HTW Chur - SII

InfoWiss Chur

Blog des Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft

Autor: MSc IS Studierende

Vertrauen in elektronischen Räumen (Nadine Wallaschek)

Im Rahmen des Master-Studiengangs Information Science an der HTW Chur müssen Studierende im vierten Semester unter anderem im Modul „Informationsethik“ bei Prof. Rainer Kuhlen als Teil des Leistungsnachweises zu einer These ein Essay verfassen. Ausgewählte Essays aus dem Frühlingssemester 2012 haben wir in den letzten Tagen hier im Blog vorgestellt. Dies ist der letzte Beitrag dieser Reihe.

Vertrauen in elektronischen Räumen – Hat sich die Art, wie & wem wir vertrauen, durch das Internet verändert?
Verfasserin: Nadine Wallaschek

Vertrauen
Wozu brauchen wir Vertrauen? Ein Sprichwort besagt „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser“. Doch alles können wir nicht kontrollieren, denn dafür müssten wir alles wissen. Vertrauen ist also dann nötig, wenn wir über einen unvollständigen Wissensstand bezüglich einer Situation verfügen und uns deshalb auf andere verlassen müssen, von denen wir annehmen, dass sie mehr Kenntnisse haben als wir. Wenn wir vertrauen, müssen wir Kontrolle abgeben: alles können wir nicht wissen, es bleibt nur, zu hoffen, dass uns aus unserem Vertrauen in andere keine Nachteile entstehen, wir nicht über den Tisch gezogen oder ausgenutzt werden.
Bislang haben wir unser Vertrauen hauptsächlich Menschen geschenkt, die wir mehr oder weniger persönlich oder direkt kennen:

  • Unserem Bankberater vertrauen wir, dass er uns eine möglichst sichere Anlagestrategie verkauft hat,
  • unserem Elektronik-Fachhändler, dass er uns ein richtig funktionierendes Gerät zu einem gerechtfertigten Preis verkauft,
  • unserer Ärztin, dass sie uns die richtigen Medikamente verschreibt,
  • unserer Bibliothekarin vertrauen wir, wenn sie uns mitteilt, dass das von uns gewünschte Buch wirklich nicht zur Verfügung steht.

Und so weiter und so fort, die Liste an Beispielen, wem wir unser Vertrauen schenken, kann beliebig erweitert werden. Eines haben aber alle gemeinsam: mit all diesen Personen stehen wir in der Regel in direktem Kontakt. Und wenn man das so betrachtet, dann hat sich die Art und Weise, wem wir unser Vertrauen schenken, wenn wir eine Wissenslücke füllen müssen, seit der Verbreitung des Internets und der damit einhergehenden vielfältigen Möglichkeiten radikal verändert. Denn heute vertrauen wir plötzlich auch Leuten, mit denen wir wahrscheinlich nie in persönlichen Kontakt treten werden. Nach Schottlaender (1958) basiert Vertrauen auf „bisheriger Erfahrung und der Hoffnung auf das Gute im Menschen“. Doch gilt dies auch in den neu zur Verfügung stehenden elektronischen Räumen des Internets?

Ein Beispiel.
Nehmen wir an, wir haben hart gearbeitet und genug Geld gespart, um uns endlich ein neues technisches Wunderwerk zu kaufen und nehmen wir weiter an, es handelt sich dabei um ein neues Fernsehgerät. Wie lange haben wir darauf gewartet und endlich ist der Zeitpunkt gekommen, unserem in die Jahre gekommenen Röhrengerät Adieu zu sagen. Vielleicht haben wir aber auch gar nicht lange auf diese Neuanschaffung hingearbeitet, sondern sind zum Handeln gewzungen, da unser gutes altes Gerät plötzlich den Geist aufgegeben hat. Vor nicht allzu langer Zeit, eigentlich noch vor wenigen Jahren, war klar, wie wir vorgehen: wir können es kaum erwarten, bis endlich Samstag ist, wir nicht arbeiten müssen und uns ein wenig Zeit nehmen können. Nachdem Haushalt und Wocheneinkauf erledigt sind, begegeben wir uns freudigen Schrittes zum Elektronikfachhändler unseres Vertrauens, der praktischerweise grad um die Ecke zu finden ist. Ihm schildern wir unser Begehren nach einem aktuellen Flachbild-Fernseher und lassen uns persönlich beraten. Wir sind beeindruckt, was die heutigen Geräte alles können und lassen uns einige zeigen, lassen uns die neuen und besseren Funktionen erklären, hören uns die Vorteile an, die diese gar nicht mal so günstigen Geräte bieten, die aber nun wirklich einfach toll sind. Und von denen wir eines haben wollen. Haben müssen. Wir vertrauen auf die Fachkenntnis des Händlers und darauf, dass er uns nicht über den Tisch ziehen will. Schliesslich ist man im selben Sportverein und begegnet sich auch sonst hin und wieder beim Feierabendbier in der Dorfkneipe. Nach kurzem Feilschen, das uns einen kleinen Rabatt gebracht hat, ist der Handel unter Dach und Fach: wir freuen uns, dass wir das beste Gerät zum besten Preis erhalten haben und tragen unser neues Gerät stolz nach Hause und unser Elektronik-Fachhändler ist zufrieden, da er einmal mehr einem Stammkunden ein gutes Gerät mit einer verlängerten Garantie (natürlich zum Aufpreis) verkaufen konnte und sich sicher sein kann, dass wir uns in Servicefragen zukünftig wieder an ihn wenden werden.

So könnte es sein. So war es früher. So läuft es aber immer seltener. Denn heute vertrauen wir unserem Sportkollegen nicht mehr so ganz. Natürlich wissen wir noch immer, dass er fachlich absolut top ist und die Entwicklungen und Trends meist schon kennt, bevor wir je etwas davon gehört haben. Aber, seien wir doch mal ehrlich: als Fachhändler will er doch auch immer nur so viel wie möglich verdienen, oder!? Und da gibt es doch die beiden Elektronik-Grossmärkte 30 Kilometer entfernt in der Stadt. Haben die nicht sogar auch einen Onlineshop? Und hat da unsere Arbeitskollegin nicht letztens von diesem Online-Elektronik-Händler begeistert erzählt, der viel günstiger ist und sogar gratis liefert? Und zu guter Letzt, wenn wir an unseren letzten Einkauf bei unserem Fachhändler um die Ecke zurückdenken: wollten wir damals ursprünglich nicht eigentlich nur einen einfachen Pürierstab kaufen und sind nach den eindringlichen Empfehlungen dann mit einer multifunktionalen Küchenmaschine nach Hause gegangen, die zwar alles kann, wir aber gar nicht alles brauchen?
Wir machen es diesmal also anders. Wir werden uns zuerst einmal selbst über die neuen Fernsehgeräte informieren und wir werden genau prüfen, wo wir unser Wunschgerät am günstigsten erhalten. Das Internet ist hiefür ja ganz praktisch: man findet einfach alles: Produktbeschreibungen, fachliche Testberichte, Erfahrungsberichte von Kundinnen und Kunden, die die Geräte bereits gekauft haben, sogar Checklisten gibt es, die dabei helfen, herauszufinden, welches Gerät bzw. welche Funktionen man wirklich benötigt oder haben möchte. Nicht zu vergessen Preisvergleichsmöglichkeiten, die uns auf einen Blick zeigen, wo unser Wunschgerät wie viel kostet. In Facebook und Google+ starten wir nebenbei auch noch schnell eine kurze Umfrage unter unseren „Freunden“, ob uns nicht jemand doch noch den einen oder anderen Tipp geben kann.

Was wir bei all dem gar nicht bemerken, ist, wie viel mehr Zeit wir heute benötigen, um Informationen für unseren Kaufentscheid zu sammeln und die Tatsache, dass wir plötzlich auch dem Urteil und den Hinweisen von uns völlig fremden Leuten vertrauen, wenn wir deren Testberichte in unsere Überlegungen mit einbeziehen. Vielleicht haben wir zwar schon mal davon gehört, dass Leute dafür bezahlt werden, in entsprechenden Foren wohlmeinende Berichte zu Produkten, Restaurants und Hotels zu verfassen, aber wir vertrauen darauf, dass wir solche gefaketen Meldungen erkennen und bestimmt nicht darauf hereinfallen.
Während wir nun also im Internet nach dem geeigneten Fernseh-Gerät für uns suchen, werden wir durch die von uns abonnierten Newsfeeds immer wieder auf die Gerüchte aufmerksam gemacht, die um den brandneuen Apple-TV kursieren. iPod, iPhone und iPad besitzen wir bereits, denn diese Geräte sind im Alltag einfach praktisch und wir mussten nicht zuerst dicke Handbücher wälzen, um zu verstehen, wie sie funktionieren. Ja, Steve Jobs, dieser äusserst charismatische Leader von Apple, hatte als Erster begriffen, was die Leute wollen: technische Geräte, die auch ohne Informatikstudium einfach zu bedienen sind, toll aussehen und Kult-Status besitzen. Steve Jobs war kein feiner Herr, der in Designer-Anzug und Krawatte ein Unternehmen geleitet hat, nein, er war einer wie wir: immer locker und lässig im Rollkragenpullover, immer mit dem einzigen Ziel, tolle neue Produkte zu entwickeln. Und wenn es jetzt wirklich bald auch einen Fernseher von Apple geben sollte, dann würden wir den natürlich kaufen!
Gut, den AppleTV gibt es noch nicht, aber wir haben nach intensiver Recherche im Internet und nach der Lektüre etlicher Testberichte sowohl von Technik-Webseiten als auch von Privatpersonen endlich genug Informationen zusammengetragen, um die Entscheidung zu treffen, welches Fernsehgerät unseren Vorstellungen entspricht. Wir haben unseren Kaufentscheid getroffen und da wir zugleich festgestellt haben, dass wir das Gerät sogar nach Hause geliefert bekommen, wenn wir es online bestellen, müssen wir unser Heim nicht einmal verlassen und müssen das grosse, schwere Gerät auch nicht selber tragen. Gesagt, getan, wir bestellen. Und bezahlen ebenfalls direkt online. Schliesslich versichert uns der Anbieter des Online-Shops, dass unsere sensiblen Kreditkartendaten über eine gesicherte Verbindung übertragen werden. Und wir vertrauen darauf. Wir hoffen, dass die Verbindung tatsächlich sicher ist und niemand unsere Daten ausliest. Und wir vertrauen darauf, dass unsere Kontakt- und Adressdaten wirklich nur für die Transaktion vom Anbieter verwendet und nicht an Dritte verkauft werden. Überprüfen können wir es nicht.

Was war. Was ist.
Das Beispiel zeigt, dass sich die Art und Weise, wie und wem wir vertrauen, geändert hat. Wir haben den Kreis der Personen, deren Urteil wir vertrauen, mit dem Einzug des Internets in unseren Alltag klar erweitert. Wir vertrauen nicht mehr nur uns einigermassen bekannten Leuten, sondern neu auch Wildfremden. Oft mit gutem Grund, denn das Internet bietet uns zum ersten Mal die Möglichkeit, auf einfachem Weg fachliche Ratschläge von mehreren Experten innert kurzer Zeit und mit geringem Aufwand zu erhalten. Die Schwierigkeit besteht meist darin, zu erkennen, welche Hinweise von Fachleuten und welche von Laien stammen und diesen Umstand in unseren Informationskontext zu integrieren. Wir müssen viel öfter entscheiden, welche Informationen unserem Wissenserwerb dienen und welche uns eigentlich nur unterhalten. Oder ob es hierbei sogar Mischformen gibt. Und wir müssen uns immer wieder klarmachen, dass die Anonymität, die das Internet bietet, sowohl Vor- als auch Nachteile hat und damit unser Vertrauen in die zu findenden Infomationen und in die Menschen, die diese bereitstellen, (heraus-)fordert.
Unternehmen, die ihre Produkte und Dienstleistungen in elektronischen Räumen anbieten, sind gezwungen, sich eingehend mit diesem Umstand zu beschäftigen und Strategien zu entwickeln, wie Vertrauen bei den Kundinnen und Kunden nicht nur kurzfristig sondern nachhaltig geschaffen werden kann. Unabdinglich hierfür ist grösstmögliche Transparenz. So müssen Unternehmen in elektronischen Märkten genau gleich wie auch in nicht-elektronischen Räumen ihr Angebot und ihre Dienstleistungen offen darstellen und aufzeigen, wo sich diese von anderen Unternehmen der Konkurrenz unterscheiden. Den Kundinnen und Kunden muss klar sein, welche weiterführenden Leistungen zu den Produkten bestehen, wie beispielsweise Garantieansprüche, Updateservices oder ein Kundendienst, aber auch Informationen zu Lieferbedingungen, Lieferzeiten und Lieferkosten müssen einfach zu finden sein. Wird ein Gerät in einem physisch bestehenden Ladenlokal erworben, so kann man sich bei Problemen damit wieder direkt an den Laden wenden. Diesen Anspruch auf Unterstützung oder auf Ersatz eines nicht funktionierenden Geräts geben wir im Internet natürlich nicht auf. Dementsprechend muss diese Dienstleistung auch in elektronischen Märkten, wie in Onlineshops, gewährleistet werden.

Schottlaenders Definition von Vertrauen als Hoffen auf das Gute im Menschen gilt also auch in elektronischen Räumen, vielleicht sogar mehr denn je! Vielleicht müsste die Begriffsbestimmung heute erweitert werden und neben dem Hoffen auf das Gute im Menschen auch das Hoffen auf das Gute in der Technik einschliessen. Denn um Vertrauen in die Technik kommen wir heutzutage nicht drum herum. Ohne entsprechende Ausbildung oder das nötige Interesse, sich technische Fachkenntnisse autodidaktisch anzueignen, müssen wir ganz einfach darauf vertrauen, dass das Internet „richtig funktioniert“, dass unser Computer, unser Smartphone und unser Tablet-PC immer optimal geschützt sind, so dass wir uns keine Viren, Trojaner oder sonstige Schadsoftware einfangen, die unsere Logindaten und Passwörter ausspionieren, schlimmstenfalls sogar unsere E-Bankingdaten sammeln und uns damit Schaden zugefügt werden kann. Otto Normalverbraucher versteht die Funktionsweise der nötigen Sicherheitsvorkehrungen nicht, hat einen Teil davon aber bestimmt eingerichtet und vertraut ansonsten darauf, dass „schon nichts passieren wird“.

Was wird?
Eine Art generalisiertes Vertrauen als „allgemeine vertrauensvolle Grundeinstellung“ scheint immer wichtiger zu werden, da wir nur selten alle beteiligten Akteure und deren Interessen in elektronischen Räumen kennen. Im Bereich der Onlineshops, wo physische Produkte oder Dienstleistungen über das Internet verkauft werden, können die Beteiligten und deren Ziele meist ausgemacht werden, da es sich in der Regel um Händler oder Privatpersonen handelt, die durch den Verkauf von Waren und Dienstleistungen Umsatz und Gewinn erwirtschaften möchten. Anders sieht es bei Plattformen aus, deren Nutzung vordergründig kostenlos ist, da eine Teilnahme nicht monetär bezahlt werden muss. Zwar kennt scheinbar jede und jede das Sprichwort, dass einem nichts auf der Welt geschenkt wird, trotzdem stellen sich die wenigsten die Frage, warum Facebook und Co. kostenlos genutzt werden können. Dass die Währung hier aus unseren Daten, meist sogar unseren ganz persönlichen Daten, besteht, ist vielen nicht bewusst und manchen egal. Diese Tendenz zum sorglosen Umgang mit personenbezogenen Daten ist erschreckend, denn in genau diesem Fall ist alles andere als klar, wer die beteiligten Akteure sind und welche Interessen mit dem Sammeln unserer Daten verfolgt werden.
Es bleibt spannend, weiterhin zu beobachten, in welche Richtung die Entwicklung geht, was das Verhalten der jungen Generationen in elektronischen Räumen anbelangt, da diese sozusagen mit dem Internet aufwachsen. Bankgeschäfte werden heute ganz selbstverständlich online erledigt, eingekauft wird ebenfalls online und sozial vernetzt sind ebenfalls fast alle online. Für Unternehmen in elektronischen Räumen bleibt es nach wie vor eminent wichtig, das Vertrauen, das ihnen entgegebengebracht wird, nicht zu missbrauchen, da es um einiges aufwändiger und kostspieliger ist, Vertrauen nach einem Vertrauensverlust wieder aufzubauen, als Vertrauen fortwährend gut zu pflegen. Unternehmen müssen also dafür sorgen, dass „schon nichts passiert“.

Referenz
Schottlaender, R. (1958): Theorie des Vertrauens. Berlin: DeGruyter.

Informationelle Unsicherheit (Judith Bailey)

Im Rahmen des Master-Studiengangs Information Science an der HTW Chur müssen Studierende im vierten Semester unter anderem im Modul „Informationsethik“ bei Prof. Rainer Kuhlen als Teil des Leistungsnachweises zu einer These ein Essay verfassen. Wir stellen ausgewählte Essays aus dem vergangenen Frühlingssemester 2012 in den nächsten Tagen hier im Blog vor.

These
Welchen Situationen informationeller Unsicherheit fühlen Sie sich bei der Benutzung sozialer Netzwerke ausgesetzt? Wählen Sie eine besonders treffende aus und diskutieren Sie das aus informationsethischer Sicht?
Verfasserin: Judith Bailey

Essay
Informationelle Unsicherheit ist „Für Theoretiker der Moderne die Grundbefindlichkeit beim Umgang mit technischen und abstrakten Systemen der Moderne, spezieller die informationelle Unterbestimmtheit bei der Inanspruchnahme informationeller technischer Leistungen, z.B. Informationsassistenten/Agenten, auf allgemeinen Publikumsmärkten.“

Informationelle Unsicherheit verspürt demnach jeder, wenn er in einem sozialen Netzwerk aktiv ist. In meinem Essay möchte ich auf die informationelle Unsicherheit in Bezug auf Facebook eingehen, im Speziellen auf die Unsicherheit, die herrscht, wenn auf dieser Plattform Fotos publiziert werden: Facebook gibt seinen Mitgliedern die Möglichkeit, Videos und Bilder kostenlos und in unbegrenzter Menge auf der jeweiligen Mitgliederseite zu veröffentlichen, die Daten werden dafür auf den Servern des Netzwerks gespeichert. Die Mitglieder haben die Option, die Sichtbarkeit der Bilder auf einzelne Personen, einen bestimmten Personenkreis oder gar nicht einzuschränken. Letzterer Fall bedeutet zugleich, dass die Bild- und Videodateien auch von Suchmaschinen wie Google oder Bing gefunden und bei einer entsprechenden Abfrage angezeigt werden, da die Bilder während oder nach ihrer Veröffentlichung meist getagged werden (man kann sich selber oder andere Personen auf einem Bild markieren) oder auf sonstige Weise eine Verbindung zwischen Bild und Person hergestellt wird, z.B. wenn eine Person das Bild mit „gefällt mir“ bezeichnet.

Aus eigener Erfahrung besteht die Unsicherheit nicht nur bei Fotos, auf welchen nur die eigene Person zu sehen ist, sondern grundsätzlich bei jeder Fotografie, egal in welchem Rahmen sie aufgenommen wurde: Seien es nun Bilder einer Familienfeier oder Fotos, welche in einem offiziellen Rahmen aufgenommen wurden, weil z.B. der Arbeitgeber seinen Facebook-Auftritt mit Bildern des Personals ergänzen möchte. Es geht auch um Bilder, auf welchen mehr als nur eine Person zu sehen ist und zwar ungeachtet dessen, ob die abgebildeten Personen selber auf Facebook aktiv sind oder ob es Personen sind, welche dem Netzwerk nicht angehören. Wobei sich hier zudem ein weiteres Problem zeigt: Ist man nicht auf Facebook und/oder sich nicht bewusst, was alles auf Facebook gemacht werden kann, hat man keine Chance, je von der Verbreitung seines Abbildes zu erfahren. Diesen Aspekt möchte ich jedoch ausblenden, da er zu einer Grundsatzdiskussion führt, welche das Recht am eigenen Bild betrifft, die aber nicht Teil dieses Essays ist, da den Personen, die nicht in Facebook sind, die angesprochene informationelle Unsicherheit abgeht. Wobei es auch Ausnahmen gibt: Personen, die bewusst nicht auf Facebook sind, weil sie z.B. mit deren Geschäftsgebaren nicht oder nicht mehr einverstanden sind. In diesem Essay geht es um die aktiven Nutzer und die Unsicherheit, die sie in Bezug auf die hochgeladenen Fotos verspüren. Dabei tauchen Fragen auf wie: Was passiert mit meinen Daten im Netzwerk? Was passiert mit den Bildern, auf denen ich abgebildet bin? Wer lädt solche Bilder hoch und wer kann die Bilder sehen? Wie gehen andere Facebook-Nutzer mit den Privatsphäre-Einstellungen um? Funktionieren die Privatsphäreneinstellungen wirklich? Sehen wirklich nur die berechtigten Personen meine Bilder? Oder werden die Einstellungen im Hintergrund von Facebook verändert, was bereits einige Male passiert ist? Werden die Bilder ohnehin für Marketingzwecke verwendet, was die Privacy-Einstellungen hinfällig macht? Alle diese Fragen tragen zum Gefühl der Unsicherheit bei und die Kommunikationspolitik von Facebook hilft einem auch nicht gerade (im besten Falle erfährt man im Nachhinein von allfälligen Änderungen), wobei doch genau eine aktive Kommunikationsarbeit dazu beitragen würde, die Unsicherheit zu verringern! Viele Fragen bleiben jedoch unbeantwortet. Ausserdem herrscht kein Konsens darüber, was man mit Fotos machen darf, auf welchen auch andere Personen zu sehen sind. Darf ich ein Bild mit einer anderen Person darauf in Facebook stellen? Ich meine nein, nicht ohne deren explizite Erlaubnis, aber in Gesprächen in meinem Bekannten- und Verwandtenkreis stellte sich mehrfach heraus, dass vielen das Bewusstsein für die mit den oben genannten Fragen in den Raum gestellten Bedenken völlig abgeht, was wiederum meine informationelle Unsicherheit nicht zu reduzieren hilft, weil sich die Leute der Konsequenzen bewusst sind.

Von der Informationellen Unsicherheit sind zwei Bereiche betroffen, der technische Aspekt und der menschliche:
• Die Benutzer wissen nicht, wie die Daten gespeichert sind, wo sie gespeichert sind, wie sicher die Speicherung ist und was mit den Bildern passiert, wenn sie „gelöscht“ werden (wobei man in Facebook gar nichts löschen, nur verbergen kann). Man muss deshalb davon ausgehen, dass die Bilder weiterhin irgendwo gespeichert sind und möglicherweise auch für Werbung innerhalb von Facebook ausgewertet werden. Eine Löschung der Daten in Facebook ist scheinbar nur möglich, wenn man komplett aus Facebook austritt, aber da Facebook auch Daten über Nichtnutzer sammelt, gibt es kaum eine Möglichkeit, sich auch als Nichtnutzer aus Facebook rauszuhalten
• Zudem weiss man nicht, wie andere Personen, die Fotos, auf denen auch andere Menschen abgebildet als nur sie selber, mit ihren Privatsphäre-Einstellungen umgehen. Benutzen sie sie? Oder sind alle Bilder frei für alle zugänglich und gelangen so unter Umständen ins Internet, wo sie erst recht nicht mehr kontrolliert werden können? Oder verwenden sie die meiner Meinung nach alibimässige Einschränkung „Freunde von Freunden“, welche letztlich aber gar nichts bringt, wenn man bedenkt, dass es Facebook-Nutzer gibt, die Tausende von Freundschaften pflegen. So vergrössert sich der Kreis der Personen, die eine Foto sehen können schnell um ein Vielfaches, ohne dass man etwas dagegen unternehmen kann. Und sind Fotos erst mal auf den Facebook-Servern gespeichert, kriegt man sie von dort nicht mehr weg.
Die Problematik der informationellen Unsicherheit betrifft also einen technischen und einen sozialen Bereich. Dabei ist es irrelevant, um was für Bilder es sich handelt: ob Party- oder andere Fotos, die peinlich sein können, oder ob „seriöse“ Fotos, auf denen an sich nichts Schlimmes, Karriereverhinderndes oder Unschönes zu sehen ist. Es geht um den Fakt, dass man nicht weiss, was mit seinen Bildern geschieht, wie sie ausgewertet und/oder kommerziell weiterverwendet werden. Und zwar selbst wenn die Daten auf Servern im EU-Raum gespeichert würden, was gewisse Verbesserungen bezüglich Datenschutz mit sich bringen würde, das „Problem“ der nachlässigen Privatsphäre-Einstellungen ist damit nicht behoben und besteht weiterhin.

Für den technischen Bereich wurden von Drittparteien bereits einige Anstrengungen unternommen, die Unsicherheit zu reduzieren: Der Digitale Radiergummi, der von x-pire entwickelt wurde, könnte Abhilfe schaffen. Die Idee hinter diesem Tool ist, dass Fotos, welche im Internet veröffentlicht werden (sei es auf Facebook, Flickr oder privaten Websites), mit einem Ablaufdatum versehen werden. Das Bild wird verschlüsselt und solange das Ablaufdatum noch nicht erreicht ist, wird das Bild vom Browser automatisch (ohne Zutun der User) entschlüsselt und ist somit sichtbar. Ist das Gültigkeitsdatum abgelaufen, wird der Entschlüsselungscode nicht mehr mitgeschickt und die Bildinhalte sind nicht mehr erkennbar. An sich eine feine Sache, denn die Handhabung des digitalen Radiergummis ist einfach und die Bilder sind schnell mit dem Ablaufdatum versehen. Kritisch ist jedoch, dass einerseits alle Fotos, welche in Facebook publiziert werden, auch zuverlässig mit einem Ablaufdatum versehen werden müssen. Und zwar von allen, die Bilder hochladen. Andererseits kann dieser Schutz mit einem Printscreen des noch nicht abgelaufenen Bildes ausser Kraft gesetzt werden, denn dieser Printscreen ist eine neue Bilddatei und mit keinem Ablaufdatum versehen. Ein weiterer Nachteil ist, dass das Tool kostenpflichtig ist und auch wenn die Entwickler ein berechtigtes Interesse daran haben, mit ihrem Produkt Geld zu verdienen, wird das viele User vom Einsatz des Tools abhalten. Für sich selber mag man sich also für den Einsatz des Radiergummis entscheiden, man kann jedoch nicht davon ausgehen, dass ihn auch andere Personen einsetzen. Vor allem wenn ihnen das Bewusstsein für die Datenschutzproblematik der veröffentlichten Bilder fehlt. So bleiben viele Fragen offen und die informationelle Unsicherheit bleibt trotz technischen Möglichkeiten weiterhin bestehen. Der digitale Radiergummi wird denn auch von Anwendern und in der Presse mehrheitlich kritisiert. Sinnvoller wäre es demnach, dass sich die Betreiber von sozialen Netzwerken darauf einigen, dauerhaftes Löschen zu ermöglichen (nicht mehr bloss „nicht mehr anzeigen“ ) oder dass automatisch beim Hochladen von Bildern, diese mit einem Mechanismus versehen werden, der die Fotos zu einem bestimmten Zeitpunkt löscht oder dass die Privacy-Einstellungen automatisch auf hohen Datenschutz gestellt sind und die Benutzer sie manuell lockern müssen. So wie es momentan ist, sind die Einstellungen jedoch kompliziert und müssen jedes Mal einzeln eingestellt werden. Bei jedem Foto, das hochgeladen wird, kann die Sichtbarkeit einzeln definiert werden. Was sinnvoll scheint, da es durchaus möglich ist, dass man einer Person eine Foto zeigen will, eine andere hingegen nicht. In Tat und Wahrheit ist es jedoch mühsam und anstrengend und für mich wird es je länger desto ärgerlicher und nervenaufreibender, wenn ich jedes Mal überlegen muss, wer die Foto sehen soll, so dass ich praktisch aufgehört habe, Fotos in Facebook zu stellen. Nur ganz selten veröffentliche ich eines, überlege mir dabei lange und gründlich: Welche Foto lade ich hoch? Ist darauf wirklich niemand sonst zu sehen? Das kann jedoch nicht des Sinn der Sache sein, geht es doch um den Spass, den man mit Facebook haben und Kontakte pflegen kann, auch wenn man an den jeweils anderen Enden der Welt wohnt oder auf Reisen Freunde und Familie über den Verlauf und die Erlebnisse teilhaben lassen will. Bilder in Facebook zu veröffentlichen hat durchaus seine Vorteile und soll auch nicht verteufelt werden. Der menschliche Aspekt der Problematik darf in Bezug auf die informationelle Unsicherheit jedoch nicht vernachlässigt werden: Ich kann nicht davon ausgehen, dass sich andere Leute die gleichen Gedanken machen wie ich und sie Facebook so nutzen, dass niemandem geschadet wird, sondern Bilder veröffentlichen, ohne weiter darüber nachzudenken, ob die abgebildete Person damit einverstanden ist.

Vielleicht würde es mir bei meiner Unsicherheit helfen, wenn Facebook selber ein bisschen aktiver wäre bezüglich Datenschutz und Informationspolitik, aber wenn ich darüber nachdenke, macht es die Sache wohl nicht besser, denn das Problem der Bilderveröffentlichung wird dadurch nicht gelöst. Wäre es eher Aufgabe der Eltern, Lehrer oder gar des Staates, die Nutzer über die Datenschutzproblematik aufzuklären? Und welchen Umfang müsste eine Aufklärungskampagne aufweisen, damit sie wirksam ist und die informationelle Unsicherheit zu beseitigen vermöge?

Zudem stellt sich die Frage, ob es ok ist, wenn mich Facebook in der informationellen Unsicherheit belässt und selber nichts (oder nur wenig) unternimmt, obwohl wie oben dargestellt Möglichkeiten dazu bestünden. Man mag zwar argumentieren, dass das Privatsphäre-Verhalten der Nutzer nicht Sache der Betreiber ist, trotzdem sagt einem der gesunde Menschenverstand, dass sie eine gewisse Verantwortung für das Verhalten ihrer Mitglieder tragen. Es ist ja eigentlich auch im Interesse der Betreiber, dass die Mitglieder Facebook nutzen und meiner Meinung nach würden mehr Leute in Facebook aktiv sein, wenn die Bedenken zerstreut und die informationelle Unsicherheit reduziert würde, denn wenn man genau weiss, was im Hintergrund mit seinen Daten passiert, fühlt man sich sicherer (ich zumindest). Und wenn man sich sicher fühlt, nutzt man das Netzwerk stärker. Dieses wiederum käme weiterhin zu seinen Nutzerdaten, die es auswerten und weiterverkaufen kann. Aber möglicherweise ist das genau die Krux: Wenn man wüsste, wie Facebook funktioniert, wie dessen Geschäftskonzept aufgebaut ist und was mit den Daten passiert, dann würde man nicht mehr in Facebook aktiv sein. Und ohne seine Nutzer hat Facebook keine wirtschaftliche Bedeutung, verliert Werbeeinnahmen und seine Geschäftsbasis. Was jedoch wieder zum Punkt führt, dass Facebook schon rein aus finanziellen Gründen dafür sorgen müsste, dass die Benutzer nicht auf eine andere Plattform abspringen.

Wie dargelegt betrifft die informationelle Unsicherheit beim Hochladen von Fotos in Facebook drei Bereiche und bei allen dreien geht es um den Verlust der Kontrolle darüber, was mit einer Fotografie passiert, wenn sie erst einmal in Facebook gepostet wurde, denn dann kann jeder die Fotografie für sich kopieren und damit anstellen, was er will. Die Tools, welche einen gewissen Schutz böten, sind technisch noch nicht ausgereift genug, als dass sie die Privatsphäre der Personen auf den Fotos wirksam schützen würden, die Nutzer sind sich der Problematik häufig nicht bewusst und Facebook zeigt kein Interesse, das Problem lösen zu. Es ist klar, dass man nicht nur an einem Punkt ansetzen kann, sondern alle Ansätze verfolgen muss, um die informationelle Unsicherheit zu verringern. Es reicht nicht, digitale Radiergummis einzusetzen und man kann nicht nur auf Facebook rumhacken. Fakt ist jedoch, dass die Menschen die Kontrolle über ihre Daten zurückerhalten müssen! Nicht dass Datensammlungen schlecht sind, aber man sollte sich nicht ständig fragen müssen, was denn nun mit den Daten passiert und welchen Profit andere daraus schlagen.

Privacy is Dead – Long Live Big Brother!? (Nadja Böller)

Im Rahmen des Master-Studiengangs Information Science an der HTW Chur müssen Studierende im vierten Semester unter anderem im Modul „Informationsethik“ bei Prof. Rainer Kuhlen als Teil des Leistungsnachweises zu einer These ein Essay verfassen. Wir stellen ausgewählte Essays aus dem vergangenen Frühlingssemester 2012 in den nächsten Tagen hier im Blog vor.

 

Essay zur Privatheit in elektronischen Räumen
im Modul Aktuelle Themen der Informationswissenschaft im Masterstudiengang Information Science der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Chur
Verfasserin: Nadja Böller
Chur, April 2012

Privacy is Dead – Long Live Big Brother?!

Stellen wir uns vor, wir müssten ab sofort auf Internetdienste wie Facebook, E-Mails, Twitter, Google etc. verzichten. Eine Reaktion wäre vielleicht: „Endlich habe ich mehr Zeit, ich kann in Ruhe zu Hause ein Buch lesen und muss mich nicht mehr ständig dem Rauschen und der Ablenkung des Internets aussetzen.“ Das Recht, sich zurückzuziehen („the right to be left alone“ [1]) und in seinen eigenen vier Wänden ungestört das zu tun, was man will (Selbstbestimmung), ist ein Grundbedürfnis des Menschen und deshalb im Sinne des Rechtes auf Privatheit auch in den Menschenrechten verankert. Doch sind wir ehrlich: Niemand von uns könnte sich vorstellen, ganz auf das Internet und all seine Anwendungen zu verzichten. Nach den Worten von Frank Schirrmacher würden wir sogar verhungern [2]. Für ihn ist das Suchen und Konsumieren von Information wie die Nahrungssuche und deshalb überlebenswichtig. Die digitale und virtuelle Kommunikation im Internet ist in unserer Informationsgesellschaft zentral. Tatsache ist, dass wir uns als Mitglieder der heutigen Informationsgesellschaft dieser Art von Kommunikation nicht mehr entziehen können. Die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und einem privaten, abgegrenzten Rückzugsraum verschwimmen dabei zunehmend: Die freiwillige oder unfreiwillige Preis-gabe von persönlicher Information gehört zum Alltag; der Art, Information aus dem Kontext herauszubrechen und anderweitig zu verwerten, sind in technischer Hinsicht keine Grenzen gesetzt. Der Anspruch nach Privatheit in elektronischen Räumen wirft in diesen Kontexten zahlreiche Fragen auf. Nicht nur das Individuum der Informationsgesellschaft muss sich diesen herausfordernden Fragen stellen, sondern auch Akteure wie Staat und Wirtschaft, die jeweils eigene Interessen und Ansprüche verfolgen.
Im Sinne eines informationsethischen Diskurses möchte ich folgend einen Trilog zwischen diesen Akteuren (Wirtschaft, Staat, Mensch) entwickeln: Wo sind welche Interessen? Wo treten Konflikte und Widersprüche auf? Und schliesslich: Können diese Widersprüche mit informationsethischen Argumenten vielleicht gar aufgelöst werden?

Der Staat: Sicherheit um jeden Preis
„Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“ [3] Dieses Zitat von Benjamin Franklin zeugt von dem Dilemma, in welchem sich der Staat und staatliche Institutionen bei der Frage der Freiheit und Privatheit sehen. Der Schutz des Bürgers durch entsprechende Sicherheitsmassnahmen ist für den Staat zentral, aber auch der grundrechtlich verankerte Anspruch auf die Privatsphäre im Sinne des Datenschutzes muss durch den Staat gewährleistet werden. Die Grenzen zwischen Freiheit und Sicherheit haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend aufgelöst. Um die Sicherheit in einem Land garantieren zu können, braucht der Staat Transparenz. Transparenz ergibt sich durch Überwachung. Überwachung bedeutet das Sammeln und Auswerten von Daten. Daten zur Verfügung stellen, heisst, Rechenschaft ablegen. Dies alles geschieht in der Regel auf einer gesetzlichen Grundlage: dass Daten nur zu bestimmten Zwecken (Kontext und Zweckbindung) verwendet und unter Berücksichtigung des Verhältnismäs-sigkeitsprinzips verarbeitet werden dürfen. Zahlreiche Beispiele zeigen immer wieder, dass die Grenzen beim Sammeln von Daten durch den Staat durch diese gesetzlichen Grundlagen nicht wirklich klar definiert sind. Terrorismusbekämpfung ermöglicht plötzlich Vorratsdatenspeicherung oder gar Rasterfahndung, jeder ist potentiell ein Terrorist oder zumindest verdächtig. Ein Pass ohne biometrische Merkmale bekommt man heute nicht mehr. Staatstrojaner haben in den letzten Jahren plötzlich einen Aufschwung erlebt und die gesetzlichen Grundlagen dafür werden durch Staat und Politik sehr unscharf interpretiert. Diese wenigen ausgewählten Beispiele zeigen die zunehmende Entwicklung hin zu einem Schwarz-Weiss-Denken. Uns wird weisgemacht, dass terroristische Bedrohungen und In-ternetkriminalität heute völlig alltäglich sind und deshalb kaum noch hinterfragt werden. Haben wir Bürger uns also schon zu sehr daran gewöhnt, dass der Staat unsere Freiheiten im Bereich der Privatsphäre und des Datenschutzes mit der Begründung der Sicherheit zu-nehmend einschränkt? Das Bezahlen mit Kreditkarte wird heute kaum von jemandem hinterfragt und ist je länger je mehr überall möglich. Die hitzigen Diskussionen vor ein paar Jahren um den gläsernen Patienten sind in Vergessenheit geraten, die Krankenkassenkarten mit den entsprechend ausgestatteten Chips zum Lesen der Patientendaten sind Realität ge-worden. Die vielfältigen technologischen Möglichkeiten unterstützen unsere teilweise angeborene Bequemlichkeit und Faulheit, Dinge nicht kritisch zu betrachten. Hellhörig und vielleicht handlungsfähig werden wir erst, wenn es negative persönliche Konsequenzen gibt. Das alles ist aber immer sehr subjektiv und somit relativ.
Die Frage nach zulässigen Grenzen der Freiheit und Privatheit, die der Staat setzen kann, lässt sich nicht abschliessend beantworten. Aber das Dilemma zwischen Regulierung, Überwachung und Vertrauen des Staates in die Bürger zeigt sich klar: Herrscht kein Vertrauen und der Staat traut dem Bürger grundsätzlich nur böse Absichten zu, dann werden Kontrolle und Überwachung weiter verschärft und der Anspruch auf Privatsphäre zunehmend eingeschränkt. Sehen wir aber im aufklärerischen Sinne die Gesellschaft als eine zum Wohle bestimmte Gemeinschaft, hat die Privatheit bessere Chancen, gegen autoritäre Handlungen durch den Staat geschützt zu werden. An dieser Stelle kommt auch die Verantwortung ins Spiel, sowohl von Seiten des Staates als auch des Bürgers selbst. Die oftmals durch die Medien gehypten Schreckensbilder des Terrors („Angst sells“) und daraus abgeleiteten drohenden Konsequenzen für unsere Demokratien verunmöglichen eine ruhige und sachliche Auseinandersetzung mit plötzlich eingeführten Gegenmassnahmen, wie anhand obiger Beispiele gezeigt wurde. Dass der Staat die Sicherheit als oberste Priorität setzen muss und dabei die Privatsphäre des Bürgers tangiert wird, ist unumstritten und lässt sich mit den heutigen Gefahrenpotentialen und Möglichkeiten des Internets nicht einfach wegdenken. Doch schliesslich ist das Ausmass der staatlichen Massnahmen entscheidend. Der Staat sollte also bewusst mehr Verantwortung übernehmen bei Fragen der verfassungsmässig vorgegebenen Verhältnismässigkeit und diese bei Sicherheitsmassnahmen entsprechend abwägen. Der Bürger wiederum muss Verantwortung zeigen, indem er die Entwicklungen nicht einfach hinnimmt, sondern sich fragt, wie schwer eine staatlich angesetzte Massnahme seine Freiheiten und seine Privatsphäre tangiert und wie schwerwiegend der Grund für diese Massnahme ist. Vielleicht sollten wir uns auch einfach dem mulmigen Gefühl, wenn uns jemand zu nahe kommt, wieder bewusster werden, damit der schleichende Verlust der Privatheit nicht überhand nimmt.

Die Wirtschaft: Werbung um jeden Preis
In den letzten Jahren haben sich die Interessen der Wirtschaft für persönliche Kundendaten aus dem Internet stark ausgebreitet. Der Handel mit personenbezogenen Daten gehört zur Normalität. Kundenkarten werden uns als Rabattvorteile angedreht. An jeder Kasse hinterlassen wir einen kompletten Datensatz über unser Kaufverhalten. Personenbezogene Daten zu besitzen, ist für ein Unternehmen ein grosser Erfolgsfaktor, ganz abgesehen davon, diese Daten mit den heutigen technischen Möglichkeiten auszuwerten. Was mit diesen sog. Data Mining-Analysen genau passiert, wissen wir nicht, wir können nur spekulieren. Was verlockend erscheint: Wir erhalten zu jedem Zeitpunkt die passende Werbung zum jeweiligen Angebot. Doch welchen Preis bezahlen wir dafür? Das virtuelle Kaufhaus ist heute im Internet überall. Welche Konsequenzen hat dies für die Privatheit? Anders als beim Staat, der persönliche Daten über uns sammelt und sich dabei auf gesetzliche Grundlagen stützen sollte, müsste eigentlich die Skepsis gegenüber datensammelnden Unternehmen sehr gross sein. Die Realität ist jedoch eine andere: Durch unser Verhalten stimmen wir der Datensammlung durch Dritte zu, nämlich indem wir die AGB akzeptieren. Die Internetdienste bieten uns zu viele Vorteile, als dass unsere Sorgen über die gesammelten Daten überwiegen würden. Bezahlen wir den Preis für die Bequemlichkeit im Umgang und in Praktikabilität mit Internetdiensten also mit der Einschränkung unserer Privatheit? Ja! Wir büssen unsere Autonomie ein – nichts wird mehr dem Zufall überlassen. Das Internet weiss, was ich kaufen will, und kann dies sogar vorhersagen. Das Bewusstsein, wie genau die scheinbar harmlosen Daten ausgewertet werden können, erlangen wir erst dann wieder, wenn Fälle von Datenmissbrauch publik werden. Die grösste Angst ist also die vor der Manipulierbarkeit und vor der zweckmässigen Entfremdung unserer persönlichen Daten. Dies muss in einem Unternehmen nicht einmal absichtlich geschehen, sondern kann durch mangelhafte IT-Sicherheit ausgelöst werden. Selbiges Problem hat natürlich auch der Staat. Unternehmen müssen also, eigentlich gleich dem Staat, die genauen sowohl technischen als auch juristischen Voraussetzungen kennen, wenn sie sensible Daten von Kunden verwalten. Der Mensch wiederum muss sich, wie auch der Staat, im Klaren sein, dass er im Internet Datenspuren hinterlässt, deren Auswertung mit den technischen Möglichkeiten heute ein Kinderspiel ist und dass die umfangreichen Datenbanken bekanntlich nichts ver-gessen.

Der Mensch: Bequemlichkeit um jeden Preis
Bleiben wir nun beim Menschen als verantwortungsvolles Mitglied der Informationsge-sellschaft in einem demokratischen Staat. Der Mensch ist ein soziales Wesen – Interaktion, Kommunikation und Austausch sind alltägliche Verhaltensweisen. Der technische Fort-schritt bietet immer neue Möglichkeiten, unser Kommunikationsverhalten wird dadurch nicht nur beeinflusst, sondern gar verändert. Für die mit den Neuen Medien aufgewachsene Generation der Digital Natives ist die virtuelle Informations- und Kommunikationsumge-bung ein Mittel zur selbstbestimmten Kommunikation, um auf einfache Weise soziale Bindungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Dabei steht das Buhlen um Aufmerksamkeit im Sinne der Selbstdarstellung im Zentrum. Das Bedürfnis nach Schutz der Privatsphäre unterscheidet sich dadurch radikal von früheren Generationen, die von George Orwells „Big Brother“ in seinem Roman „1984“ noch beeindruckt waren und die informationelle Selbstbestimmung durchsetzen wollten. Die vielen Aufforderungen, persönliche Daten mit entsprechenden Massnahmen zu schützen und sich bewusst zu überlegen, was man beispielsweise in sozialen Netzwerken von sich preis gibt wird von der Generation der Digital Natives schlichtweg ignoriert. Diese Blauäugigkeit, was die Tragweite der Informationspreisgabe betrifft, stellt die Fragen rund um die Privatheit im ursprünglichen Sinne in den Schatten. Es scheint, als ob der Nutzer gar nicht mehr in Ruhe gelassen werden will. Wenn es die heutigen Nutzer nicht kümmert, warum überhaupt darüber diskutieren? Die Diskussionen finden statt – und das immer häufiger. Der Grund dafür liegt sicherlich darin, dass virtuelle soziale Netzwerke seit nun fast schon einem Jahrzehnt auf breiter Basis existieren. Seit etwa zwei Jahren werden immer wieder Dokumentarfilme gezeigt, wo es genau um die oben beschriebenen Aspekte geht: Die Preisgabe von persönlicher Information und damit das Ignorieren der Privatheit kann langfristig unangenehme Folgen haben; auch Fälle von Datenmissbrauch werden zunehmend als Schreckensbilder veröffentlicht. In diesem Sensibilisierungsprozess stehen wir jedoch erst am Anfang. Wir sehen uns diese Dokumentarfilme an und sind erst einmal nur überrascht, was das Internet alles von uns weiss. Das Verständnis von Privatheit muss sich nach dieser langen Phase der Ignoranz erst wieder neu herausbilden und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung neu entdeckt und definiert werden. Denn: Werden wir uns den Risiken nie bewusst, können wir auch die Konsequenzen langfristig nicht abschätzen.

Fazit: Privatheit neu definieren
Der kurze Trilog zwischen Staat, Wirtschaft und Mensch hat gezeigt, dass das mangelnde Problembewusstsein des Menschen bezüglich der wirtschaftlichen und politischen Aspekte der Datensammlung und somit Einschränkung der Privatheit aktuell die grösste Herausforderung darstellt. Wie können wir aus informationsethischer Sicht auf diese Herausforde-rung reagieren?
Es steht fest, dass neue technische Möglichkeiten unser Kommunikations- und Informationsverhalten verändern und dadurch neue Realitäten geschaffen werden. Das ist nicht neu und wird auch weiter so bleiben. Nur ergeben sich mit der Allgegenwärtigkeit des Internets und den Möglichkeiten des Web 2.0 so viele neue Dimensionen, die die Aspekte der Pri-vatheit im ursprünglichen Sinne des „right to be left alone“ für alle Akteure neu definieren. In der Euphorie des praktikablen Mitmachweb, das nun schon knapp zehn Jahre alt ist, tauchen die im Trilog zahlreichen aufgeworfenen Fragen nach informationeller Selbstbestimmung und damit verbundenen Problemen erst seit Kurzem breit in den Medien auf. Dies ist ein Anfang in Richtung Sensibilisierung. Eine breit angelegte Aufklärung mit Handlungskonsequenzen bei den Nutzern ist aber noch in weiter Ferne. Noch macht sich heute kaum jemand die Mühe, die AGB von Internetdiensten wirklich kritisch durchzulesen, auf Kunden- und Kreditkarten zu verzichten, kryptografische Verfahren anzuwenden oder auf eigene Rechte (z.B. Datenlöschungen) zu bestehen. Staat und Wirtschaft profitieren schliesslich von der Bequemlichkeit, Gewohnheit aber auch Vergesslichkeit des Menschen, auf Kosten der Privatheit. Das aktive Recht der informationellen Selbstbestimmung muss in der heutigen Informationsgesellschaft erst noch entstehen. Privatheit wird dabei nicht verloren gehen oder sterben, sondern neue Formen erhalten. Hier werden nicht nur die einzelnen Akteure des Trilogs gefordert, sondern auch wissenschaftliche Disziplinen wie Recht, Soziologie, Philosophie, Informatik etc. Sie alle können durch umfassende Studien und Analysen einen Beitrag leisten zur Neudefinition der Privatheit in elektronischen Räumen, indem sie Modelle entwickeln und Anstösse zum Denken liefern. Die Informationswissenschaft als Hilfsdisziplin hat hier die Möglichkeit, den wichtigen interdisziplinären Diskurs zu stärken.
Das Recht auf Privatheit ist also nicht totgesagt und auch kein Auslaufmodell. Im Hinblick auf eine bereits weit diskutierte Post-Privacy-Ära könnte man es auch eine neue Form der Informationsautonomie im Sinne von Kants „sapere aude“ nennen. Neu zu definieren sind nicht nur Sensibilisierungsmassnahmen sondern mehr und auf allen Bildungsstufen verankerte informationelle Bildung im Sinne der Informationskompetenz, so dass jeder Bürger sich seiner informationellen Autonomie bewusst wird und nach dieser im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft, Staat und Wirtschaft zu handeln fähig ist.

Quellen:
[1] Warren, S. D.; Brandeis, L. D. (1880): The Right to Privacy, in: Harvard Law Review, Vol. 4, No. 5.
[2] Schirrmacher, F. (2009): Payback. München: Karl Blessing Verlag.
[3] Franklin, W. T. (Hrsg.) (1818): Memoirs of the life and writings of Benjamin Franklin. Philadelphia: Printed by T.S. Manning, S. 333-334. [eigene Übersetzung]

Freedom of expression on the Internet (Fabienne Mabillard)

Im Rahmen des Master-Studiengangs Information Science an der HTW Chur müssen Studierende im vierten Semester unter anderem im Modul „Informationsethik“ bei Prof. Rainer Kuhlen als Teil des Leistungsnachweises zu einer These ein Essay verfassen. Wir stellen ausgewählte Essays aus dem vergangenen Frühlingssemester 2012 in den nächsten Tagen hier im Blog vor.

Freedom of expression on the Internet
Autorin: Fabienne Mabillard

The Internet is the latest revolution in the techniques of transmission of information and ideas after means of communication such as radio and television. However, unlike those means, Internet is interactive. It is no longer based on one-way transmission. As we can see now with the Web 2.0 tools, everyone can share and participate in the creation of content. We are no more only passive recipients but we are active publishers. Furthermore, on this network, there is no control or border. Each participant is equal to all others. It is thus a great mean to use the right to freedom of expression guaranteed at the international level by the United Nations (UN) in the Universal Declaration of Human Rights, Article 191:

“Everyone has the right to freedom of opinion and expression; this right includes freedom to hold opinions without interference and to seek, receive and impart information and ideas through any media and regardless of frontier.”

The Internet also allows access to information and knowledge that previously were unattainable. It is thus a mean to challenge the authorities that try to regulate the flow of information and communication as it increases transparency. It also facilitates active citizen participation in building democratic societies. As we saw in the recent wave of demonstrations in the Arabic world, the social networks and the Web can play an important role by mobilizing the population to call for justice, equality…

For those reasons, there should be as little restrictions as possible to the flow of information via the Internet, except in few, exceptional, and limited circumstances. The UN stresses that “the full guarantee of the right to freedom of expression must be the norm, and any limitation considered as an exception, and that this principle should never be reversed2. In this paper, we will see the different kinds of restrictions.

We can identify 2 types of restrictions:

  • Educational/technological restrictions: skills to use the Internet, the availability of the necessary infrastructure and information communication technologies.
  • Some restrictions are permitted under international human rights law. But we will see that the States often use this pretext and are going too far in the restrictions of the access to the Internet.

Digital divide

Let’s begin with the educational and technological restrictions. The access to Internet should be a fundamental right but still not everyone can enjoy it in today’s world. Some still need the necessary knowledge, skills or even infrastructures to use the Internet and thus enjoy their freedom of expression.

Concerning the educational restrictions, not every individual possesses the information and communications technology (ICT) skills to make full use of the Internet, called the “digital literacy”. Those skills can only be basic computer skills up to the creation of Web pages. In terms of the right to freedom of expression, it is not only about the benefits of accessing the online information, but also contributing to it.

For the technological restrictions, to access the Internet, as a mean by which the right to freedom of expression can be exercised, individuals need the necessary infrastructure such as cables, modems, computers and software. Not everyone possesses it yet. So the States should assume their commitment to develop effective policies to attain universal access to the Internet. Otherwise, the Internet will become a technological tool that is only accessible to a certain elite and thus perpetrating the “digital divide”. This term refers to the gap between those who have access to the Internet and those who do not have such access. This gap is particularly a problem in developing countries where Internet use is still lagging. Marginalized groups and developing countries remain trapped in a disadvantaged situation, thereby perpetrating the existing socio-economic disparities both within and between countries.3

State restrictions

As we saw it before, the Internet has become a mean by which individuals can exercise their right to freedom of expression, as guaranteed by article 19 of the Universal Declaration of Human Rights. However this right is not hard and fast and there are a few limits defined at the international level in the International Covenant on Civil and Political Rights, Article 19 paragraph 34:

1. Everyone shall have the right to hold opinions without interference.

2. Everyone shall have the right to freedom of expression; this right shall include freedom to seek, receive and impart information and ideas of all kinds, regardless of frontiers, either orally, in writing or in print, in the form of art, or through any other media of his choice.

3. The exercise of the rights provided for in paragraph 2 of this article carries with it special duties and responsibilities. It may therefore be subject to certain restrictions, but these shall only be such as are provided by law and are necessary:

(a) For respect of the rights or reputations of others;

(b) For the protection of national security or of public order (ordre public), or of public health or morals.

We can say that this framework of international human rights law for the freedom of expression remains relevant to the Internet. That is the idea that individual freedom should end where the one of the others begins. Freedom to say everything and in every case could restrict the freedom of others, by inflicting them direct or indirect damages. Freedom of expression is thus thwarted by certain duties and responsibilities to others.

According to the article 19 paragraph 3, those restrictions to the freedom of expression can thus be divided into two groups:

1) Protection of people, groups and values:

  • child pornography, to protect the rights of children
  • hate speech, to protect the rights of affected communities
  • defamation, to protect the rights and reputation of others against unjustified attacks

2) Protection of the State protection

  • National security
  • Public order

But then those points should still respect the principle of necessity and proportionality. For example, the governments are too often using the excuse of terrorism to put the Web under surveillance. It is easy because everybody agrees on it, everybody should be against terrorism. An example is what happened in France in March 2012. After the murders of Toulouse, the French President Sarkozy said that anyone who would consult websites that advocates terrorism or incites hatred will be criminally punished. This raised some important questions; the first one is who decides what a terrorism website is. What is the definition of a terrorism website? What is the definition of terrorism? Why punishing the consultation of the websites and not the ones who put the content, when we know that people as journalists, researchers or lawyers can consult these sites. We know that consulting a website does not mean adhering to the promoted thesis. Then how can we know who consult those website? So we see here that this can easily lead to a widespread surveillance of the Web. This was just an example which finally ended well because the final legislation was not so strict; there were some modifications and the text is now going in the good direction. But it shows us where the excuse of fighting terrorism can lead.

But we can see that they are still countries, mostly undemocratic States, which restrict, control, manipulate and censor content disseminated via the Internet in a manner that is clearly unnecessary and disproportionate. The distinctive characteristics of the Internet, as its speed, worldwide reach and relative anonymity enable individuals to disseminate information in “real time” and to mobilize people. This creates fear amongst Governments and increases State restrictions on the Internet as for example:5

  • Filtering/blocking: this means preventing users to access specific Internet Protocol (IP) addresses, websites or pages containing specific keywords. This cannot be justified by the Article 19 paragraph 3 of the International Covenant on Civil and Political Rights as it is difficult to know if this is for a legitimate purpose or not, as the blocking lists are kept secret. Then the conditions for justifying blocking are not established by law. We also have the risk that more content than necessary is being blocked. Besides this method is not efficient as users can change the spelling of words. For example in China, there are more than 500 blocked keywords for Tiananmen. As filtering is not so efficient the States use more the surveillance now. This is also more dangerous. This is again most of the time justified by the fight against the terrorism and child pornography but we know that in the repressive States this is used to track down the dissidents.6
  • Imposition of intermediary liability: many States have laws that engage the intermediaries responsibility if they do not filter, remove or block the content, considered as illegal, published by the users. Let’s see here the example of India7. Since the Mumbai attacks in 2008, the authorities have conterminously strengthened the surveillance and the legislation of the Web, as with the regulations “IT Rules 2011” that are dangerous for the freedom of expression. These new regulations require companies to withdraw from the Internet, within 36 hours after notification by the authorities, content considered as defamatory, hateful or harmful for children, etc… at the risk of proceedings. Social networks and service providers must include these restrictions in their conditions of use. By doing so, intermediaries become like a censorship police of the Internet. Furthermore, regulations lean in favor of complainants. Even before a case is litigated, the site must remove the content. This undermines the freedom of expression. From this example we can say that if the protection of national security is essential, it should not come at the expense of the freedom of expression on the Internet. Intermediaries, like Google, are like the postman: they bring the news and should not be held responsible for the content.
  • Disconnecting users from Internet access. As we saw it before access to Internet is a fundamental right and thus nobody should be deprived of it. The cut off can be due to political reasons as it happened in Egypt: during the protests the Egyptian government cut off the access to Internet during five days. But it can also be on the basis of violations of intellectual property rights law, as for example in France with the Hadopi law: the copyright infringe could lead to the suspension of Internet service.
  • Protection of the right to privacy. The right to privacy can be important for certain persons who wish to freely express themselves without fear of possible consequences. So the Internet allows them to engage themselves in public debates through the use of pseudonyms. But at the same time some Internet tools allow the States to collect information about individuals‘ activities online. This compromises their ability to anonymously express themselves, particularly in countries where human rights are frequently violated. This again raises the question of surveillance as we saw it before. This can be justified for the purposes of administration of criminal justice, prevention of crime or combating terrorism. But the conditions must be clearly defined by the law and respect the principle of proportionality.

Conclusion

While the right to freedom of expression on the Internet can be considered as a fundamental right, we see that not everyone has the opportunity to enjoy it freely. If some restrictions can be justified by the international law, others are unacceptable. The „digital gap“ still exists and many people still lack the skills or infrastructures to enjoy this freedom. Others are prevented by their States on behalf of national security or other reasons because the governments fear the power of the Internet and use it to track the dissidents. In both case, the States must as much as possible limit those restrictions so that everyone can enjoy their right to freedom of expression on the Internet.

_____________

1See http://www.un.org/en/documents/udhr/index.shtml#a19

2La Rue, Frank, „Report of the Special Rapporteur on the promotion and protection of the right to freedom of opinion and expression“, May 2011. Available from: http://www2.ohchr.org/english/bodies/hrcouncil/docs/17session/A.HRC.17.27_en.pdf

3La Rue, Frank, idem.

4See http://www2.ohchr.org/english/law/ccpr.htm#art19

5La Rue, Frank, idem.

6Reporters sans frontières, „Les ennemis d’internet“, March 2012. Available from: http://12mars.rsf.org/i/Rapport_Ennemis_Internet_2012.pdf

7See http://fr.rsf.org/inde-de-nouvelles-regulations-19-05-2011,40316.html

Freier/offener Zugriff zu Wissen und Information (August Scherer-Hug)

Im Rahmen des Master-Studiengangs Information Science an der HTW Chur müssen Studierende im vierten Semester unter anderem im Modul „Informationsethik“ bei Prof. Rainer Kuhlen als Teil des Leistungsnachweises zu einer These ein Essay verfassen. Wir stellen ausgewählte Essays aus dem vergangenen Frühlingssemester 2012 in den nächsten Tagen hier im Blog vor.

 

„Je freier/offener der Zugriff zu Wissen und Information gemacht wird, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch weiterhin in der Wirtschaft damit verdient werden kann.“
Thesen-Essay im Rahmen des Moduls „Aktuelle Themen der Informationswissenschaft 2: Informationsethik – Wissensökologie – Wissen und Information als Commons“
im Studiengang Master of Science in Information Science der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Chur
Autor: August Scherer-Hug

Von Boykotten und Piraten – eine Einleitung
„Ich werde nicht publizieren, nicht begutachten und keine redaktionellen Arbeiten übernehmen.“ Mit dieser Form der Arbeitsverweigerung unterstützen weltweit immer mehr Wissenschaftler einen Boykottaufruf gegen das Geschäftsgebaren des Fachverlages Elsevier. Die erst anfangs dieses Jahres unter dem Titel „The cost of knowledge“ lancierte Protestnote wurde bereits von über 11’000 Forschenden (Stand anfangs Mai 2012) unterzeichnet – Tendenz nach wie vor steigend. Auslöser für diese globale Empörung ist die schon seit mehreren Jahren anhaltende kontinuierliche Steigerung der Subskriptionskosten für wissenschaftliche Zeitschriften, verbunden mit oft undurchsichtigen Paketangeboten der Verlage, um auch weniger gefragte Titel wirtschaftlich noch verwerten zu können. Diese Entwicklung – in Deutschland seit längerem unter dem Schlagwort „Zeitschriftenkrise“ bekannt – erfasst nun auch die grossen, renommierten Universitäten bzw. deren für die Informationsversorgung zuständige Bibliotheken. So rief der Fakultätsrat der Harvard-Universität Mitte April seine weit über 2’000 Forschenden dazu auf, ihre Forschungsergebnisse nicht mehr in kostspieligen Journals zu veröffentlichen, sondern wenn immer möglich Open Access Titel zu bevorzugen, da sich die Bibliothek die Anschaffung dramatisch teurer werdender Fachzeitschriften nicht mehr leisten könne.

Wer nun glaubt, dass sich die Diskussion um den freien – oder zumindest den weniger verknappten – Zugang zu Wissen auf das Wissenschaftssystem beschränkt, sieht sich durch den derzeitigen Erfolg der Piratenpartei in Deutschland eines Besseren belehrt. Zwar wird sich weisen müssen, ob es ihr als Themenpartei gelingen wird, sich im doch sehr festgefahrenen Politikalltag mit seinen klaren Vorgaben zu etablieren. So wurde sehr rasch das nur rudimentär vorhandene Parteiprogramm bemängelt, und die eine oder andere nicht eben geschickt formulierte Aussage von frisch gewählten Landesparlamentariern hat entsprechende Vorurteile hierbei sicherlich untermauert. Nichtsdestotrotz muss aber attestiert werden, dass es hier einer noch ganz jungen Partei gelungen ist, die durchaus berechtigten Interessen und Anliegen ihrer Wählerinnen und Wähler anzusprechen, so dass eine Wahl von Vertreterinnen und Vertretern der Partei in die Parlamente überhaupt erst möglich wurde – im Gegensatz etwa zum wenig erfolgreichen Abschneiden einer Wirtschaftspartei wie der FDP. Dabei versteht sich von selbst, dass auch ein gewisser Anteil an Protest- und Juxwählern zum Erfolg verholfen hat. Ziehen wir aber Parallelen zur Entwicklung beispielsweise der Partei der Grünen, so ist zumindest nicht auszuschliessen, dass es den „Piraten“ (ob der Name langfristig förderlich ist, sei dahin gestellt), oder besser, den durch diese vertretenen inhaltlichen Anliegen gelingen kann, fester Bestandteil der politischen Agenda zu werden.

In diesem Kontext wollen wir im Folgenden darzustellen versuchen, inwiefern die Prinzipien einer „alten“ Ökonomie der knappen Güter sowie des Primats von Angebot und Nachfrage in einer zunehmend digitalen Welt der immateriellen Güter noch Sinn machen, und ob nicht neue Modelle, die einen möglichst freien und offenen Zugang zu Wissen unterstützen, unter wirtschaftlichen, aber auch informationsethischen Gesichtspunkten erfolgsversprechend sein können.

Verständnis für die Situation der Wirtschaft – aber nur ein wenig
Es wird niemand bestreiten können, dass der durch die Digitalisierung und die Verbreitung des Internets als globales Kommunikationsnetz angeschobene Strukturwandel in vielen Wirtschaftsbranchen zu massiven Umbrüchen geführt und auch seine Opfer gefordert hat. Denken wir etwa an den Foto-Pionier Kodak, der anfangs dieses Jahres, nach lange andauernder Agonie, den Insolvenzantrag stellen musste; denken wir an die vielen Musik-Fachgeschäfte oder auch den Buchhandel, welche durch Download-Portale abgelöst und durch den Vertrieb über Internet verdrängt werden; oder denken wir an die Datatypistin und den Schriftsetzer, deren Berufe bis auf wenige Ausnahmen mangels Bedarf vom Aussterben bedroht sind. Solche, durch Innovationen provozierte Umwälzungen waren und sind im wirtschaftlichen Umfeld stets präsent, und in diesem Sinne sind die aktuellen Auswirkungen durch die Möglichkeiten des Web keine neuen Phänomene.
Auch die im Wissenschaftsbetrieb immer wieder angeführte Problematik, dass sich Verlage die durch den Staat finanzierten Produkte der Forschung (Publikationen) „aneignen“ und sich diese wiederum durch den Staat bezahlen lassen, indem sie sie an die Bibliotheken eben dieser Forschungseinrichtungen verkaufen, steht nicht gänzlich isoliert im „Wirtschaftsraum“, sondern weist zumindest Parallelen etwa zur Ausschöpfung von Bodenschätzen oder der Vergabe von Konzessionen auf, wobei hier – meist im Gegensatz zum Wissenschaftsbetrieb – immerhin Rechte abgegolten werden und ein grösseres unternehmerisches Restrisiko bestehen bleibt.
Solange wir uns nun in einer Welt der physischen Güter bewegen und wir es mit traditionellen Wertschöpfungsketten mit Produktion und Distribution etc. zu tun haben, scheinen uns auch unanständig hohe Gewinne (z.B. Erdölindustrie) nicht oder nur wenig zu stören, sind das physische Gut und dessen Verbrauch doch offensichtlich, so dass unsere Sozialisierung, gekoppelt mit unserem individuellen Erfahrungshintergrund, zu einer hohen Akzeptanz dieser Mechanismen zu führen scheint.

Dass das Wirtschaftssystem versucht, die Mechanismen im Umgang mit physischen Gütern auf das ökonomische Potential immaterieller Güter zu übertragen, kann ihr grundsätzlich wohl nicht vorgeworfen werden, dürfte dies doch durch die spezifische berufliche Prägung der verantwortlichen Personen begründbar und darüber hinaus auch schlicht „menschlich“ sein. Anders scheinen nun aber die Kundinnen und Kunden auf diese Geschäftsmodelle zu reagieren, wie wir in der Einleitung exemplarisch dargestellt haben. Denn die künstliche Verknappung durch die verschiedenartigsten Beschränkungen der Zugänge zu immateriellen Gütern und damit zu Wissen sind nicht mehr durch zusätzliche Grenzkosten (Kosten für die Herstellung einer einzelnen zusätzlichen Produktionseinheit) begründbar, sondern unterliegen überwiegend dem Streben, Gewinne zu maximieren und die Ansprüche der Shareholder zu befriedigen. Verschärfend kommt dazu, dass die Produktion und Publikation bzw. die Distribution eines elektronischen Gutes oder einer Dienstleistung durch die sich rasch entwickelnden Möglichkeiten neuer Tools immer einfacher werden, so dass die Notwendigkeit, unterstützende Dienstleistungsangebote in Anspruch nehmen zu müssen, kontinuierlich abnimmt, und mit ihr die Bereitschaft sinkt, für entsprechende Dienste zu bezahlen. Die durchaus wertvollen Funktionen beispielsweise eines Verlages wie Lektorat, Marketing etc. wollen wir dabei nicht in Abrede stellen. Es zeichnet sich jedoch ab, dass die Vergütungsbereitschaft künftig kritischer hinterfragt und nur noch für spezifische Dienstleistungen bestehen wird.
Im Folgenden wollen wir nun aber aufzeigen, dass das Festhalten des Wirtschaftssystems an den bekannten Geschäftsmodellen nicht nur bezüglich der Kundenakzeptanz problematisch ist, sondern – und dies ist weit gravierender – eine bewusste Verknappung von Informationsgütern und Wissen auch ökonomisch nicht sinnvoll ist. Begleitet werden die Ausführungen durch informationsethische Argumente, die am Rande bereits im Vorhergehenden angesprochen wurden.

Vieles ist bekannt, vieles wird (noch) verkannt – „neue“ Geschäftsmodelle für immaterielle Räume
Es mag unklug sein, ausgerechnet den Wissenschaftsbetrieb als „Vorbild“ für den Nutzen eines offenen und freien Zugangs zu Wissen anzuführen mit dem Anspruch, dass die Vorteile eines solchen Systems auch unter ökonomischen Rahmenbedingungen Bestand haben müssten. Aber selbst wenn die wohl wesentlichen Anteile der Generierung neuen Wissens unter der schützenden Haube staatlich garantierter und finanzierter Wissenschaftsfreiheit entstehen, so liegen im Grundprinzip des wissenschaftlichen Arbeitens doch Vorteile, die auch in einem ökonomischen Kontext zu überzeugen wissen. Können wir, wohlgemerkt im Idealfall, nämlich davon ausgehen, dass jeder Erkenntnisgewinn weltweit nur einmal erarbeitet werden muss, und dass jede vorstellbare weiterführende Arbeit aufbauend auf diesem Wissen zu wiederum neuen Erkenntnissen führt, die ihrerseits nur einmal hergeleitet werden müssen, dann könnten wir hinsichtlich eines verantwortungsvollen und nachhaltigen Ressourceneinsatzes sicherlich von einer optimalen Situation sprechen.

Aus wirtschaftlicher Sicht spricht gegen eine solche Praxis das Argument, dass ein Knowhow-Vorsprung in der Regel zu einem wesentlichen Wettbewerbsvorteil führt, was für die einzelne Unternehmung sicherlich unbestritten ist. In einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung wird es aber durchaus vorkommen, dass das ökonomische Potential dieses Knowhows weit über die Möglichkeiten der Abschöpfung durch den individuellen Wissensbesitzer hinaus geht. Führen wir als Beispiel – ganz bewusst aus der Welt der physischen Produkte gewählt – die Herstellung von Generika an: Solange das Originalpräparat geschützt ist, wird es normalerweise vom Rechteinhaber zu einem konstant hohen Preis angeboten, unabhängig davon, ob die dafür eingesetzten Forschungs- und Investitionskosten bereits amortisiert sind oder nicht. Sobald die Schutzfrist abgelaufen ist und von einem oder mehreren Anbietern ein Generikum des Originalmedikaments auf den Markt gebracht wird, sinken die Preise, wodurch aber gleichzeitig neue, weniger finanzkräftige Kundengruppen angesprochen werden können. Nicht selten werden dadurch tiefere Pro-Stück-Erträge durch grössere Verkaufsvolumina kompensiert bzw. oft auch übertroffen. Ganz abgesehen von damit verbundenen Vorteilen aus rein ethischen Gründen würde – es sei nochmals betont – aus gesamt- und nicht individualwirtschaftlichen Überlegungen deshalb vieles dafür sprechen, keinen Patentschutz für Medikamente zu gewähren.

Dass solche Modelle insbesondere in einem immateriellen Umfeld bestens funktionieren können und Vorteile aufweisen, ist aus Untersuchungen zu Open-X-Produkten, wie wir sie nennen können, hinreichend bekannt:
Open Source Software verfügt verglichen mit kommerziellen Produkten oft über eine höhere Stabilität und eine verbesserte Sicherheit, da sich mehr Leute mit dem offenen Programmiercode auseinandersetzen, Fehler dadurch rascher behoben und Sicherheitslücken schneller entdeckt werden. Längst haben sich Schulungs- und Support-Dienstleistungen als wirtschaftlich erfolgreiche Geschäftsmodelle etabliert, auch wenn das eigentliche Wissensprodukt in Form einer Applikation kostenlos zur Verfügung gestellt wird.

Open Educational Resources ermöglichen den Austausch und die Weiterverwendung von Lehr- und Lernressourcen für Lehrpersonen und Dozierende. Diese steigern damit die Effizienz in ihrer Unterrichtsvorbereitung und können sich Freiräume für die Bewältigung der stetig anwachsenden Anforderungen (z.B. Elternarbeit, administrative Tätigkeiten etc.) schaffen, womit wir durchaus indirekte ökonomische Effekte geltend machen können.

Open Access Publikationen werden oft breiter rezipiert und häufiger zitiert (generieren also einen grösseren Nutzen) als Publikationen in traditionellen Journals. Losgelöst von der Problematik der ausgeprägten „Ranking-Orientierung“ unseres Wissenschaftssystems können wir folglich daraus ableiten, dass verbreitetere offene Publikationsformen auch zu grösseren ökonomischen Effekten durch verbesserte oder neue Produkte führen werden. Und so weiter, und so fort – die Liste liesse sich fast beliebig fortsetzen.

Unbestritten ist sicherlich, dass wir uns in einer Übergangsphase befinden, in der traditionelle und neue Geschäftsmodelle und die damit verbundenen Interessen vermehrt miteinander in Konkurrenz treten. Die in der Einleitung angeführten Beispiele sind deutliche Zeichen dafür, dass ein Umdenken im Gange ist und sich immer mehr Personen und Institutionen für die neuen Modelle aussprechen – sei es aus Zwang auf Grund abnehmender Ressourcen, sei es auf Grund von Einsichten, die zu einem Umdenken geführt haben, oder sei es – und dieser Punkt ist sicherlich nicht zu unterschätzen – auf Grund dessen, dass es allmählich „salonfähig“ wird, sich zur Open-Bewegungen zu bekennen, und die diesbezüglichen Hemmschwellen in den letzten paar Jahren deutlich gesunken sind.

Schliessen wir diesen Abschnitt aber ab mit einigen informationsethischen Aspekten: Unter dem Gesichtspunkt der Wissensökologie betont die Deutsche UNESCO-Kommission die Bedeutung eines freien Zugriffs auf Wissen und Information zu fairen Bedingungen. Dabei spielen auch die Überwindung der verschiedenen digitalen Klüfte (Altersgruppen, Gender-Aspekte, kulturelle Unterschiede etc.) oder die Langzeiterhaltung von digitalen Objekten eine wichtige Rolle. Freier Zugriff meint nicht zwingend kostenloser Zugriff, als entscheidend wird aber angeführt, dass eine wirksame Balance zwischen kommerzieller Verwertung und öffentlicher freier Nutzung gefunden werden muss, bei der die eingeschränkte Nutzungsmöglichkeit die Ausnahme und nicht der Regelfall sein soll.

Ob es aus einer globalen Perspektive betrachtet gelingen kann, die Entwicklungsschritte der Schwellen- und Drittweltländer durch den freien Zugang auf das der Menschheit potentiell zur Verfügung stehende Wissen zu beschleunigen, sei dahingestellt. Initiativen wie „One Laptop per Child“ entfalten in einzelnen Regionen durchaus ihre positive Wirkung, mit dem Zugang alleine sind die Probleme dieser Länder jedoch noch nicht gelöst. In jedem Falle scheint es im Mindesten aber die Pflicht der entwickelten Länder dieser Erde zu sein, gerade diesen Völkergruppen den ungehinderten und möglichst uneingeschränkten Zugang zu Wissen zu garantieren, nachdem wir jahrzehntelang und hemmungslos die natürlichen Ressourcen dieser Erde überproportional genutzt haben und auch weiterhin noch überproportional nutzen werden.

Was noch zu tun wäre – zum Abschluss
Machen wir zum Schluss dieses kurzen Essays ein Gedankenexperiment, indem wir uns eine Welt vorstellen, in der alle Menschen in technischer und ökonomischer Hinsicht jederzeit ungehinderten Zugang zum bisherigen und künftigen Weltwissen haben. Es ist offensichtlich, dass damit zwar eine entscheidende Hürde weniger zu überwinden wäre, dass wir aber nach wie vor hinreichend zu tun hätten. Nennen könnten wir dazu: die Pflege, den Ausbau und die Weiterentwicklung unserer Netzwerkinfrastruktur; die Aus- und Weiterbildung der nachfolgenden Generationen, um das verfügbare Wissen überhaupt nutzen zu können; damit eng verbunden die permanente Förderung der Medien- und Informationskompetenz aller Menschen mit dem Ziel der Schliessung der digital divides; die Wahrung der kulturellen Vielfalt als besondere Herausforderung für alle „Bewohner“ des „virtuellen globalen Dorfes“; die Förderung von Innovationen in einem ökonomischen Umfeld, welches nur noch kurzfristig von Wettbewerbsvorteilen durch Wissensvorsprünge profitieren kann; die Förderung einer ausgewogenen Medienlandschaft als Grundlage für eine freie Meinungsbildung (verbunden mit der Freiheit der Meinungsäusserung) und für eine funktionierende demokratische Gesellschaft; und schliesslich die Sicherung unserer Privatsphäre mit der individuellen Entscheidungsfreiheit, was wir in virtuellen Räumen von uns preisgeben wollen.

Es versteht sich von selbst, dass alle diese Leistungen nur durch ein funktionierendes Wirtschaftssystem erbracht werden können und von diesem getragen werden müssen. Es dürfte aber ebenso offensichtlich sein, dass es gleichsam paradox ist, unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in erster Linie für die künstliche Verknappung und Beschränkung des Zugangs zu immateriellen Gütern und zu Wissen einzusetzen, wenn, wie wir versucht haben aufzuzeigen, ein erheblich grösseres ökonomisches Potential in neuen Geschäftsmodellen steckt. Dass es dazu den Mut braucht, vertrautes Terrain zu verlassen und neue Wege zu beschreiten, ist unbestritten. Erfolgreiches Unternehmertum zeichnete sich aber immer durch diesen Mut und solche Qualitäten aus.

Ob wir uns damit auf den Weg begeben, alles „kleine Piraten“ zu werden, kann noch nicht mit Sicherheit gesagt werden. Gegen ein unter informationsethischen Gesichtspunkten einwandfreies „Piratentum“, das sich gegen wirtschaftlich nicht begründbare Schranken wehrt, ist, so scheint mir, aber nichts einzuwenden. Begleiten wir deshalb wohlwollend, aber aufmerksam und durchaus auch kritisch die weiteren Entwicklungen unserer Informations- und Wissensgesellschaft.

Ist Organisationsentwicklung Bullshit? (Tristan Triponez)

Im Rahmen des Master-Studiengangs Information Science an der HTW Chur müssen Studierende im zweiten Semester unter anderem im Modul „Organisationsentwicklung“ als Teil des Leistungsnachweises ein Essay verfassen. Die Aufgabe bestand darin, die vorgegebene These kritisch (im Sinne der Dialektik) zu diskutieren und dazu einen dreiseitigen Essay (max. 10‘000 Zeichen inkl. Leerzeichen) anzufertigen. Wir stellen ausgewählte Essays aus dem vergangenen Frühlingssemester 2011 in den nächsten Tagen hier im Blog vor.

Ist Organisationsentwicklung Bullshit?

These: Der Erfolg einer Organisationsentwicklung wird von der Bereitschaft und Fähigkeit weniger Personen in der Organisation bestimmt und nicht von der Güte des Projekt- und Pro-zessdesigns der Organisationsentwicklung.

Hängt der Erfolg einer Organisationsentwicklung von der Bereitschaft und Fähigkeit weniger Personen in der Organisation ab oder von der Güte des Projekt- und Prozessdesigns der Organisationsentwicklung? Diese von der eingangs aufgeführten These abgeleitete Frage werde ich im nachfolgenden Text behandeln, wobei ich in der Argumentation insbesondere an grössere Unternehmungen denke, für die die Globalisierung eine der zentralen Herausforderungen ist.

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Zum Scheitern von Organisationsentwicklung (Stefanie Schaller)

Im Rahmen des Master-Studiengangs Information Science an der HTW Chur müssen Studierende im zweiten Semester unter anderem im Modul „Organisationsentwicklung“ als Teil des Leistungsnachweises ein Essay verfassen. Die Aufgabe bestand darin, die vorgegebene These kritisch (im Sinne der Dialektik) zu diskutieren und dazu einen dreiseitigen Essay (max. 10‘000 Zeichen inkl. Leerzeichen) anzufertigen. Wir stellen ausgewählte Essays aus dem vergangenen Frühlingssemester 2011 in den nächsten Tagen hier im Blog vor.

Zum Scheitern von Organisationsentwicklung

Nein, das will ich nicht! Diese Aussage hören wir öfters von Kindern, sei es, wenn es Bettgehzeit ist oder wenn es doch an der Zeit wäre, die Bilderbücher wegzuräumen, die seit Monaten nicht mehr interessant waren. Dieses Wegräumen bedeutet für das Kind einen grossen Wandel, eine grosse Veränderung. Wir wissen, dass die meisten Kinder ihre Methoden haben, solche Veränderungen effektiv zu verhindern oder zumindest herauszuzögern. Gleich zu Beginn werden die Standpunkte klar geäussert: Das Kind will keine Veränderung, wir aber möchten einen Schritt weitergehen in der Entwicklung. Ganz offensichtlich kann der ganze Prozess am Widerstand eines Beteiligten scheitern, im diesem Fall an einem willensstarken Kind mit lauter Stimme.
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Entscheidende Faktoren des Erfolges (Philipp Stalder)

Im Rahmen des Master-Studiengangs Information Science an der HTW Chur müssen Studierende im zweiten Semester unter anderem im Modul „Organisationsentwicklung“ als Teil des Leistungsnachweises ein Essay verfassen. Die Aufgabe bestand darin, die vorgegebene These kritisch (im Sinne der Dialektik) zu diskutieren und dazu einen dreiseitigen Essay (max. 10‘000 Zeichen inkl. Leerzeichen) anzufertigen. Wir stellen ausgewählte Essays aus dem vergangenen Frühlingssemester 2011 in den nächsten Tagen hier im Blog vor.

Entscheidende Faktoren des Erfolges

These: Der Erfolg einer Organisationsentwicklung wird von der Bereitschaft und Fähigkeit weniger Personen in der Organisation bestimmt und nicht von der Güte des Projekt- und Prozessdesigns der Organisationsentwicklung.

 

Die zentralen Inhalte der Organisationsentwicklung sind die Fähigkeit der Organisation, sich weiter zu entwickeln und die Bereitschaft ihrer Mitglieder, diese Entwicklung zu fördern und umzusetzen. Dabei ist es offensichtlich, dass jegliche Entwicklung einer Organisation in starkem Masse von der Bereitschaft der Beteiligten abhängig ist, etwa im Sinne der gängigen Redensarten “Wo kein Wille, da ist kein Weg” oder “Es gibt nichts Gutes ausser man tut es”. Diesbezüglich befasst sich die hier formulierte These wohl kaum mit dieser allgemeingültigen Ebene, sondern orientiert sich vielmehr spezifisch an den Aspekten “wenige Personen” und “Güte des Designs”. Dabei wird beim ersten, unterstützenden Aspekt hervorgehoben, dass wenige entscheiden, welcher Erfolg den Massnahmen einer Organisationsentwicklung beschert ist. Die einseitige Orientierung an Methodik und Techniken der Organisationsentwicklung könne kaum längerfristige Erfolge vermitteln, ausser die angewandten Methoden werden durch die wichtigen Führungskräfte entsprechend unterstützt. Einige wenige Persönlichkeiten seien mit ihren Entscheidungen weitaus ausschlaggebender als die Qualität von wohldurchdachten Prozessen und Projekten. Oder noch etwas weiter gedacht: selbst ein qualitativ hoch stehendes Projekt- und Prozessdesign kann den Erfolg einer Organisationsentwicklung nicht erzwingen, dieser liegt in den Händen einiger weniger Führungspersönlichkeiten.

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Die Rolle des Wissens in der Organisationsentwicklung (Regula Merz)

Im Rahmen des Master-Studiengangs Information Science an der HTW Chur müssen Studierende im zweiten Semester unter anderem im Modul „Organisationsentwicklung“ als Teil des Leistungsnachweises ein Essay verfassen. Die Aufgabe bestand darin, die vorgegebene These kritisch (im Sinne der Dialektik) zu diskutieren und dazu einen dreiseitigen Essay (max. 10‘000 Zeichen inkl. Leerzeichen) anzufertigen. Wir stellen ausgewählte Essays aus dem vergangenen Frühlingssemester 2011 in den nächsten Tagen hier im Blog vor.

 

 

Die Rolle des Wissens in der Organisationsentwicklung (Regula Merz)

These: Das größte Problem der Organisationsentwicklung liegt in einer ihrer wichtigsten Grundannahmen, nämlich dass das Wissen in der Organisation selbst vorhanden sei.

Die These nimmt Bezug auf die Annahme, dass wesentliches Wissen in jeder Organisation vorhanden sei und nur jeweils nutzbar gemacht werden müsse (Bau 2011, Einführung, S. 11). Hier stelIt sich die Frage, ob es besonders schwierig sei oder manchmal sogar unmöglich, Wissen in einer Organisation zu aktivieren und zu generieren? Kann es sein, dass relevantes Wissen häufig fehlt oder liegt etwa der „Teufel im Detail“? Welches sind die Ursachen für das in der These geäusserte grosse Problem? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.

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Die moderne Gesellschaft als Organisationsgesellschaft (Patricia Gavilano)

Im Rahmen des Master-Studiengangs Information Science an der HTW Chur müssen Studierende im zweiten Semester unter anderem im Modul „Organisationsentwicklung“ als Teil des Leistungsnachweises ein Essay verfassen. Die Aufgabe bestand darin, die vorgegebene These kritisch (im Sinne der Dialektik) zu diskutieren und dazu einen dreiseitigen Essay (max. 10‘000 Zeichen inkl. Leerzeichen) anzufertigen. Wir stellen ausgewählte Essays aus dem vergangenen Frühlingssemester 2011 in den nächsten Tagen hier im Blog vor.

 

 

Die moderne Gesellschaft als Organisationsgesellschaft

These: Der Erfolg einer Organisationsentwicklung wird von der Bereitschaft und Fähigkeit weniger Personen in der Organisation bestimmt und nicht von der Güte des Projekt- und Prozessdesigns der Organisationsentwicklung.

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