Karsten Schuldt

Stanley Wilder, Bibliotheksleiter der University of North Carolina in Charlotte, publizierte vor kurzem auf der Homepage des Library Journals einen Kommentar, in welcher er zugespitzt das Ende von „einfachen Bibliotheksaufgaben“ herannahen sieht. Mit einfachen Aufgaben meint er zum Beispiel die gesamten Aufgaben, die in Wissenschaftlichen Bibliotheken mit gedruckten Zeitschriften verbunden sind (Bestellungsüberprüfung, Transport von der Poststelle in die Bibliothek, durch die Bibliothek, in die Lesesäle, Einstellen ins Regal, Vorbereitung zum Binden, Transport zum Binden, Wiederannahme, Überprüfung der Bindung, eventuell später Einstellen ins Magazin) oder auch das ständige Einstellen von zurückgegebenen Medien in die Regale.

Seine Aussage basiert auf den Statistiken der Association of Research Libraries, welche für die US-amerikanischen Wissenschaftlichen Bibliotheken in den letzten Jahren einen massiven Abbau des „support staff“ (ein Sammelbegriff für alles Personal ohne bibliothekarische oder vergleichbare Ausbildung) und der studentischen Aushilfen in Bibliotheken feststellte. Gleichzeitig ist die Zahl der ausgebildeten Bibliothekarinnen und Bibliothekare merklich gestiegen – entgegen allen Etatkürzungen aufgrund der Rezession. Sogar der durchschnittliche Verdienst des US-amerikanischen Bibliothekspersonals ist überdurchschnittlich schnell gestiegen.

Oder anders: Das Personal Wissenschaftlicher Bibliotheken, dessen Aufgaben eher austauschbar sind und die keine oder wenig Ausbildung für diese brauchen, nimmt ab; das besser ausgebildete Personal mit den spezialisierten Aufgaben hat zugenommen.

Wilder sieht für diese Entwicklung drei Gründe:

  1. Durch die Verbreitung digitaler Medien, vor allem der Zeitschriften, sind Prozesse effizienter geworden und „einfache Aufgaben“ zum grossen Teil weggefallen. Niemand muss mehr Zeitschriften durch die Gegend tragen, in die Regale einstellen oder Jahrbände zum Binden vorbereiten; wenn Zeitschriften elektronisch vorliegen.
  2. Für viele, zuvor mechanische oder einfach Prozesse sind in den Bibliotheken neue, komplexere Prozesse etabliert worden. Diese sollen, so zumindest Wilder, höhere Qualifikationen erfordern. (Wobei die meisten digitalen Prozesse, beispielsweise die digitale Ausleihverwaltung, eigentlich mit dem Versprechen eingeführt wurden, Arbeit einzusparen.)
  3. Die Anzahl des Personals mit Aufgaben im IT-Bereich – welches zudem oft besser bezahlt wird – ist sprunghaft gestiegen.

Der Autor zieht aus diesen Entwicklungen den Schluss, dass (1) die „leichten Aufgaben“ in Bibliotheken und damit auch die damit zusammenhängenden Jobs, mehr und mehr verschwinden werden, insbesondere wenn sich E-Books als Form der wissenschaftlichen Monographie durchsetzen; dass (2) Bibliotheken darauf mit einer klaren Strategie der Personalentwicklung reagieren und ihr Personal dabei unterstützen müssen, die notwendigen Kompetenzen zu erwerben und dass (3) das Personal von sich aus auf diese Veränderungen mit eigenständiger Weiterbildung reagieren muss. Gleichzeitig benennt er, dass (4) das Problem der wegfallenden Jobs – die ja für eine Anzahl von Studierenden zur Finanzierung des Studiums und für andere Menschen zur Finanzierung ihres Lebens notwendig sind – nicht von den Bibliotheken zu lösen sein wird.

Einschränken muss man die Meinung von Wilder darauf, dass er auf US-amerikanische Wissenschaftliche Bibliotheken blickt. Insoweit sind die Zahlen nicht einfach auf die Schweiz zu übertragen. Aber der von ihm angesprochene Trend zur Professionalisierung der bibliothekarischen Arbeit ist auch hier festzustellen. Waren Bibliotheken lange unter anderem ein Refugium für Menschen, die sich mit insgesamt einfacheren, körperlich aber anstrengenderen Jobs durchschlagen mussten oder gar zufrieden waren, werden sie zunehmend zu Einrichtungen, die technische und planerische Kompetenzen erfordern und ein professionelles Umfeld entwickeln, die nicht nur Weiterbildung anbietet, sondern explizit dazu auffordert, sich selber fortzuentwickeln. Ob dies auf alle Bereiche der Bibliotheken zutrifft, insbesondere ob es so auch in Öffentlichen Bibliotheken zu beobachten ist, müsste noch geklärt werden. Zumindest ist festzustellen, dass sich Öffentliche Bibliotheken immer mehr Aufgaben annehmen, die nicht zu den „klassischen“Aufgaben“ gehören (Stichworte: Lernzentren, Programmarbeit, Kooperationen). Die grundlegende Beobachtung Wilders, dass sich Bibliotheken immer mehr zu einem Ort „professioneller Arbeit“ entwickeln scheint richtig. Die Frage heute ist gar nicht, ob das gewollt ist, sondern wie schnell und in welcher Form sich dies umsetzt.