HTW Chur - SII

InfoWiss Chur

Blog des Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft

Deutscher Bibliothekartag 2012 – nichts für Schweizer?!

Bezaubernd
Der für uns Schweizer riesig anmutende Park Planten und Blomen liegt direkt vor dem Kongressgebäude in Hamburg und diente so manchen Kongressteilnehmern als Möglichkeit sich nach stark klimatisierten Sessions aufzuwärmen.

Windig

Der dauernde Wind in Hamburg und die leichte Meeresbrise ist für uns Schweizer ungewohnt, die nicht vorhandenen Berge eröffnen weite Blickwinkel und lassen einem durchatmen.

Verwinkelt
4000 Kongressteilnehmer plus Ausstellungshaltte in einem einzigen Gebäude wie dem Congress Center Hamburg (CCH) unterzubringen ist sicherlich eine grosse Herausforderung. Die Worte an der Eröffnungsveranstaltung bringen es auf den Punkt: „Wir treffen uns in einem CCH, das den Katakomben ähnelt.“ Die unterschiedlich Grössen klimatisierten und nicht klimatisierten Räume war denn auch leider einer der grössten Herausforderungen: In die wirklich spannenden Sessions in den kleinen Räumen kam man nicht mehr rein und beim Aufenthalt in den grossen Vortragsräumen holte man sich eine Erkältung, die den einen oder die andere wahrscheinlich heute noch plagt.

Abwechslungsreich
Ein Kongress in dieser Grössenordnung bietet natürlich ein enorm vielfältiges Themenspektrum von Vorträgen. Meine Wenigkeit sucht sich die Themen aus, die mich auch sonst beschäftigen: Informationskompetenz, Teaching Library, Web 2.0, Mobile Sachen und vielleicht noch E-Learning-Aspekte. Mit diesem Fokus fällt die Auswahl leichter und schnell landet man bei diesen zukunftsträchtigen Themen natürlich in der Zukunftswerkstatt . Da gab es nicht nur Tablets und E-Book-Reader zum Anfassen, sondern Vorträge zu „innovativen Lösungen in der Praxis“. Vorgestellt wurden zum Beispiel Erfahrungen mit E-Books und Readern in Bibliotheken. Interessant und für mich auch etwas erstaunlich waren anschliessende Fragen aus dem Publikum: „Wie funktioniert das jetzt genau mit der Ausleihe von E-Books? Wie werden die Reader befestigt, gibt es eine Diebstahlsicherung?“ Während wir im Bereich der Forschung uns eher um Themen kümmern, wie man E-Books multimedial gestalten, mit Augmented Reality anreichern oder sonst neue Konzepte entwickeln kann, sind in der bibliothekarischen Praxis nach wie vor noch viele grundlegende Fragen unbeantwortet. Auch beim Thema Kataloganreicherung höre ich zufälligerweise grad in zwei Vorträgen von Library Thing for Libraries gehört. Hat man dieses Tool vor Jahren nicht mal totgesagt? Und was ist mit den anderen Konzepten der Kataloganreicherung oder Visualisierungsmöglichkeiten wie Aquabrowser? Würde dies nicht auch in eine Zukunftswerkstatt gehören?

Themen wie Informationskompetenz und Teaching Library sind aus bibliothekarischen Kongressen nicht mehr wegzudenken und sie haben somit immer ihre Berechtigung. Etwas enttäuscht über die Vorträge in diesem Bereich war ich bereits im Vorfeld bei der Sichtung des Programms. Ist man so wie ich selbst stark in diesem Bereich involviert, so hat sich die Enttäuschung auch nach dem Besuch der Vorträge bestätigt und ich habe nicht viel Neues erfahren. Die Praxisbeispiele sind zwar interessant und für andere Bibliotheken sicherlich auch nützlich. Für mich hat sich aber auch bestätigt, dass im Bereich der Informationskompetenz-Thematik auf Forschungsebene nicht mehr viel läuft, wie es auch schon Thomas Hapke gesagt hatte. Auch vor der grossen Herausforderung der Informationskompetenz-Messung scheinen sich Bibliotheken aber auch Forschungseinrichtungen zu drücken. Auch bei internationalen Kongressen wie die LILAC  wurde diese Thematik nicht explizit aufgenommen.

Momentaufnahmen
Mit dem Besuch von einzelnen Vorträgen erhält man einen Einblick in die enorme Vielfalt, kann sich aber nicht umfassend ein Bild machen über die aktuellen Probleme und Herausforderungen, die in der Bibliothekspraxis herrschen, es bleibt bei Momentaufnahmen ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Was für mich bleibt sind gut präsentierte und referierte Vorträge mit provokativen und zukunftsgerichteten Thesen, die zur Reflexion anregen. Der Vortrag von Christoph Deeg zum Thema „Netzwerke und Communities? Was Bibliotheken von Gaming-Communities lernen können“ beschäftigt mich auch heute noch, grade weil die Thematik kontrovers ist und man sich nur schwer vorstellen kann aus einer Datenbankschulung ein World-of-Warcraft-ähnliches Game zu machen. Schade, dass Christoph Deeg von keinen Best Practices berichten kann in diesem Bereich und umso vorteilhafter, dies vielleicht doch mal anzugehen oder ihn zumindest für einen Workshop im Rahmen des nächstjährigen BIS-Weiterbildungsprogramms auch in die Schweiz einzuladen?

Momentaufnahmen sind auch das Rahmenprogramm und die zahlreichen Gespräche, die man nebst dem Besuch der Vorträge führt. Ich hatte die Gelegenheit in der KIBA-Lounge den Masterstudiengang Information Science vorzustellen und mich mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) und der Olso and Akershus University College of Applied Sciences (HIOA) über mögliche Kooperationsvereinbarungen zum Erasmusprogramm auszutauschen. Die HAW bietet einen Masterstudiengang in Informationswissenschaft und Informationsmanagement an. Die HIOA bietet im Rahmen des Erasmus Mundus Programms einen Master in Digital Library Learning an. Spannend an diesem Master ist die Aufteilung des Studiengangs: Ein Semester werden in Norwegen, eins in Tallinn (Estland) und eins in Parma (Italien) absolviert. Auch für Churer Studierende wird somit bald die Möglichkeit offen stehen, im Rahmen von Erasmus solche Austauschprogramme zu machen.

Was bleibt für die Schweiz und für das SII?
Die Themen des Deutschen Bibliothekartag sind am Puls der Zeit und somit auch für Schweizer Bibliotheken wichtig, egal ob Hochschulbibliothek oder allgemein öffentliche Bibliothek. Am Deutschen Bibliothekartag trifft man nicht wenige Schweizer und es hat mich sehr gefreut, Leute nach langer Zeit wieder zu sehen. Amüsant fand ich eigentlich auch, dass scheinbar viele Schweizer den Deutschen Bibliothekartag nutzen, um Besprechungen einzuplanen. Ist es innerhalb des normalen Arbeitsalltags oft schwierig Termine zu finden, bietet sich an einem solchen Kongress die Gelegenheit sich in Ruhe austauschen zu können, auch wenn man dazu weit reisen muss. Meine Kollegin Seraina Scherer von der FHNW schlägt sogar vor, dass sich die Schweizer Community das nächste Mal am Deutschen Bibliothekartag in einer eigenen Session trifft. Vielleicht organisiert der BIS dies für den nächsten Deutschen Bibliothekartag?

Für das SII bedeutet der Besuch des Bibliothekartags Impulse und Inputs für die praxisorientierte Forschung zu gewinnen, aber auch die Möglichkeit zu haben, eigene Forschungsvorhaben im Rahmen von Vorträgen zu präsentieren. Meine Kollegin Brigitte Lutz und meine Kollegen Ruedi Mumenthaler und Karsten Schuldt, die auch am Deutschen Bibliothekartag waren, können dies sicher bestätigen.

Für uns Schweizer Bibliotheken und sonstige Informationseinrichtungen bleiben aber auch die eigenen Veranstaltungen, die in diesem Jahr mit dem erstmals geplanten InfoCamp im September eine spannende Neuerung erhalten. Die sogenannte Unkonferenz ist hoffentlich noch viel mehr am Puls der Zeit und regt zu vielfältigen Diskussionen an. Wir dürfen uns aber auch auf den BIS-Kongress in Konstanz freuen mit einem anregenden Programm, wo auch das SII im Rahmen von Vorträgen und als Institut vertreten sein wird.

1 Kommentar

  1. Brigitte Lutz

    4. Juni 2012 at 8:58

    Tatsächlich war der Bibliothekartag sehr abwechslungsreich. Neben den manchmal mehr, manchmal auch weniger spannenden Vorträgen war auch das Rahmenprogramm sehr ansprechend. So gab es die Möglichkeit durch Führungen einmal einen praktischen Einblick in verschiedene Hamburger Bibliotheken zu bekommen. Man konnte man sich so ein sehr reales Bild machen, das starke Eindrücke hinterlässt. Enttäuschend für mich dabei: das in der Theorie so schön klingende Modelprojekt „Schulbibliotheken Hamburg“

    Es wurden insgesamt über zwei Millionen Euro investiert, um in neun Hamburger Schulen in sozial schwachen Stadtteilen Schulbibliotheken aufzubauen. Darunter auch in der Grundschule der Fritz-Köhne-Schule.
    Die Bibliothek wurde ansprechend gestaltet und das von der Bibliotheksleiterin neu entworfene Konzept hatte Erfolg. Der Besuch der Bibliothek stand für jede Klasse einmal pro Woche fest im Stundenplan sodass diese als vollwertiger Teil der Schulgemeinschaft und der Lehre ihren Platz fand. Die Bibliothekarin konnte ihrer Aufgabe nachkommen und den Kindern schrittweise Informationskompetenz vermitteln. Daneben lockte die Bibliothek immer wieder mit Aktionen und Veranstaltungen und wurde auch in den Freistunden häufig und gerne von den Schülern besucht.

    Doch nun, nach etwa zwei Jahren, wurde das Projekt an dieser Schule aus Kostengründen beendet. Die Bibliothek bleibt nun sich selbst überlassen, die Lehrerinnen und Lehrer dort sollen die Bibliothek nebenbei in ehrenamtlichen Stunden am Laufen halten. Das Resultat: was mühe- und liebevoll in zwei Jahren aufgebaut wurde endet schon nach wenigen Wochen ohne professionelle Bibliotheksleitung im Chaos.
    Dies zeigt wieder einmal mehr: die Arbeit, die Bibliothekare leisten ist vielen nicht bewusst. Eine Bibliothek professionell zu führen bedeutet eben mehr, als nur Bücher über den Tisch zu schieben und ins Regal einzusortieren!

    Doch daneben habe auch ich sehr viele positive Momentaufnahmen für mich mitgenommen und hatte dabei auch die Möglichkeit einmal über den europäischen Tellerrand hinaus zu blicken.

    Besonders spannend war der Vortrag von Andreas Link über das australische Bibliothekswesen:
    Mehr als 200.000 Einwohner nutzen die Öffentliche Bibliothek in Canberra – das ist, bei einer Gesamteinwohnerzahl von ca. 350.000 mehr als die Hälfte. Davon können Schweizer Bibliotheken nur träumen.

    Hört man allerdings, was die Bibliothek bietet, wird klar, warum diese in der Bevölkerung so hohen Anklang finden.
    Die Räumlichkeiten sind hell, wohnlich, modern und mit modernster Technik ausgestattet: es gibt ein Bibliothekscafé, Konferenz- und Arbeitsräume, einen interaktiven Fussboden und eine „Gaming Area“ im Kinder- und Jugendbereich, ein automatisches Rückgabesystem… Barrierefreiheit in allen Bereichen ist dabei eine Selbstverständlichkeit.

    Weiterhin stellen sie pädagogisch untermauerte professionelle Konzepte zur Leseförderung auf. Sie organisieren Buchclubs, wobei die Bücher in 15 bis 25 Mehrfachexemplaren und zusätzlich als Grussdruck-Ausgabe, als physisches sowie digitales Hörbuch und als E-Book angeschafft werden. Sie bieten ein Konzept für Insassen der Gefängnisbibliothek und auch Obdachlose werden als Zielgruppe angesprochen.

    Die Zielgruppe der sechs- bis 16-Jährigen wird durch die Schulbibliotheken abgedeckt. Jede (!) Schule hat eine Bibliothek, die von sogenannten Teacher Librarians, die sowohl eine pädagogische als auch eine bibliothekarische Ausbildung haben, professionell betreut werden.

    Insgesamt wurde deutlich, dass Bibliotheken in Australien eine weitaus grössere Akzeptanz in der Gesellschaft haben. Sie gelten dort nicht nur als Bücherlager sondern als Freizeitzentrum und als Ort der Begegnung. Was hierzulande als Zukunftsvision gilt wird dort bereits gelebt.
    Da wird man fast ein wenig neidisch und fragt sich: wo kann ich einen Auswanderungsanstrag stellen? ;-)

Schreibe einen Kommentar

© 2016 InfoWiss Chur

Theme von Anders NorénHoch ↑