HTW Chur - SII

InfoWiss Chur

Blog des Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft

Kategorie: Projekt (Seite 1 von 2)

DAViS – Zentrum für Data Analytics, Visualization and Simulation nimmt die Arbeit auf

Seit Anfang des Jahres fördert der Kanton Graubünden die Projektpartner SIAF (Schweizer Institut für Allergie- und Asthmaforschung) und HTW Chur um die Themen Datenanalyse, Visualisierung und Simulation auf breiter Front voran zu bringen. Nach einer Übergangszeit mit Interimsleitung nimmt das Zentrum für Daten-Analyse, Visualisierung und Simulation (DAViS) zum 01.05.19 mit der Besetzung der Leitungsstelle nun auch offiziell die Arbeit auf.

Dr. Heiko Rölke, seit Mai «Sonderprofessor» für Data Analytics und Computational Science und Forschungsleiter DAViS

Das 21. Jahrhundert ist das digitale Zeitalter der Daten und Algorithmen. Neunzig Prozent der heute verfügbaren Daten sind in den letzten zwei Jahren erzeugt worden und das Datenvolumen wird sich alle zwei Jahre verdoppeln. Eine Schlüsseltechnologie ist deshalb das Data Mining (Data Analytics) zur Analyse grosser Datenmengen. Mit DAViS wird den Bedürfnissen der Bündner Hochschul- und Forschungsakteuren entsprochen, Nutzen für die lokale Industrie geschaffen und die interdisziplinäre Forschung auf internationalem Niveau gestärkt.

Im Zentrum stehen die Durchführung von Forschungsprojekten sowie Beratungs- und Serviceleistungen in den Bereichen Data Analytics, Machine Learning, Datenmodellierung, Simulation und Visualisierung mit den Davoser Partnerinstituten und der regionalen Industrie. DAViS arbeitet mit dem Hochleistungsrechenzentrum CSCS (https://www.cscs.ch/) in Lugano zusammen. Die HTW Chur ist die erste Fachhochschule der Schweiz, die einen Kooperationsvertrag mit dem CSCS abschliesst und damit auch der regionalen Industrie einen betreuten Zugang zu der leistungsfähigen CSCS-Infrastruktur für anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung ermöglicht. DAViS wird von einem interdisziplinären wissenschaftlichen Beirat überwacht.

Impfen polarisiert. Was sind die Kenntnisse und Haltungen von Gesundheitsberufen gegenüber dieser Thematik?

Impfen polarisiert und verunsichert. Angehörige von Gesundheitsberufen spielen eine zentrale Rolle bei der Beratung der Bevölkerung in Impffragen. Die HTW Chur und INFRAS haben deshalb in einer Studie die Kenntnisse und Haltungen von Gesundheitsberufen gegenüber Impfungen untersucht.

Symbolbild Impfungen (copyright INFRAS)

Studie zu Kenntnissen und Haltungen von Gesundheitsberufen gegenüber Impfungen

Einleitung, Zugang zur Gesamtstudie

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat die HTW Chur und INFRAS (Forschung und Beratung, Zürich) beauftragt, die Kenntnisse und Haltungen von Gesundheitsberufen gegenüber Impfungen mit Hilfe einer Online-Befragung von 10 Berufsgruppen und insgesamt über 2’500 Fachpersonen zu untersuchen. Hier werden die Ausgangslage, die Haupterkenntnisse sowie die Folgerungen und Empfehlungen aus dieser Studie in einer Zusammenfassung vorgestellt.

Das Bundesamt für Gesundheit wird am 20. Juni 2019 eine Medienmitteilung sowie die gesamte Studie auf der BAG-Website veröffentlichen.

Mehr:
https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/das-bag/aktuell/medienmitteilungen.html?dyn_startDate=01.01.2016

Ausgangslage, Ziele und Vorgehen

Ausgangslage

Das Impfsystem in der Schweiz weist noch Schwachstellen auf. Der Bund hat deshalb in Zusammenarbeit mit den Kantonen und weiteren Akteuren eine nationale Strategie zu Impfungen (NSI) erarbeitet. Ziel der NSI ist es, den Impfschutz der Gesamtbevölkerung und besonders vulnerabler oder gefährdeter Gruppen sicherzustellen. Das Gesundheitsfachpersonal nimmt dabei eine wichtige Rolle ein, indem es die Bevölkerung zu Impffragen berät und besonders exponiert ist gegenüber vulnerablen Gruppen wie ältere Menschen, chronisch Kranke, Kleinkindern und Schwangeren. Verschiedene Studien zeigen allerdings, dass gewisse Berufsgruppen der Gesundheitsfachpersonen Impfungen zum Teil kritisch gegenüberstehen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) möchte daher im Rahmen der NSI Massnahmen umsetzen, die auf das Gesundheitsfachpersonal abzielen. Diese sollen darin unterstützt werden, einheitlich über Impfungen informieren. Sie sollen Impfungen als sehr wichtig für die Gesundheit der Bevölkerung erachten und den Schutz vulnerabler Personen durch die eigene Impfung gewährleisten.

Ziele und Vorgehen der Studie

Um Massnahmen im Bereich Kommunikation und Aus-, Weiter- und Fortbildung möglichst zielführend auszugestalten, sollte die vorliegende Studie eruieren, welche Faktoren die Beratungstätigkeit und das eigene Impfverhalten der Fachpersonen im Gesundheitswesen beeinflussen und wie im Rahmen der NSI das diesbezüglich erwünschte Verhalten unterstützt werden kann.
Die Studie stützt sich auf ein Entscheidungsfindungsmodell aus den Kommunikationswissenschaften. Dieses geht – vereinfacht ausgedrückt – davon aus, dass Entscheidungen und Verhalten durch Kenntnisse und Haltungen geprägt sind. Information und Kommunikation können auf die Kenntnisse und Haltungen Einfluss nehmen und somit das Verhalten beeinflussen. Im Rahmen der Studie galt es daher, vertiefte Informationen über die Kenntnisse und Haltungen der Gesundheitsfachpersonen zu erlangen und die Wirkungszusammenhänge zu eruieren.
Methodisch stützt sich die Studie auf eine breite Onlinebefragung bei den Fachpersonen von insgesamt 10 Berufsgruppen im Gesundheitswesen. An der Befragung haben insgesamt über 2’500 Fachpersonen teilgenommen. Zur Vorbereitung der Onlinebefragung wurden explorative Experteninterviews mit VertreterInnen der Berufsverbände geführt. Die Ergebnisse der Onlinebefragung wurden mit verschiedenen statistischen Methoden ausgewertet. Anschliessend wurden einzelne Aspekte aus den Ergebnissen durch Fokusgruppengespräche und Einzelinterviews mit Fachpersonen aus ausgewählten Berufsgruppen vertieft.

Haupterkenntnisse

Beratungstätigkeit der Gesundheitsfachpersonen

Das Thema Impfen hat bei den Berufsgruppen eine unterschiedliche Relevanz.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass das Thema Impfen bei den Berufsgruppen unterschiedlich häufig zur Sprache kommt und sie sich in Bezug auf die Impfberatung unterschiedlich aktiv verhalten. Am häufigsten und am proaktivsten beraten erwartungsgemäss die grundversorgenden ÄrztInnen (KinderärztInnen, GynäkologInnen und HausärztInnen) zum Thema Impfen. Nichtärztliche Fachpersonen, deren Zielgruppe Säuglinge und Kinder bzw. Eltern sind (Hebammen/Entbindungshelfer und Mütter- und VäterberaterInnen) verhalten sich auffällig passiv in Bezug auf das Thema Impfen. Potenzial für eine verstärkte Impfberatung besteht weiter bei den ApothekerInnen und medizinischen Praxisfachpersonen, welche sich mehrheitlich eher passiv bei der Beratung zum Thema Impfen verhalten. Bei den medizinischen Praxisfachpersonen kommt das Thema zwar relativ häufig im beruflichen Alltag zur Sprache, es wird aber meist von Seiten der PatientInnen thematisiert. Aus vertiefenden Gesprächen geht hervor, dass die nichtärztlichen Fachpersonen sich zum Teil nicht in der Rolle sehen, Empfehlungen zum Thema Impfen abzugeben sondern diese Aufgabe bei den ÄrztInnen sehen. Am wenigsten zum Thema Impfen beraten Pflegefachpersonen und TherapeutInnen der KAM. Bei diesen Gruppen drängt sich die Notwendigkeit für die Impfberatung von Patientinnen allerdings auch weniger auf.

Gute Kenntnisse und eine positive Haltung begünstigen die proaktive Beratung zum Impfen.

Innerhalb der verschiedenen Berufsgruppen zeigt sich, dass Fachpersonen mit einer positiven Haltung zum Impfen und mit einem höheren Ausbildungsniveau tendenziell proaktiver bei der Impfberatung sind. Es ist davon auszugehen, dass die Fachpersonen, die sich proaktiv in Bezug auf die Impfberatung verhalten, dies mehrheitlich im Sinne der Empfehlungen des Bundes tun. Mit Ausnahme der TherapeutInnen der KAM und die Hebammen/Entbindungshelfer weisen die Fachpersonen, welche proaktiv beraten, mehrheitlich eine (eher) positive Haltung zum Thema auf.

Kenntnisse und Informationsbedürfnisse zum Thema Impfen

Höchster Wissensstand zu Impfthemen bei den ärztlichen Fachpersonen.

Der Wissensstand zum Thema Impfungen wurde anhand von sieben «Wissensfragen» zum Impfen erhoben. Es zeigt sich, dass die ÄrztInnen (aller Spezialisierungen) sowie ApothekerInnen den höchsten Wissensstand zu den abgefragten Aspekten zum Impfen aufweisen. Wissensdefizite äussern sich in Bezug auf mögliche negative Begleiterscheinungen sowie die Wirkungsweise von Impfungen und teilweise in den Empfehlungen des BAG – konkret die Impfung von Schwangeren gegen die saisonale Grippe.
Erwartungsgemäss weisen Fachpersonen, die einen höheren Ausbildungsabschluss innerhalb ihrer Berufsgruppe haben, eine Weiterbildung zum Thema Impfen in den letzten drei Jahren besucht haben und die häufiger mit dem Thema konfrontiert werden, einen besseren Kenntnisstand zu den abgefragten Wissensfragen auf. Bei den meisten Berufsgruppen nimmt der Wissenstand mit zunehmender Berufserfahrung ab. Dies ist ein Hinweis darauf, dass die Fachpersonen nach ihrer Ausbildung ihre Kenntnisse zum Teil nicht mehr auffrischen.

Bedarf nach weiteren oder anderen Informationsbedürfnissen vorhanden.

Die Befragung zeigt, dass die Gesundheitsfachpersonen für die Impfberatung oft auf das Wissen zum Impfen aus Ihrer Aus-, Weiter- und Fortbildung zurückgreifen, aber durchaus auch Informationsquellen zum Thema Impfen konsultieren. An erster Stelle steht deutlich der Schweizerische Impfplan, gefolgt dem Dienst InfoVac, Fachzeitschriften sowie Informationen des Berufsverbands. Dennoch ist gemäss den Befragungsergebnissen ein Bedarf nach weiteren oder anderen Informationsangeboten zum Thema bei den Gesundheitsfachpersonen vorhanden. Dies äussern im Durchschnitt über alle Fachgruppen ein Viertel der Gesundheitsfachpersonen. Konkret wünschen sich die Befragten vor allem Informationsmaterial zu folgenden vier Aspekten: 1) Neutrale, evidenzgestützte Informationen (pro/contra Impfen) (v.a. nichtärztliche Fachpersonen); 2) Zielgruppengerechte Patienteninformationen zur Abgabe; 3) Argumente für die Beratung von impfkritischen Personen; 4) Updates zu Änderungen Impfempfehlungen / Verfügbarkeit der Impfstoffe. Besonders deutlich wird auch aus den vertiefenden Gesprächen mit ausgewählten nichtärztlichen Fachpersonen, dass die bisherigen Informationsmaterialien zu einseitig erscheinen und ein Bedürfnis besteht, sich auf Basis von «neutralen» Informationen eine eigene Meinung zu bilden. Darüber hinaus bemängeln die Fachpersonen die schwache Benutzerfreundlichkeit des Schweizerischen Impfplans.

Aus-, Weiter- und Fortbildung zum Thema Impfen mit Verbesserungspotenzial.

Bei der Aus-, Weiter- und Fortbildung zeigen sich Verbesserungspotenziale insbesondere bei den Hebammen/Entbindungshelfern, den medizinischen Praxisfachpersonen, den Pflegefachpersonen und den TherapeutInnen der KAM. Diese geben am häufigsten an, im Rahmen der Aus-, Weiter und Fortbildung (eher) nicht die notwendigen Kompetenzen erworben zu haben, um den KlientInnen adäquat Auskunft zu geben. Bei diesen Fachgruppen scheint auch das Angebot in der Aus-, Weiter- und Fortbildung zum Thema Impfen eher gering zu sein. Vermisst werden insbesondere eine vertiefte und kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Impfen und Informationen über die Wirkungsweise der Impfungen.

Haltungen zum Thema Impfen

Vorbehalte zu Impfungen am stärksten verbreitet unter den nichtärztlichen Fachpersonen.

Die befragten Gesundheitsfachpersonen äussern gewisse Vorbehalte gegenüber dem Impfen insbesondere bzgl. der Rolle der Pharmaindustrie, der eigenen Verantwortung gegenüber den PatientInnen (eigene Impfung) und dem Impfen als bessere Alternative gegenüber dem Durchleben der Krankheit, um Immunität zu erreichen. TherapeutInnen der KAM und Hebammen/Entbindungshelfer zeigen sich am kritischsten gegenüber Impfungen, aber auch Pflegefach- und -assistenzpersonen, medizinische Praxisfachpersonen und Mütter- und VäterberaterInnen weisen eine kritischere Haltung auf als die ÄrztInnen und ApothekerInnen.

Negative Haltungen sind geprägt durch Unsicherheiten und generelle Wertehaltungen.

In Bezug auf die negativen Haltungen zum Impfen wird deutlich, dass sich dahinter häufig auch Unsicherheiten vor allem in Bezug auf mögliche Gefahren bzw. die Wirksamkeit des Impfens verbergen. Diese sind häufig kombiniert mit einem Glauben an die natürlichen Abwehrkräfte. Auch das Autonomiebedürfnis bzw. Widerstände gegen einseitige Empfehlungen von Autoritäten (Arbeitgeber, Staat) und gegen wirtschaftliche Interessen sind deutlich als zugrundeliegende Haltungen erkennbar.

Fachpersonen mit kritischer Haltung haben oft ein professionelles Rollenverständnis.

Mit Ausnahme der TherapeutInnen der KAM ist in allen Berufsgruppen die grosse Mehrheit der Fachpersonen bereit, unabhängig von ihrer eigenen Meinung, die offiziellen Impfempfehlungen abzugeben. Hingen geht auch aus den vertiefenden Gesprächen hervor, dass kritisch eingestellte Fachpersonen bei der Weitergabe der offiziellen Empfehlungen zurückhaltender sind als KollegInnen mit einer positiveren Haltung. Sie verweisen für konkrete Empfehlungen zum Impfen vor allem an ÄrztInnen.

Folgerungen und Empfehlungen

Basierend auf den Ergebnissen lässt sich schliessen, dass Massnahmen der Information und Kommunikation (inkl. Aus-, Weiter- und Fortbildung) Potenzial haben, die Impfberatung und die eigene Impfung der Gesundheitsfachpersonen zu fördern. Es ergeben mehrere Ansatzpunkte:

Kenntnisse der Fachpersonen verbessern.

Die Analysen der Onlinebefragungsergebnisse bestätigen die aus den Kommunikationswissenschaften postulierte Wirkungskette: Je besser die Kenntnisse auch innerhalb einer Berufsgruppe zum Impfen sind bzw. je höher die Ausbildung und je eher eine Weiterbildung besucht wurde, desto positiver ist die Haltung zum Impfen. Je positiver die Haltung zum Impfen wiederum ist, desto eher lassen sich die Gesundheitsfachpersonen impfen und desto proaktiver sind sie bei der Impfberatung. Zur Förderung einer proaktiveren Impfberatung im Sinne der offiziellen Empfehlungen sowie der eigenen Impfung der Fachpersonen kann somit erstens bei der Verbesserung der Fachkenntnisse zum Impfen angesetzt werden. Dazu sollte das Aus-, Weiter- und Fortbildungsangebot gestärkt werden. Bei einigen Berufsgruppen ist das Aus-, Weiter- und Fortbildungsangebot zum Thema Impfen wenig ausgeprägt. Insbesondere die nichtmedizinische Fachpersonen wünschen sich so auch eine vertieftere Behandlung des Themas Impfen in der Aus-, Weiter- und Fortbildung und konkretere Hilfestellungen, um ihre PatientInnen adäquat zu beraten.

Konkrete Unterstützungsangebote für die Impfberatung bereitstellen.

Aus den Ergebnisse der Studie geht hervor, dass den Fachpersonen zum Teil geeignetes Informationsmaterial bzw. konkrete Kommunikationstrainings fehlen, um – insbesondere auch impfkritische – PatientInnen adäquat zum Impfen beraten. Durch folgende Massnahmen könnte diese Situation verbessert werden.

  • Zielgruppengerechte Patienteninformationen bereitstellen (z.B. Material für MigrantInnen, impfskeptische Personen etc.).
  • Kommunikationstrainings – insbesondere im Umgang mit impfskeptischen Personen – in der Aus-, Weiter- und Fortbildung integrieren.
  • Schweizerischen Impfplan anwendungsfreundlicher gestalten: Der Impfplan ist die meist genutzte Informationsquelle. Eine anwendungsfreundichere Gestaltung könnte den Fachpersonen mehr Sicherheit geben, angemessen beraten zu können.
Glaubwürdigkeit der Empfehlungen erhöhen.

Impfkritische Haltungen der Gesundheitsfachpersonen sind zum Teil geprägt durch Unsicherheiten bzw. fehlende Kenntnisse. Zum Teil besteht aber auch Skepsis gegenüber einseitig präsentierten Impfempfehlungen und ein Wunsch danach, sich eine eigene Meinung aufgrund von Pro und Contra-Argumenten bzw. Evidenz zu den Argumenten bilden zu können. Einige Fachpersonen scheinen hingegen auch auf direkte Empfehlungen des Arbeitgebers oder des Berufsverbands zu vertrauen. So zeigt sich beispielsweise, dass Fachpersonen den Empfehlungen von Arbeitgebern für die Impfung auch unabhängig von ihrer eigenen Haltung nachkommen. Daraus ergeben sich folgende Möglichkeiten, die Glaubwürdigkeit der Empfehlungen des Bundes zu verbessern und dadurch die eigene Impfung sowie die Impfberatung im Sinne der offiziellen Empfehlungen zu stärken:

  • Empfehlungen mit neutraler Diskussion und Hinweisen auf wissenschaftlich Evidenz anreichern.
  • Kritische Auseinandersetzung mit dem Thema in der Aus-, Weiter- und Fortbildung ermöglichen.
  • Peers (KollegInnen der Berufsgruppe) in die Kommunikation einbeziehen (z.B. mit «Testimonials»)
  • Berufsgruppenorganisationen und Arbeitgeber als Kommunikationskanäle nutzen bzw. Empfehlungen von Arbeitgeberseite unterstützen.
Zuständigkeit für die Impfberatung bei nichtärztlichen Fachpersonen stärken.

Die Ergebnisse dieser Studie haben gezeigt, dass einige Berufsgruppen, welche an sich für eine proaktive Impfberatung in Frage kommen, eher «reaktive Impfberatung» betreiben. Sie geben nicht proaktiv und ungefragt Auskunft, sondern reagieren auf Patientenfragen, welche sie nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten versuchen. Dies betrifft vor allem die Hebammen, die Mütter- und VäterberaterInnen, die medizinischen Praxisfachpersonen und die ApothekerInnen. Die proaktivere Impfberatung dieser Berufsgruppen könnte durch folgende Massnahmen verbessert werden:

  • Auftrag der Fachpersonen in der Aus-, Weiter- und Fortbildung explizit thematisieren.
  • Zuständigkeit für Impfberatung Berufsgruppen ausdehnen.
  • Impfberatungsfortbildungskurs für nicht-ärztliche Berufsgruppen anbieten.
Fördermassnahmen auf einzelne Berufsgruppen fokussieren und spezifisch ausgestalten.

Die Massnahmen zur Förderung der Impfberatung und der eigenen Impfung sollten sich auf unserer Sicht auf einzelne Zielgruppen fokussieren. Nicht im Vordergrund stehen aus unserer Sicht die Gruppe der ÄrztInnen und der TherapeutInnen der KAM. ÄrztInnen beraten bereits grossmehrheitlich proaktiv und sind gut geimpft. TherapeutInnen der KAM sind seltener mit dem Thema konfrontiert. Zudem dürften sie von ihrer kritischen Haltung schwer abzubringen sein. Folgende Berufsgruppen sehen wir dagegen als primäre Zielgruppen für Fördermassnahmen an:

  • Förderung der Beratungstätigkeit: Medizinische Praxisfachpersonen, ApothekerInnen, Hebammen, Mütter- und VäterberaterInnen (je hohe Priorität), Pflegefach- und -assistenzpersonen (mittlere Priorität).
  • Förderung der eigenen Impfung: Pflegefachpersonen, Hebammen, Mütter- und VäterberaterInnen (je hohe Priorität), medizinische Praxisfachpersonen, ApothekerInnen (mittlere Priorität, da bereits relativ gut geimpft).

 

Beitrag von
Prof. Dr. Urs Dahinden
Forschungsleiter Schwerpunkt Big Data and Analytics
https://www.htwchur.ch/personen/person/dahinden-urs/

Hat die Stadtbibliothek Olten eine Zukunft? Eine Studie der HTW Chur gibt Antworten

Oft stand die Stadtbibliothek in Olten in jüngster Vergangenheit in der öffentlichen Kritik: Sie sei insgesamt zu teuer, sagen die einen. Sie müsse ihre Öffnungszeiten ausdehnen, sagen die anderen. Gar als «Betriebsferien-Bibliothek» wurde sie medial gegeisselt, da sie sechs Wochen im Jahr die Tore schliesst. Doch ist die öffentlich geübte Kritik überhaupt gerechtfertigt? Eine Studie des Schweizerischen Instituts für Informationswissenschaft im Auftrag der Stadt Olten sollte Antworten liefern. Und fand diese auch.

Der Eingangsbereich der Stadtbibliothek Olten

Olten hat viele Namen: «Literatenstadt», «Eisenbahnstadt», «Bildungsstadt» oder «Kulturstadt», um nur die geläufigsten zu nennen. Olten ist eine kulturell aktive Stadt: Es gibt z. B. ein Buchfestival, Kabarett- und Tanz-Tage oder einen literarischen Stadtrundgang (Literatour), zahlreiche Museen und eine junge Kulturszene. Diese Vielfalt widerspiegelt sich auch in der Bibliothekslandschaft der Stadt: Neben der alteingesessenen Stadtbibliothek existiert eine Jugendbibliothek, eine Ludothek und ein Stadtarchiv.

Die Stadtbibliothek ist in jüngster Vergangenheit jedoch immer wieder ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik geraten. Insbesondere die langen Betriebsschliesszeiten von insgesamt 6 Wochen im Jahr wurden zuletzt Ende 2017 öffentlich debattiert. Doch schaut man etwas genauer hin, so stellt man fest, dass die Stadtbibliothek Olten mit einem Stellenetat von gerademal 300 Stellenprozenten (verteilt auf 4 Personen) im schweizweiten Vergleich mit Bibliotheken in Gemeinden ähnlicher Grösse und mit einem vergleichbaren Bestandsvolumen unterdotiert ist. Der Spardruck in der seit der Finanzkrise 2008 arg gebeutelten Stadt hat auch vor der Stadtbibliothek nicht Halt gemacht, wovon die Stellenkürzungen der letzten Jahre zeugen (und dies bei gleichbleibender Arbeitslast notabene). Die Stadtverwaltung wollte genauer wissen, was mit den vorhandenen Ressourcen möglich ist und wie es mit der Stadtbibliothek in Zukunft weitergehen könnte.

Eine Fragestellung, die Prof. Ivo Macek wie gerufen kam und sich wunderbar u.a. mit der Unterstützung von Studierenden lösen liess: So erstellten die Studierenden des Bachelor-Studiengangs Informationswissenschaft Teilzeit (Klasse IW 16 tz ZH) im Rahmen des Moduls «Empirische Sozial- und Benutzerforschung» eine grossangelegte Nutzerbefragung und werteten diese aus. Derweil Studierende des Weiterbildungsmasters MAS in Information Science (Klassenjahrgang 2017-2019) im Rahmen einer Projektwoche vor Ort unter der Leitung von Prof. Ivo Macek und Prof. Urs Kappeler zukunftsträchtige Ideen für die Stadtbibliothek Olten entwickelten. Was dabei im Wesentlichen herauskam, sei in der Folge kurz zusammengefasst. Um die Ergebnisse allerdings zu verstehen, bedarf es zunächst eines Exkurses in die Trends der globalen Bibliothekswelt:

Bibliotheken verändern sich

Öffentliche Bibliotheken sind derzeit weltweit einem grossen Wandel unterworfen. Dieser hat einerseits technische, andererseits gesellschaftliche Ursachen: Das Internet hat den Zugang zu Wissen vereinfacht, und digitale Angebote haben das Verhalten von Bibliotheksnutzern markant verändert. Die Zeiten, in denen Bibliotheken Orte waren, in welchen man primär Bücher auslieh, sind längst vorbei. Die ursprüngliche Kernaufgabe, die Medienausleihe, ist zwar immer noch zentral. Es sind jedoch zahlreiche Aufgaben dazugekommen: Leseförderung für unterschiedliche Altersgruppen, vertiefte Vermittlung von Medienkompetenz, Integrationsprojekte, Unterstützung des lebenslangen Lernens. Als wichtiger Begegnungs-, Austausch- und Lernort haben Bibliotheken eine tragende Rolle. Öffentliche Bibliotheken reagieren zurzeit weltweit mit neuen strategischen Ausrichtungen auf die Herausforderungen. Was bedeutet das nun für die Stadtbibliothek Olten?

Neues Profil nötig

Ihr fehlt es an einem klaren Aktionsplan, wie sie sich in diesem sich verändernden Umfeld positionieren will. Das bisherige (historisch bedingte) Profil als Studien- und Bildungsbibliothek scheint überholt. Mit der vor einigen Jahren im Fachhochschulcampus der FHNW eröffneten Bibliothek besteht eine moderne Einrichtung, die Studien- und Bildungszwecken dient und in Sachen vorhandener Infrastruktur der Stadtbibliothek den Rang abläuft. Es wird daher empfohlen, die Ausrichtung zu überdenken und einen Wandel hin zu einer reinen «allgemeinen öffentlichen Bibliothek» vorzunehmen. Konkret: Die Stadtbibliothek positioniert sich als sog. «3. Ort», das heisst als Ort, in dem man nebst dem Zuhause und der Arbeitsstelle seine Zeit verbringt. Sie schafft Platz und Raum, in denen Menschen freien Zugang haben, ohne Konsumationsdruck und dabei auf Medien zur Unterhaltung, sowie Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten treffen. Der «3. Ort» ist ein Treffpunkt, der Platz für Veranstaltungen und Aktivitäten unterschiedlichster Art bietet: seien dies Konzerte, Ausstellungen, Podiumsgespräche oder Theateraufführungen oder seien dies Veranstaltungen im privaten Rahmen oder Treffen von Gruppierungen unterschiedlichster Couleur. Der Nutzung des Raums sind nahezu keine Grenzen gesetzt. Die dafür nötigen Raumangebote zu schaffen, ist eine Herausforderung, welche die Bibliothekslandschaft zurzeit stark beschäftigt.

Neuer Raum nötig

Die Stadtbibliothek Olten kann an ihrem jetzigen Standort an der Hauptgasse in der Altstadt die Anforderungen an einen «3. Ort» nur sehr schwer erfüllen. Die Räume sind eng, die Regale statisch und die Lichtverhältnisse ungenügend. Zudem verteilt sich die Bibliothek über mehrere Stockwerke, was für Veranstaltungen und Raum für Begegnung eher hinderlich ist.

Gleichzeitig existiert mit der «Jugendbibliothek» auf dem Platz Olten noch eine zweite bibliothekarische Einrichtung, die sich ausschliesslich auf das Zielpublikum «Kinder und Jugendliche» ausrichtet, während die Stadtbibliothek eine Kundschaft im Erwachsenenalter anspricht. Diese räumliche, inhaltliche und organisatorische Trennung (die Stadtbibliothek ist dem Präsidial-, die Jugendbibliothek dem Schuldepartement angegliedert) wird als unsinnig erachtet. In einer Zusammenlegung beider Einrichtungen indes wird grosses Potential gesehen, Synergien können genutzt und Kräfte gebündelt werden. Ressourcen können ebenfalls besser eingesetzt werden, wenn alle an einem Ort zusammenarbeiten, anstatt jeder an einem separaten Standort und für sich. Allerdings macht – wie angetönt – eine Zusammenlegung nur Sinn, wenn auch eine räumliche Zusammenführung unter einem gemeinsamen Dach erfolgt. Nach Prüfung verschiedener möglicher Standorte in der Stadt Olten kommt die Studie zum Schluss, dass eine Integration der Stadtbibliothek ins Stadthaus baulich gut realisierbar wäre und grosse Vorteile in Bezug auf die zu erwartenden Synergieeffekte mit sich brächte. Der Raumperimeter der jetzigen Jugendbibliothek liesse sich relativ problemlos auf den ganzen Parterre-Bereich des Stadthauses erweitern, im Idealfall noch unter Hinzunahme der bis anhin ungenutzten Dachterrasse. Ein Projekt, das sicherlich günstiger ausfallen würde als ein kompletter Neubau.

Ressourcen stärken

Die Stadtbibliothek verfügt heute über einen Stellenetat von 3 Vollzeitstellen verteilt auf 4 Mitarbeitende. Im Vergleich mit anderen Bibliotheken von Gemeinden ähnlicher Grösse sind die personellen Ressourcen in Olten unzureichend. Zum Vergleich: Die Stadtbibliothek Baden beschäftigt 24 Mitarbeitende in insgesamt 12,4 Vollzeitstellen, in der Stadtbibliothek Aarau teilen sich 19 Mitarbeitende 10,2 Vollzeitstellen. Selbst die kleineren Stadtbibliotheken wie Zofingen, Langenthal und Burgdorf haben mindestens eine Vollzeitstelle mehr als die Stadtbibliothek Olten und ein Mehrfaches an Mitarbeitenden. Die Studie kommt zum Schluss, dass mit Blick auf die unmittelbare Konkurrenz, das verfügbare Medienangebot und die Aufgaben, die die Bibliothek über das bibliothekarische Kerngeschäft hinweg wahrnimmt (z. B. Sammelauftrag für Oltner Schrifttum, sog. «Oltenensia») mind. 100 Stellenprozente mehr als bisher vonnöten wären.

Politisches Bekenntnis zu einer Bibliothek mit Zukunft nötig

Alle Vorschläge sind wirkungslos, wenn kein klares politisches Bekenntnis zur Bibliothek und zu mehr Ressourcen in personeller wie in räumlicher Hinsicht vorhanden ist. Die Bibliothek muss sich und ihren Anliegen zwingend mehr politisches Gehör verschaffen, sei dies über eine Bibliothekskommission oder durch eine Vertretung in der Behörde. Der bevorstehende Wechsel in der Bibliotheksleitung böte die Chance für einen breit abgestützten Strategieentwicklungsprozess, der die Zukunft des Bibliotheksplatzes Olten nachhaltig sicherstellt. Die Zielsetzungen für die Bibliothek sollen im Einklang mit den Zielen des Regierungsprogrammes des Stadtrates stehen und auf die künftige städtebauliche und demografische Entwicklung Oltens abgestimmt sein.

Wenn Olten sorgsam mit seiner Stadtbibliothek umgeht, trägt sie nicht nur zur Bewahrung eines identitätsstiftenden Ortes und des kulturellen Erbes bei, sondern leistet eine unverzichtbare qualitative Investition ins städtische Leben. Denn Olten will ja gemäss den Regierungszielen vor allem eines sein: Ein Ort von hoher Lebensqualität mit einem reichhaltigen und qualitativ hochstehenden kulturellen Angebot. Oder wie es wörtlich heisst: «Der Kultur- und Bildungsstandort für die Region» (bis 2021). Dazu gehört auch eine Bibliothek, die höchsten Ansprüchen genügt.

Gerne steht der Projektleiter Prof. Ivo Macek (ivo.macek@htwchur.ch) beratend zur Seite.
Weitere Angaben zum Projekt finden Sie zudem auf der Projektseite.

Wissen identifizieren, teilen und nutzbringend anwenden – Grundlage für Innovation im Unternehmen

Das Erkennen von Kommunikationsbeziehungen (wer fragt wen bei welchem Problem, wer steht mit wem in welcher Kommunikationsbeziehung?) sowie die Identifikation von Wissensträgern (Experten) aber auch Wissenslücken ist ein entscheidender Beitrag zur Weiterentwicklung des Unternehmens und damit die Grundlage von Innovationen und dem langfristigen Unternehmenserfolg.

Visualisierung der Kommunikation der weltweit verteilten Forschungsabteilungen zu einem bestimmten Thema.

 

Wissensmanagement ist mit drei grossen Herausforderungen verbunden. Zunächst muss das Wissen der Mitarbeitenden identifiziert werden, danach müssen die Mitarbeitenden dazu motiviert werden ihr Wissen freiwillig zu teilen und zu guter Letzt muss sichergestellt sein, dass dieses Wissen auch angewendet wird. Ein Grossteil des unternehmensweit vorhandenen Wissens wird im entscheidenden Moment immer wieder neu entwickelt, da die Mitarbeitenden gar nicht wissen, dass das Wissen bereits vorhanden ist. In letzter Konsequenz bringt aller Aufwand, der für das Wiederauffinden bereits externalisierten und codifizierten Wissens mit Hilfe des Dokumenten- und Informationsmanagement betrieben wird, nicht den gewünschten Effekt. Deshalb ist die zentrale Aufgabe des Wissensmanagements die Identifikation des organisationalen Wissens, oder anders gesagt, die Identifikation der Personen, die das notwendige Wissen bereits besitzen.

Ziel dieses Projekts war die Entwicklung eines visuellen Anreizsystems zum freiwilligen Wissensaustausch im kollaborativen Wissensmanagement. Die Idee basiert auf der Annahme, dass wenn die Mitarbeitenden eines Unternehmens sehen können wie aktiv andere Mitarbeitenden ihr Wissen teilen, sie dazu animiert werden, ihr eigenes Wissen ebenfalls mitzuteilen, um so ihre eigene Reputation steigern zu können.

Um dies zu realisieren wurde für das Social-Media-Enterprise-Tool „Confluence” ein Software Add-on entwickelt, das mittels automatisierter Textanalyse bestimmte Kennzahlen (Benchmarks) erfasst, auswertet und in Confluence visualisiert. Mit Hilfe eines für verschiedene Use Cases entwickelten Dashbords (Cockpits) ist es möglich, Projektleitenden und Projektmitarbeitenden effizient aufzuzeigen, welche Personen im Unternehmen welches Expertenwissen besitzen und wie dieses Wissen ge- und verteilt, oder auch nicht geteilt, wird.

Obgleich in diesem Projekt die Entwicklung einer Softwarekomponente im Vordergrund stand muss dessen Entwicklung und dessen Einsatz im Unternehmen durch eine Veränderung der unternehmensweiten Wissenskultur begleitet werden. Nur durch eine Verankerung einer offenen Wissenskultur im Unternehmen kann die Software ihr volles Potenzial entwickeln. Darum wurde in diesem Projekt auch ein Change-Management-Konzept entwickelt um Stellen und Funktionen zu identifizieren und zu entwickeln, die für den Kulturwandel notwendig und sinnvoll sind.

Das Projekt konnte nach zwei Jahren erfolgreich abgeschlossen werden. Das Change-Management-Konzept wurde speziell für Unternehmen entwickelt, die mit Hilfe des Kollaborationstools Confluence, Wissensmanagement in ihrem Unternehmen erfolgreich einführen und langfristig und zielorientiert einsetzen wollen. Die Softwarekomponente zum Erfassen von Kennzahlen und zur Visualisierung in den unterschiedlichen Dashboards steht als „Prototyp” unter der URL https://github.com/htwchur/Coltero zur Verfügung. Der Einsatz dieser Software in anderen Unternehmen bedarf jedoch spezifischer Anpassungen an die im Unternehmen individuell vorhandenen Gegebenheiten.

Gerne steht der Projektleiter Prof. Dr. habil Wolfgang Semar (wolfgang.semar@htwchur.ch) beratend zur Seite.

Weitere Angaben zum Projekt finden Sie zudem auf der Projektseite unter https://www.htwchur.ch/htw-chur/angewandte-zukunftstechnologien/schweizerisches-institut-fuer-informationswissenschaft-sii/projekte/coltero/.

Eat, study, collaborate – Warum ist Szeged die ideale Destination dafür?

Autor_innen: Mirjana Jaksic, Julia Blättler, Tobias Russi, Studierende Masterstudienrichtung Information and Data Management

In der Masterstudienrichtung Information and Data Management der HTW Chur finden jeweils sogenannte Praxisprojekte statt. Darin zeigen die Studierenden ihre Fähigkeit, im Team, innerhalb einer bestimmten Zeit, wissenschaftlich und ergebnisorientiert eine Lösung für ein anspruchsvolles Praxisproblem zu entwickeln. Nachfolgend berichtet ein Projektteam vom Projekt und der anschliessenden Studienreise.

Internationale Kooperation, Innovation, moderne Arbeitsformen oder kulinarischer Genuss – das sind Begriffe, die man nicht unbedingt mit Ungarn in Verbindung bringt. Falls doch, steht eher Budapest ganz weit oben. Die drittgrösste Stadt Ungarns, Szeged, fällt kaum jemanden ein. Zugegeben, auch uns nicht.

Im Herbstsemester 2017 haben wir im Rahmen eines Praxisprojekts die Vorarbeit für ein grösseres Projekt geleistet. Es soll eine neue Software für das Schweizer ÜGK-Projektkonsortium (ÜGK = Überprüfung des Erreichens der Grundkompetenzen) entwickelt werden. Unsere Aufgabe war es, die User-Bedürfnisse zu erheben und daraus die Anforderungen an die Software abzuleiten und Designvorschläge zu erarbeiten. Die technische Umsetzung des Projektes erfolgt durch ein kleines IT-Unternehmen aus Szeged. Wir wurden von der HTW Chur eingeladen, unsere Ergebnisse den Entwicklern vorzustellen und Inputs zur weiteren Umsetzung beizutragen.

Ungarische Gastfreundschaft & Genuss

An der ungarischen Gastfreundschaft sind wir dabei nicht vorbeigekommen. Am ersten Abend hat uns die Leiterin des IT-Unternehmens zu einem traditionellen Abendessen eingeladen – einer sehr leckeren Fischsuppe. Ein Willkommensschnaps davor ist natürlich ein Muss. Man will ja nicht unhöflich sein. :-)

Willkommensschnaps in Delirium Pub

Fischsuppe – Spezialität aus Szeged

 

 

 

 

 

 

 

Fischspezialitäten mögen nicht jedermanns Sache sein. Szegeds Küche bietet jedoch eine breite und vielseitige Auswahl an Fleisch- und vegetarischen Gerichten, sodass jeder auf seinen Geschmack kommt. In Szeged schlecht zu essen ist schlicht unmöglich. Zu einem guten Essen gehört natürlich auch guter Wein. Auch da wird man schnell fündig. Besondere Freude dürften die Bierliebhaber erleben: In jedem Lokal, sei es ein studentischer Treff, ein Nobelrestaurant oder eine Abrisskneipe (die in Ungarn übrigens sehr beliebt sind) wird eine grosse Auswahl an Bieren, meist aus lokalen kleineren Brauereien, angeboten.

Szeged ist vor allem eine Universitätsstadt. Die Universität ist gross, fast die ganze Stadt ein Campus.

Hauptgebäude der Universität Szeged

Universitätsplatz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Wege von einem Standort zum nächsten sind kurz und führen meist durch die Altstadt mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten.

Beim Spaziergang über den Dóm tér (Domplatz) fühlt man sich leicht in eine andere Zeit versetzt. Für sportbegeisterte eignet sich der örtliche Damm wunderbar für eine Joggingrunde bei Sonnenaufgang.

Fussgängerzone Altstadt

Dóm tér im Stadtzentrum

Stadtpark Szeged

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der wichtigste Teil unserer Reise war das Meeting mit den Softwareentwicklern, bei welchem wir in den Arbeitsalltag reinschnuppern und ihre Arbeitsweise kennenlernen durften. Wir haben ein Team von freundlichen und motivierten Menschen angetroffen, für die Effizienz und Lösungsorientierung an erster Stelle stehen. Die Kommunikation war unkompliziert, klar und direkt. Selbst als Studierende wurden wir als Partner auf Augenhöhe angesprochen, der Fokus lag auf der gemeinsamen Aufgabe. Der Arbeitstag war sehr produktiv, wenn auch sehr kurz. In der Mittagspause konnten wir unsere Gastgeberin besser kennenlernen und mehr über die Arbeits- und Lebensweise in Ungarn erfahren.

Lessons learned

An der ÜGK sind verschiedene Institutionen in unterschiedlichen Aufgabenbereichen beteiligt, was einen höheren (methodischen und zeitlichen) Koordinationsaufwand in unserem Projekt darstellte. Gleichzeitig war es sehr spannend und lehrreich, die verschiedenen Verantwortungsbereiche kennenzulernen und die gegenseitigen Wechselwirkungen zu identifizieren.

Abschliessen möchten wir unseren Bericht mit einem Tipp für eine bessere Work-Life-Balance: Man muss essen! ;-)

Einige Besonderheiten der Öffentliche Bibliotheken in der Schweiz. Ergebnisse einer Umfrage

Karsten Schuldt

Einleitung: Die Umfrage unter Öffentlichen Bibliotheken und ihr Kontext

Das Team für Bibliothekswissenschaft am SII ist an einem grösseren Projekt beteiligt, bei dem – geleitet von Kolleginnen und Kollegen aus Norwegen – gefragt wird, wie Öffentliche Bibliotheken in verschiedenen Länder (Schweden, Dänemark, Norwegen, Deutschland, Ungarn, USA, Schweiz) im Zusammenhang stehen können mit Demokratie, Partizipation und ähnlichen Themen. Als erstes Ergebnis des Projektes kann schon einmal festgehalten werden, dass Öffentliche Bibliotheken in den beteiligten skandinavischen Staaten (Norwegen, Schweden, Dänemark) einfach anders „funktionieren“ und auch anders von der Bibliothekswissenschaft und der jeweiligen Gesellschaft gesehen werden, als in den anderen beteiligten Staaten (unter anderem der Schweiz). Während die drei skandinavischen Ländern starke Parallelen aufweisen, zeigt sich in den anderen Ländern, dass sie jeweils sehr eigene Verständnisse davon haben, was die Aufgabe von Öffentlichen Bibliotheken ist, wie sie aussehen sollen, wie sie funktionieren und so weiter. Oder anders: Die Öffentlichen Bibliotheken in der Schweiz sind einfach anders als die in anderen Ländern. Sie sind sehr eigen (wie ja auch die Schweiz sehr eigen ist).1

Im Rahmen dieses Projektes führten wir vom 16.04 bis 30.04. eine Umfrage unter dem Personal in Öffentlichen Bibliotheken in der Schweiz durch. Die Umfrage wurde etwa zeitgleich auch in den anderen beteiligten Ländern durchgeführt, jeweils in einer auf das jeweilige Land angepassten Variante. Ein Ziel des Projektes ist selbstverständlich, die Antworten der verschiedenen Umfragen zu vergleichen und zu schauen, wo sich Bibliothekswesen unterscheiden und wo nicht. Ebenso werden diese Ergebnisse im Projekt mit anderen Daten verglichen (z.B. mit den Ergebnissen einer Telefonumfrage, die in diesem Blog auch schon kurz dargestellt wurden, siehe hier). Diesen Beitrag möchte ich aber darauf beschränken, die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage in der Schweiz darzustellen.

Bei den Fragen, die in der Umfrage gestellt wurden, ist zu beachten, dass das ganze Projekt und die ganze Umfrage – trotz Inputs der Forschenden aus anderen Ländern – sehr skandinavisch geprägt ist. (Was dies heissen und auslösen kann, haben der Kollege Rudolf Mumenthaler und ich in der letzten LIBREAS. Library Ideas dargestellt: Partizipation in Bibliotheken.) Das erklärt, warum bestimmte Fragen vielleicht etwas unerwartet sind: Sie stammen aus einem etwas anderen Denken darüber, was die Aufgaben von Bibliotheken sein könnten und wie Bibliotheken funktionieren.

Teilnahme

Technisch umgesetzt wurde die Umfrage in Limesurvey (die Standardsoftware für solche Umfragen bei Projekten der HTW Chur, die hier verwendeten Graphiken sind auch von dieser Software erstellt). Eine Einladung für die Umfrage wurde über die Mailingliste swisslib (die als die bibliothekarische Mailingliste in der Schweiz gelten kann) verschickt. Es wurde explizit darauf hingewiesen, dass nur Personal aus Öffentlichen Bibliotheken (in einer sehr weiten Definition) gesucht wurden.

Trotz der kurzen Laufzeit wurden insgesamt 86 vollständige Antworten (und weitere 49 unvollstädnig) abgegeben, die hier für die Auswertung herangezogen werden. Das ist eine erstaunlich hohe Anzahl. Offenbar gibt es unter Öffentlichen Bibliotheken in der Schweiz ein grosses Interesse, an solch einer Umfrage teilzunehmen.2

Aus diesen Antworten kann man selbstverständlich nicht schliessen, dass sie direkt darstellen, was in allen Öffentlichen Bibliotheken in der Schweiz gedacht und getan wird (zumal es keine französische, italienische oder rätoromanische Übersetzung gab, weil am Ende einfach alles schnell gehen musste3). Sie geben aber Hinweise auf Tendenzen. Zu bedenken ist, dass vor allem die an der Umfragen teilgenommen haben werden, die etwas mitteilen wollten oder an den Fragen selber interessiert waren – und zudem Deutsch zumindest soweit beherrschten, dass sie sich eine solche Umfrage zutrauten. (Noch relevanter werden diese Ergebnisse dann im Vergleich mit den Umfragen in anderen Ländern, wo ja auch die geantwortet haben werden, die von sich aus teilnehmen wollten – also strukturell die gleichen Personengruppen wie in der schweizerischen Umfrage.) Trotzdem ermöglichen die Ergebnisse einige Einblicke in Bibliotheken, die sonst eher vermutet werden – und zudem die Überprüfung von einigen Vermutungen über Bibliotheken in der Schweiz.

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Wissensmanagement mittels Business Intelligence, Semantic Technologies und Big Data Methoden

Forschende des Schweizerischen Instituts für Informationswissenschaft haben an der internationalen Konferenz ASIS&T teilgenommen, an der Fabian Odoni zusammen mit Studierenden den App-Wettbewerb gewonnen hat. Anschliessend ging es weiter nach Syracuse zum Projektpartner INFICON, wo Mitarbeitenden das KTI Projekt Coltero vorgestellt wurde.

Präsentation an der ASI&T Konferenz in Washington DC

ASIS&T: Fabian Odoni hat zusammen mit Studierenden den App-Wettbewerb gewonnen

Präsentation des KTI-Prpjekts Coltero bei Inficon in Syracuse

 

Beim Projekt „Coltero – Collaboration and Enterprise Knowledge Visualisation“ geht es einerseits darum, Wissen in Unternehmen zu identifizieren, zu visualisieren und gezielt zu nutzen sowie die Mitarbeitenden dazu zu motivieren, ihr Wissen mit anderen zu teilen. Dabei werden Methoden der Business Intelligence ebenso wie semantische Verfahren und Big-Data-Methoden angewandt.

Mehr zum Projekt Coltero erfahren unter:
http://www.htwchur.ch/…/wer-weiss-was-in-meinem-unternehmen…

Was Menschen an Bibliothek wichtig finden (kurzer Blick auf Daten einer Umfrage)

Das Schweizerische Institut für Informationswissenschaft ist an der Studie ALM-Field, Digitalization, and the Public Sphere (ALMPUB) (https://almpub.wordpress.com), die von Kolleginnen und Kollegen der Oslo and Akershus University College of Applied Sciences geleitet wird, beteiligt. Teil der Studie war/ist eine Telefonumfrage in den beteiligten Staaten (Norwegen, Dänemark, Schweden, Schweiz, Deutschland, Ungarn) bei jeweils rund 1000 Personen pro Land. In der Umfrage wurde unter anderem die Sicht auf Bibliotheken, Archive, Museen (das ALM-Feld) und die jeweilige Gesellschaft im Allgemeinen sowie die Nutzung der ALM abgefragt. Die Auswertung wird sich hinziehen. Hier, in diesem Beitrage, aber schon mal ein kurzer Blick auf eine der gestellten Fragen: Welche Aufgaben von Bibliotheken werden als wichtig angesehen?

In der Tabelle sind die Werte für die Schweiz und – als Vergleich – Deutschland abgetragen. Zu Antworten war immer pro Item 1=sehr geringe Bedeutung bis 11= sehr grosse Bedeutung (bei der Umfrage dargestellt als 0 bis 10, aber in den Daten als 1 bis 11, d.h. der höchstmögliche Wert, welcher zu erreichen wäre, wäre 11). In der Tabelle angegeben sind jeweils das Item, absteigend geordnet nach dem Mittelwert der Antworten (bei 1002 Antworten für die Schweiz, 1017 für Deutschland). Angegeben ist zuerst der Median (die Antwort genau in der Mitte, bei der 50% höher und 50% niedriger geantwortet haben), da dieser weniger von Ausreissern beeinflusst, also auch genauer ist.

Zu sehen ist in den Daten – auch wenn sie vorsichtig interpretiert werden müssen – einiges, was den zeitgenössischen bibliothekarischen Diskussionen etwas zuwider läuft.

  1. Interessant ist erstmal, dass die Werte an sich recht hoch sind. Menschen finden offenbar im Allgemeinen und Grundsätzlich alles wichtig, was (Öffentliche) Bibliotheken als Aufgaben übernehmen. (Nicht hier dargestellt, aber in den Daten zu sehen: sowohl in Deutschland als auch der Schweiz gibt es eine Anzahl von Menschen, die Parteien, PolitikerInnen und anderen Menschen nicht viel vertrauen, aber grundsätzlich ist das Vertrauen hoch, in gesellschaftliche Infrastruktureinrichtungen wie Schulen, Bibliotheken, Archive und Museen sogar sehr. Der aktuelle Populismus spiegelt sich in den Daten, aber sehr einseitig, so als würden eine ganze Anzahl Menschen einen Unterschied machen zwischen den gesellschaftlichen Institutionen im Allgemeinen, die funktionieren, und ausgewählten Bereichen, denen sie einfach nicht vertrauen wollen. Bibliotheken wird vertraut.)
  2. Interessant ist auch, dass die Reihenfolge, was als wichtig und weniger wichtig betrachtet wird, in der Schweiz und Deutschland sehr ähnlich ist. In Deutschland sind die Wertung allgemein etwas höher, aber die erst vier „Plätze“ sind trotzdem die gleichen. Auch bei den anderen Positionen gibt nur kleine Unterschiede. Schweiz und Deutschland sind zwei unterschiedliche Länder, aber in Bezug auf die Wahrnehmung der Bibliotheken nur wenig voneinander unterschieden.
  3. Wirklich interessant ist, dass Funktionen, die in der bibliothekarischen Diskussion kaum besprochen werden, von der Bevölkerung als wichtig angesehen werden und Funktionen, die Bibliotheken betonen, weil sie modern sein wollen (und das heisst heute eigentlich immer, den Wünschen der Nutzerinnen und Nutzer entsprechen) werden als nicht so wichtig angesehen. Das ist offensichtlich bei dem Item „[Die Bibliothek befördert das literarische und kulturelle Erbe.]“, dass am höchsten bewertet wurde, aber in der bibliothekarischen Diskussion eigentlich nur noch in den Einführungswerken kurz ansprochen wird. (Und vor allem stimmt das so für Öffentliche Bibliotheken, die ja nicht Bewahren, sondern den Bestand aktiv entwickeln, auch bekanntlich nicht. Aber das ist für die Befragten offenbar irrelevant.) Auch die Aufgaben, Zugang für alle zu Wissen und literarischer Erfahrung (nicht Information, dass wird weniger wichtig bewertet) zu ermöglichen oder Freizeit mit Literatur zu gestalten wird von der Bevölkerung offenbar als weit weniger wichtig angesehen, als in der bibliothekarischen Literatur. Dafür werden Aufgaben, wie die Kreativität zu fördern („[Die Bibliothek befördert Kreativität und Innovation, indem sie ihre Nutzer dazu anregt, Kreativräume, sog. Makerspaces, für individuelles oder gemeinschaftliches Arbeiten zu schaffen.]“) oder Begegnungsstätte zu sein („[Die Bibliothek erfüllt als Begegnungsstätte in einer Gemeinde / Stadtteil eine wichtige soziale Funktion.]“), deren Diskussion die Seiten bibliothekarischer Zeitschriften füllen, als nicht so wichtig angesehen.
  4. Es scheint hier einen Missverhältnis zu geben, aber nicht so, wie die Bibliotheken sich untereinander öfter gegenseitig beklagen: Nicht die Bibliothek ist unmodern und hält an überkommenden Aufgaben (so die polemischen Ausdrücke) fest und „verliehrt“ deshalb Nutzerinnen und Nutzer, sondern die „neuen Aufgaben“, die sich die Bibliothek zuschreibt sind gar nicht die, die Menschen besonders an Bibliotheken schätzen.
  5. Innerhalb des Projektes betonen die Kolleginnen und Kollegen aus den skandinavischen Staaten die Aufgabe der Bibliotheken, Orte der Demokratie zu sein (was in Norwegen sogar so im Bibliotheksgesetz steht, wortwörtlich). Für die Schweiz und Deutschland hatten wir schon anfangs die Vermutung, dass das so nicht gilt. Die Umfrage scheint das zu bestätigen: Das wird als nicht so vorrangige Aufgabe angesehen.
  6. Einzige Ausnahme (neben der Aufgabe, Ort der Demokratie zu sein), wo bibliothekarischen Diskussion und Einschätzung der Bevölkerung übereinzustimmen scheinen, ist die Unterstützung von Formellem und Informellem Lernen. Aber wohl eher (siehe die Antwort zur „Kreativität“) doch klassisch: Buch und Artikel auf dem Tisch, lesend und schreibend.

Wie gesagt: Das ist nur ein kurzer Blick auf Daten, die auch nicht perfekt erhoben wurden. Eine tiefergehende Auswertung muss noch vorgenommen werden. Aber es sind schon mal Hinweise.

Spielerische Boxen erhöhen Bibliothekserlebnis

Die Autoren haben im nur gedruckt erscheinenden SAB-Info einen Text veröffentlicht, der hiermit mit freundlicher Genehmigung der Redaktion im vollen Wortlaut veröffentlicht wird. Schuldt, Karsten; Mumenthaler, Rudolf: Spielerische Boxen erhöhen Bibliothekserlebnis. In: SAB Info 38 (2017), Heft 2, S.22-23.

Makerspaces sind ein Sammelbegriff für Angebote von bestimmten Technologien, mit denen in kleinen Projekten gemeinsam etwas produziert werden kann – auch in Bibliotheken. An der HTW Chur wurden zwei mobile Boxen entwickelt und in der Praxis getestet. Das Projekt zeigt, dass auch in kleinen und Kleinstbibliotheken ein Interesse an diesem spielerischen Angebot besteht.

Die Zahl dieser Technologien hat sich in den letzten Jahren massiv erhöht. Grundsätzlich sollen Makerspaces es ermöglichen, mit diesen Technologien umzugehen, diese zu nutzen, um unter anderem in der Zusammenarbeit mit anderen in einer offenen, fehlertoleranten Atmosphäre zu lernen. Makerspaces sind in den letzten Jahren auch als private Vereine, als Teil von Schulen und anderen Einrichtungen entstanden. Das genaue Ziel der Makerspaces ist schwierig zu eruieren, aber es ist offensichtlich, dass sie eine gewisse Begeisterung auslösen. Während die Forschung zu den tatsächlichen Effekten noch relativ am Anfang steht und eher durchwachsene Ergebnisse zeigt, untersuchte die HTW Chur in einem Projekt, ob sich an dieses Interesse auch in kleineren und kleinsten Bibliotheken anschliessen lässt.

Technologie muss einfach funktionieren

Im Rahmen eines Seminars im Jahr 2015, in dem Studierende verschiedene Maker-Technologien erprobten, zeigte sich, dass diese zwar mit ähnlichen Versprechen (einfacher, direkter Hands-on-Einstieg, pädagogischer Hintergrund, das heisst fast immer die Möglichkeit, über die einfachen Anwendungen hinaus tiefer in die Technologie einzusteigen, zum Beispiel indem sie programmiert wird, Stabilität) vertrieben werden, aber nur einige diese Versprechen erfüllen. Insbesondere ist der angeblich einfache Einstieg nicht bei allen Technologien vorhanden. Gewisse Technologien, die gern im Zusammenhang mit Makerspaces genannt werden (zum Beispiel Raspberry Pi), haben höhere Einstiegshürden. Das Seminar stand im Zusammenhang mit dem Library Lab der HTW Chur. Im hier beschriebenen Projekt wurde versucht, auf der Basis des Seminars und der wachsenden Literatur zum Thema, Makerspaces mobil und für kleine Bibliotheken nutzbar zu machen. Dies ist naheliegend: Einerseits wird dies in anderen Staaten schon getan, andererseits gibt es zum Beispiel mit den Spielmobilen auch in der Schweiz Vorbilder. Diese zeichnen sich alle dadurch aus, dass sie von Personal betrieben werden. Ziel des Projekts war es, Makerspaces ohne dieses zusätzliche Personal zu gestalten. Es wurde angestrebt, Boxen mit gut funktionierender Technologie auszustatten, die direkt und ohne grössere Anleitung in einer Bibliothek für die Durchführung einer Maker-Veranstaltung genutzt werden können. Dazu wurden, wieder auf der Basis der schon vorliegenden Erfahrungen, Kriterien erarbeitet: Die Technologien mussten schon eingeführt sein, damit bei Problemen durch einfaches Suchen Hinweise gefunden werden können, wie diese zu lösen sind und damit schon gute Erfahrungen aus anderen Bibliotheken vorliegen. Sie mussten sofort einzusetzen sein, aber gleichzeitig immer auch ein tieferes Eintauchen in die Technologie ermöglichen. Sie mussten stabil und leistungsfähig sowie preislich tragbar sein. Es wurden drei Boxen entworfen und ‒ aufgrund begrenzter Mittel ‒ zwei umgesetzt. Keine der Boxen kostete mehr als 5000 Franken.

Die Boxen wurden verschiedenen Bibliotheken zur Verfügung gestellt, unter anderem in Wettswil ZH. (Foto: Rudolf Mumenthaler)

Die Boxen wurden verschiedenen Bibliotheken zur Verfügung gestellt, unter anderem in Wettswil ZH. (Foto: Rudolf Mumenthaler)

Roboter und 3D-Drucker

Durch den Kriterienraster fiel eine ganze Anzahl von Technologien, die in der Literatur als Teil von Makerspaces genannt wird. In institutionalisierten Makerspaces kann das Personal zusätzlich notwendiges Wissen erwerben. Bei mobilen Boxen für kleinere Bibliotheken ‒ mit beschränktem Platz, engagiertem, aber zeitlich eng eingebundenen Personal ‒ ist das nicht vorauszusetzen. Die erste Box enthielt einen Sphero 2.0 (eine Roboterkugel, die sich steuern und programmieren lässt), Ozobots (kleine Roboter, die auf unterschiedlich farbige Striche auf Papier reagieren und zum Tanzen programmiert werden können), Cubelets und MOSS (zwei Robotiksätze, bei denen aus verschiedenen Bausteinen, die magnetisch verbunden werden, Roboter gebaut und ebenso programmiert werden können), MakeyMakey (ein Bausatz, mit dem sich alle leitfähigen Gegenstände in Computertasten verwandeln lassen) und LittleBits (ebenfalls durch Magnete zusammengehaltene Elektrobausteine). Die zweite Box enthielt einen mobilen 3D-Drucker, einen Cutter, der gleichzeitig scannen kann, zwei Sets an Lego Mindstorms (programmier- und steuerbare Roboter) und wieder LittleBits. Für die meisten dieser Produkte gibt es auch Alternativen. Sie wurden nach Preis und Erfahrungen in anderen Bibliotheken ausgesucht. Für jede Technologie wurde eine kurze Anleitung erstellt, die immer darauf verwies, dass es wichtig ist, die Technologie selber in die Hand zu nehmen und auszuprobieren.

 

Veranstaltungen in Bibliotheken

Teil des Projektes war es, diese Boxen realen Bibliotheken in der Schweiz zur Verfügung zu stellen und zu eruieren, was diese damit tun. Dafür konnten sehr schnell vier Bibliotheken (Wettingen AG), Wettswil ZH, Uitikon ZH und Möhlin AG) gewonnen werden. In allen führten die Kolleginnen erfolgreiche Veranstaltungen durch ‒ zum Teil in den Bibliotheskräumen, zum Teil im Rahmen von lokalen Veranstaltungen ‒, bei denen sie den Nutzerinnen und Nutzern die Technologien zur Verfügung stellten. In kurzer Zeit (jeweils rund eine Woche) hatten sie sich die Technologie soweit angeeignet, dass sie diese bedienen, erklären und auf Probleme reagieren konnten. In drei Bibliotheken wurde jede Technologie von je einer Person (zum Teil von Familienmitgliedern) betreut, in einer Bibliothek war die Betreuung weniger direkt. Grundsätzlich war das Interesse bei den meisten Nutzerinnen und Nutzern gross. Zum Teil kamen Personen extra, um die Technologien zu sehen oder auszuprobieren. Es fanden sich auch immer wieder Personen, die ausdauernd mit ihnen arbeiteten. Grundsätzlich herrschte eine spielerische und fröhliche Atmosphäre. Tendenziell wurden männliche Besucher besonders angesprochen, die sonst nicht zu intensiven Nutzern dieser Bibliothek gehören. Im Anschluss waren die Bibliotheken zufrieden und sahen ihr Selbstverständnis als innovative Einrichtung in der Öffentlichkeit bestätigt. Es gab kleinere Anmerkungen zur Verbesserung, aber immer ein grundsätzliches Interesse, in Zukunft ähnliche Veranstaltungen durchzuführen.

Mit den Materialien aus den Boxen lassen sich zum Beispiel Roboter bauen. (Foto: Rudolf Mumenthaler)

Mit den Materialien aus den Boxen lassen sich zum Beispiel Roboter bauen. (Foto: Rudolf Mumenthaler)

Wer übernimmt es?

Das Projekt hat gezeigt, dass es a) grundsätzlich möglich ist, mobile Makerspaces zu erstellen und dass diese in den Bibliotheken auch gezielt genutzt werden können, dass es b) Technologien gibt, welche die härteren Kriterien, die im Projekt angelegt wurden, erfüllen und dass c) sich die Kosten für solche Veranstaltungen in Grenzen halten. Es wurde eine Handreichung erstellt, die es bibliothekarischen Institutionen oder Vereinen ermöglicht, solche Boxen selber zu erstellen und zu vertreiben. Denkbar wäre es, dass kantonale Fachstellen diese Aufgabe übernehmen. Auch wäre es möglich, dass Bibliotheken sich zusammentun, um den Aufwand und die Kosten zu tragen. Das Projekt hat zwar grundsätzlich gezeigt, dass Bibliotheken im lokalen Rahmen mit solchen Boxen Veranstaltungen organisieren und durchführen können, die Nutzerinnen und Nutzer interessieren. Es bleiben aber viele Fragen offen. Beispielsweise ist nicht klar, ob Veranstaltungen mit mehreren Terminen ebenfalls erfolgreich durchgeführt werden können. Grundsätzlich ist nicht klar, wie sehr die Versprechen, die im Zusammenhang mit Makerspaces gemacht werden, langfristig erfüllt werden. Der Makerspace an sich ist kein neues Thema mehr, auch nicht in der Bibliothek. Es gilt, sich sowohl in der Praxis als auch der Forschung nicht mehr zu fragen, ob sie funktionieren, sondern sie konkret umzusetzen und ihre Wirkung zu untersuchen.

 

Karsten Schuldt und Rudolf Mumenthaler, HTW Chur

 

 

Bericht AISOOP zur Analyse von Online-Plattformen

Die HTW Chur hat von swissuniversities im Rahmen des Programms „Wissenschaftliche Information: Zugang, Verarbeitung und Speicherung“ das Mandat erhalten, die Online-Plattformen für digitale Inhalte von Schweizer Bibliotheken zu analysieren und Empfehlungen zu deren Weiterentwicklung abzugeben. Das Projekt unter dem Titel „AISOOP: Analyse der Informationsarchitektur, Schnittstellen und Organisation der Online-Plattformen“ untersuchte den IST-Zustand der bestehenden Plattformen und formulierte anschliessend Empfehlungen für deren Weiterentwicklung.

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