunity to, for example, unload their backlists by making sure those titles appear first in discovery. […]

It is also likely that the academic library’s OPAC will become is an illusion: What seems like unmediated choice among different titles will in fact be a predetermined list of titles filtered by available offerings.” (Sens & Fonseca 2013, p. 360)

Ein wunder Punkt der bisherigen PDA-Modelle ist tatsächlich, dass die bibliographischen Daten von den Anbietern geliefert werden und nur grob von den Bibliotheken ausgewählt werden. Dies bedeutet, dass nicht nur die Kontrolle darüber, was gekauft wird, zum Teil an die Nutzerinnen und Nutzer abgegeben wird, sondern das gleichzeitig die Kontrolle über den Aufbau des Bestandes zum Teil an die Anbieter abgegeben wird. Zum Teil passiert das – was Sens & Fonseca auch benennen – auch ohne PDA, indem zum Beispiel Approval Plans zur Vorauswahl oder Anschaffungsvorschläge als Basis des Bestandsaufbaus eingesetzt werden. Was Sens & Fonseca betonen ist, dass dies bei Patron Driven Aquisition in viel stärken Masse passiert, gleichzeitig aber nicht thematisiert wird.

Ihre weitere Kritik teilen Sens & Fonseca in sieben kritische Fragen ein:

  1. Sollte die Geschichte von PDA einen Grund zur Besorgnis sein? Die beiden Autoren verweisen darauf, dass PDA oft als technische Lösung für das Problem angepriesen wird, dass ein Grossteil des Bestandes jeder Bibliothek ungenutzt bleibt. Während sie zustimmen, dass solche ungenutzten Teil eines Bestandes Grund sind, um über die Praktiken der Bibliotheken nachzudenken, bezweifeln sie, dass PDA die einzige sinnvolle Lösung wäre. So könnten die Bibliotheken auch zu passiv im Angebot ihrer Medien sein. Der Einsatz von PDA als reine Lösung des Problems würde allerdings dazu führen, dass andere Lösungsansätze – also zum Beispiel aktiver in der Vermittlung der Bestände zu sein – nicht verfolgt würden.
  2. Warum fehlt der Literatur zu PDA die notwendige Skepsis? Sens & Fonseca verweisen darauf, dass PDA für Verlage und andere Anbieter ein Business Modell darstellt. Gleichzeitig sei, so ihre Analyse, der Grossteil der Texte über PDA von Vertreterinnen und Vertretern solcher Anbieter geschrieben. Es sei deshalb nicht verwunderlich, dass diese das Modell positiv darstellen. Allerdings: „The lack of a healthy skepticism in the literature has resulted in a lack of research to determine who will controll the discovery process.“ (Sens & Fonseca 2013, p. 363)
  3. Stehen Verlage/Anbieter und wissenschaftliche Bibliotheken wirklich auf einer Seite? Die Autoren stellen heraus, dass es sehr wohl unterschiedliche Interessen gibt. Während Verlage zum Beispiel gerne auch ihre alten Medien verkaufen würden – teilweise neu verpackt – wollen Bibliotheken die neuesten und zu den Interessen ihrer Nutzerinnen und Nutzer passendsten Medien anbieten.
  4. Gibt es eine „mässige“ Lösung für PDA? Ein grosser Teil der Bibliotheken, welche PDA einsetzen, nutzen Lösungen, bei denen Bibliothekarinnen und Bibliothekare weiter einen Einfluss auf die gekauften Medien haben, indem sie zum Beispiel dem Kauf eines Mediums ab einem bestimmten Preis zustimmen müssen. Sens & Fonseca fragen, ob dies wirklich eine haltbare Lösung ist, wenn gleichzeitig Geldgeber immer weiter versuchen, bei Bibliotheken Geld und Personal einzusparen. Sie deuten an, dass die implizite Hoffnung der Bibliotheken, Patron Driven Acquisition unter Kontrolle zu halten, falsch sein könnte.
  5. Sollten wir skeptisch sein, wenn PDA als Lösung für Probleme der Bestandsnutzung angepriesen wird? Die beiden Autoren kritisieren, dass bislang keine Studie zu PDA das reale Auswahlverhalten von Nutzerinnen und Nutzern mit einbeziehen würde. Zwar scheint es sinnvoll, deren Anschaffungswünsche möglichst schnell zu erfüllen; aber es sei fragwürdig, ob Nutzerinnen und Nutzer beispielsweise tatsächlich die besten Medien – und nicht einfach die ersten, die sie finden – auswählen würden.
  6. Angesichts der fehlenden Nachweise ihrer Wirkung, ist PDA wirklich eine gute Idee? Sens & Fonseca kritisieren vor allem die Vorstellung, dass Bibliotheken bislang nicht in der Lage seinen, ein sinnvolles Bestandsmanagement durchzuführen. Dies sei falsch. Auch bisher hätten Bibliotheken die Interessen ihrer Nutzerinnen und Nutzer mit in den Bestandsaufbau einbezogen: „Any professional and well-trained academic librarian has an arsenal of tools to help keep a collection manageable, current, and topical, and the assumption that the extra day it might take (at worst) for a librarian to approve an ebook purchase will hinder research is ludicrous.“ (Sens & Fonseca 2013, p. 368) Sie zeichnen dabei das Bild einer Bibliothek, die in Kommunikation mit ihren Nutzerinnen und Nutzern am Besten in der Lage ist, einen Blick auf die sinnvolle Entwicklung des Gesamtbestandes zu halten. (Hier kann allerdings gegengefragt werden, ob dies nicht eine sehr positive Darstellung der Arbeit von Bibliotheken ist.) Gleichzeitig verweisen die darauf, dass der Einsatz von PDA zu einer anderen Arbeitsweise von Forschenden führen kann und im schlimmsten Fall „[…] a generation of undiscriminating researchers who favor ease over tenacity at best“ (Sens & Fonseca 2013, p. 368) ausbilden würde.
  7. Gibt es bislang einen ausreichend kritischen Dialog zu PDA? Selbstverständlich sind die beiden Autoren der Meinung, dass dies bislang nicht der Fall ist. Sie erinnern daran, dass es sich bei wissenschaftlicher Arbeit nicht nur darum dreht, möglichst einfach an Dokumente zu kommen: „Lest we forget, academics is not about business; it is about education and scholarship.“ (Sens & Fonseca 2013, p. 370) Das Akzeptieren von PDA als technische Lösung für ein Problem des Bestandsmanagements im Grossteil der bisherigen Diskussion und Forschung zum Thema sehen sie auch als Versäumnis, sich daran zu erinnern, dass Universitätsbibliotheken die Verantwortung haben, Angebote von Verlagen und Anbietern kritisch zu bewerten und im Sinne der besten Interessen der Nutzerinnen und Nutzer zu handeln.

Wie gesagt sollte dem Text nicht unumwunden zugestimmt werden. Gleichwohl ist er anregend und wirft, wenn auch etwas kurz skizziert, wichtige Fragen auf. Das von Sens & Fonseca gezeichnete Bild einer Bibliothek, die sich dazu befähigt, kritisch zu denken und zur Not gegen die Interessen der Verlage und Anbieter zu handeln ist, ist interessant, weil es nicht klar ist, ob Bibliotheken sich tatsächlich dazu in der Lage sehen.

Literatur

Rösch, Henriette (2013) / Die Bibliothek als soziales System im Umbruch : PDA und ihre Auswirkungen auf die Beziehung zwischen Bibliothek und ihren Nutzern. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 37 (2013) 1, 70–77, DOI: 10.1515/bfp-2013-0013

Tyler, David C. ; Falci, Christina ; Melvin, Joyce C. ; Epp, Marylou ; Kreps, Anita M. / Patron-Driven Acquisition and Circulation at an Academic Library: Interaction Effects and Circulation Performance of Print Books Acquired via Librarians‘ Order, Approval Plans, and Patrons‘ Interlibrary Loan Requests. In: Collection Management 38 (2013) 1, 3-32, DOI: 10.1080/01462679.2012.730494

Sens, Jean-Mark ; Fonseca, Anthony J. (2013) / A Skeptic‘s View of Patron-Driven Acquisitions: Is it Time to ask the Tough Questions?. In: Technical Services Quarterly 30 (2013) 4, 359-371, DOI: 10.1080/07317131.2013.818499

Projekt: COLiSu – Connecting Open Library Systems and Sugar

Brigitte Lutz, Karsten Schuldt

Schulbibliotheken in der dritten Welt? Davon gibt es (wohl) eher wenige, vor allem im ländlichen Raum. Und wenn, dann sehen sie nicht so aus, wie wir uns das vorstellen. So sind Lehrmaterialien oftmals nur in geringen Mengen vorhanden und werden häufig von den Lehrpersonen boykottiert oder Eltern müssen Arbeitsmaterialien beisteuern. Geld für neue Medien ist in der Regel eher nicht vorhanden, ganz zu schweigen von finanziellen Ressourcen für bibliothekarische Arbeitskräfte oder Bibliothekssysteme.

Da es aber nicht nur im Bereich der Schulbibliotheken mangelt, sondern auch an technischer Ausstattung, wurde 2006 das Projekt „One Laptop per Child“ gestartet. Es hat sich zum Ziel gesetzt, einen Laptop zu entwerfen, der den Bedingungen dieser Länder angepasst. Dieser Laptop ist mittlerweile in mehr als 40 Staaten verbreitet. Ausgestattet ist er mit der – auf beliebige Linux- oder Windows-Systeme aufsetzbaren – Desktop-Oberfläche „Sugar“,  einem System, welches auf die Zielgruppe der Kinder angepasst ist. Es ist intuitiv und ohne jegliche PC-Kenntnisse nutzbar. Zusammengesetzt ist es aus mehreren sogenannten Aktivitäten. Dabei handelt es sich um verschiedene Programme, welche grösstenteils visuell gestaltet sind. Da es sich bei Sugar um Open Source handelt, können bestehende Aktivitäten beliebig verändert und erweitert und neue Aktivitäten entwickelt werden.

Das Projekt COLiSu begann mit der einfachen Frage: Warum sollte man nicht eines der zahlreichen Open Source Bibliothekssysteme wie Koha, NewGenLib oder ABCD nehmen und es so anpassen, dass es auch in Sugar integriert werden beziehungsweise von Sugar aus genutzt werden kann? Damit würde man neue Möglichkeiten schaffen, Bibliotheksbestände besser für Kinder und Jugendliche zugänglich zu machen und sie damit in den Lernprozess zu integrieren. Ferner könnte eine Realisierung solcher Zugänge dazu beitragen, dass Öffentliche Bibliotheken sowie national tätige Bibliotheken beginnen, Dienste für die Schülerinnen und Schüler in ländlichen Gegenden zu entwickeln. Zu wünschen wäre ausserdem, dass Bibliotheken ihren Bestand mit elektronischen Medien erweitern, welche dann über Sugar zugänglich gemacht werden könnten. Das SII widmet sich derzeit im Forschungsprojekt dieser Aufgabenstellung und lotet aus, wie freie Bibliothekssysteme mit Sugar verbunden werden könnten und welche Möglichkeiten für die bibliothekarische Arbeit sich daraus ergeben.

Im Moment ist noch offen, inwiefern eine solche Lösung überhaupt umsetzbar wäre und was sie bringen würde, ob der Zugang zu Medien dadurch verbessert würde, der Lernerfolg bei den Lernenden dadurch grösser und der Unterricht aufgrund des freieren Zugangs zu Wissen dadurch demokratischer wäre. Doch vielleicht ist dies eine Chance, die Schulbedingungen in der dritten Welt tatsächlich ein wenig zu verbessern.

Zu klären sind in diesem Projekt:

  1. Die software-technischen Fragen der Verbindung von Sugar und freien Bibliothekssystemen. Da alle Komponenten als Open Source vorliegen und zumeist klar definierte Schnittstellen aufweisen, scheint dies relativ leicht möglich.
  2. Die Gestaltung der Aktivität oder Aktivitäten in Sugar, welche auf die Bibliothekssysteme zurückgreifen sollen.
  3. Die organisatorischen Fragen in Schulen, Bibliotheken und Schulbibliotheken. Neben der Frage, was möglich wäre, ist auch zu klären, wie und mit welchem Aufwand bestimmte Anwendungen umgesetzt werden können, ob sie sinnvoll in Schule, Unterricht oder Freizeit der Schülerinnen und Schüler eingesetzt werden können. Dabei sind auch die spezifischen Voraussetzungen in den unterschiedlichen Staaten zu bedenken.
  4. Im Idealfall würden Feldtests Auskunft darüber geben, ob solche Aktivitäten tatsächlich – und wenn ja, mit welchem zusätzlichen Aufwand, beispielsweise der Schulung von Lehrerinnen und Lehrern, Bibliothekarinnen und Bibliothekaren – Auswirkungen haben können.
  5. Im weitergehenden Idealfall wird im Laufe des Projektes eine Verbindung zu den Versuchen, mittels Open Educational Resources die Möglichkeiten des Unterrichts und Lernens weltweit zu verbessern, hergestellt.

Tagesanzeiger erklärt BigData

Gestern erklärte der Tagesanzeiger seinen Leserinnen und Lesern Big Data, allerdings nicht als Forschungsdatenmanagement, sondern als Marketing- und Geschäftsplanungstool. Trotzdem sehr einprägsam: Barandun, Angela (2013) / Das Muster im Datenchaos. In: Tagesanzeiger, 08.04.2013, http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/konjunktur/Das-Muster-im-Datenchaos/story/24936251

Call for Papers: Open Access Tage 2013 (01./02.10, Hamburg)

Für die Open Access Tage, die 2013 von der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg sowie dem ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft in Hamburg organisiert werden, erschien soeben de Call for Papers. (Als PDF hier) Einsendeschluss ist der 30. März 2013.

Sehr geehrte Damen und Herren,

vom 01.-02. Oktober 2013 finden die 7. Open-Access-Tage an der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg (SUB) statt. Die Konferenz wird von der SUB gemeinsam mit der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft und in Kooperation mit der Informationsplattform open-access.net ausgerichtet. Weiterlesen

CfP: LIBER Conference 2013

Für die im Juni 2013 in München stattfindende LIBER (Ligue des Bibliothèques Européennes de Recherche – Association of European Research Libraries) Conference steht unter dem etwas sehr beliebigen Motto „Research Information Infrastructures and the Future Role of Libraries“ und hat kürzlich ihren Call for Papers/Posters veröffentlicht. Einsendeschluss ist der 31.01.2013.

Volltext: Weiterlesen

Lernen, sozial Interagieren, Erfahren, Aktiv sein. Ein Modell für Öffentliche Bibliotheken aus Dänemark

In einem Text in der aktuellen New Library World stellen drei Kolleginnen und Kollegen ein Modell für Öffentliche Bibliotheken vor, welches im dänischen Bibliothekswesen und der Politik für und über Bibliotheken in Dänemark aktuell Verwendung findet. [Jochumsen, Henrik; Hvenegaard Rasmussen, Casper; Skot-Hansen, Dorte / The four spaces – a new model for the public library. In: New Library World 113 (2012) 11/12, 586-597] Erstellt wurde das Modell im Rahmen der neuen nationalen Bibliotheksstrategie, die auch in Dänemark auf die Rezension Rücksicht zu nehmen hat.

Prinzipiell geht das Modell davon aus, dass eine Teilung in virtuelle und physische Bibliothek schon stattgefunden hat. Dies hätte allerdings nicht dazu geführt, dass die Bedeutung der physischen Bibliothek, also vor allem des Bibliotheksraumes, abgenommen hätte. Vielmehr sei es zu einer Veränderung der Nutzung dieses Raumes gekommen. Die Bibliothek würde mehr und mehr als Zentrum von gesellschaftlichen und individuellen Aktivitäten genutzt werden. Darauf soll das Modell reagieren.

Postuliert wird nun von der Arbeitsgruppe, welche das Modell im Auftrag des dänischen Kultusministeriums erarbeitet hat, dass sich die Aufgaben der neuen (Öffentlichen) Bibliotheken prinzipiell in vier Bereiche unterteilen lassen:

  • Lernen (Learning Space)
  • Treffen, sozial Interagieren (Meeting Space)
  • Erfahren (Inspiration Space)
  • Aktiv sein, Erstellen (Performative Space)

Diese Vierteilung soll zur strategischen Planung, Evaluation und zum Umbau von Bibliotheken sowie zur Gestaltung von bibliothekarischen Angeboten dienen. Deutlich sichtbar ist dabei, dass dieses Modell die Tätigkeiten der Bibliotheken weit über den Bibliotheksbestand hinaus begreift. Die Bibliothek soll sich als Einrichtung begreifen, die diese vier Bereiche jeweils lokal ausgestaltet (was auch heisst, zu wissen, was lokal für die potentiellen Nutzerinnen und Nutzer sinnvoll sein kann und was die kulturellen Möglichkeiten für diese ausserhalb der Bibliothek sein können).

The four spaces are not to be seen as concrete ‚rooms‘ in a physical sense, but rather as possibilities that can be fulfilled both in the physical library and in cyberspace. In an ideal library these four spaces will support each other, and thereby support the library’s objectives. The overall task is to make all four spaces interact by incorporating them in the library’s architecture, design, services, programs and choice of partnerships. (Jochumsen, Hvenegaard Rasmussen, Skot-Hansen, 2012, p. 590)

Das Modell, so die Kolleginnen und Kollegen weiter, sei in dänischen Bibliotheken diskutiert und teilweise auch angewandt worden. Es wurde offenbar auch von Kultusministerium angenommen. Gleichzeitig wirft es natürlich Fragen auf, die im Text nicht angesprochen werden:

  • Was ist eigentlich die Funktion des Bibliotheksbestandes in solchen Einrichtungen?
  • Wie werden die einzelnen Spaces gestaltet und vor allem wieso? Die Bibliotheken sollen offenbar sehr lokal orientiert sein, aber wie lässt sich dies herstellen? Wie lässt sich das lokale Bedürfniss eruieren, wie in bibliothekarische Angebote übersetzen?
  • Sind das dann überhaupt noch Bibliotheken?
  • Gibt es auch Widerspruch zu diesem Modell?
  • Warum wurden gerade diese vier Funktionen ausgewählt? Sicherlich erscheinen sie intuitiv nicht falsch zu sein, aber gibt es nicht andere Funktionen, die auch möglich gewesen wären? Beispielsweise wird für australische Bibliotheken immer wieder deren Funktion bei der Vermittlung des australian cultural heritage betont. Warum wird das in Dänemark nicht thematisiert?

Wichtig scheint aber, dass ein solches Modell, wenn es breit akzeptiert wird, selbstverständlich zum Umbau von Bibliotheken, teilweise auch des Personalbestandes führen muss. Immerhin wird so anders über Öffentliche Bibliotheken nachgedacht, als zuvor. Fast gleichzeitig zu diesem Modell wurden in Dänemark offenbar eine Reihe von „staffless libraries“ eingeführt, die von einer zentralen Bibliothek verwaltet, ohne Personal (dafür mit Videokameras) zugänglich sind. Das nicht nur, weil es als Kompromiss zwischen dem Schliessen von Filialen (aus Geldmangel, wie immer) und dem Wunsch der lokalen Bevölkerung nach einer Öffentlichen Bibliothek ausgehandelt wurde, sondern auch, weil postuliert wurde, dass diese staffless libraries das Erfüllen können, was von kleinen Bibliotheksfilialen ehedem gefordert wird: Die Medienausleihe, hauptsächlich für den Freizeitgebrauch. [Johannsen, Carl Gustav / Staffless libraries – recent Danish public library experiences. In: New Library World 113 (2012) 7/8, 333 – 342] Alle weitergehenden bibliothekarischen Funktionen sind in die zentral in den grösseren Städten gelegenen Einrichtungen ausgelagert.

Das sind beides beachtenswerte Entwicklungen, zumal das schweizerische Bibliothekswesen in der Vergangenheit gerne auf die skandinavischen Bibliothekswesen geschaut und diese teilweise als Vorbild verstanden hat.

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