Im Rahmen des Master-Studiengangs Information Science an der HTW Chur müssen Studierende im vierten Semester unter anderem im Modul „Informationsethik“ bei Prof. Rainer Kuhlen als Teil des Leistungsnachweises zu einer These ein Essay verfassen. Wir stellen ausgewählte Essays aus dem vergangenen Frühlingssemester 2012 in den nächsten Tagen hier im Blog vor.

These
Welchen Situationen informationeller Unsicherheit fühlen Sie sich bei der Benutzung sozialer Netzwerke ausgesetzt? Wählen Sie eine besonders treffende aus und diskutieren Sie das aus informationsethischer Sicht?
Verfasserin: Judith Bailey

Essay
Informationelle Unsicherheit ist „Für Theoretiker der Moderne die Grundbefindlichkeit beim Umgang mit technischen und abstrakten Systemen der Moderne, spezieller die informationelle Unterbestimmtheit bei der Inanspruchnahme informationeller technischer Leistungen, z.B. Informationsassistenten/Agenten, auf allgemeinen Publikumsmärkten.“

Informationelle Unsicherheit verspürt demnach jeder, wenn er in einem sozialen Netzwerk aktiv ist. In meinem Essay möchte ich auf die informationelle Unsicherheit in Bezug auf Facebook eingehen, im Speziellen auf die Unsicherheit, die herrscht, wenn auf dieser Plattform Fotos publiziert werden: Facebook gibt seinen Mitgliedern die Möglichkeit, Videos und Bilder kostenlos und in unbegrenzter Menge auf der jeweiligen Mitgliederseite zu veröffentlichen, die Daten werden dafür auf den Servern des Netzwerks gespeichert. Die Mitglieder haben die Option, die Sichtbarkeit der Bilder auf einzelne Personen, einen bestimmten Personenkreis oder gar nicht einzuschränken. Letzterer Fall bedeutet zugleich, dass die Bild- und Videodateien auch von Suchmaschinen wie Google oder Bing gefunden und bei einer entsprechenden Abfrage angezeigt werden, da die Bilder während oder nach ihrer Veröffentlichung meist getagged werden (man kann sich selber oder andere Personen auf einem Bild markieren) oder auf sonstige Weise eine Verbindung zwischen Bild und Person hergestellt wird, z.B. wenn eine Person das Bild mit „gefällt mir“ bezeichnet.

Aus eigener Erfahrung besteht die Unsicherheit nicht nur bei Fotos, auf welchen nur die eigene Person zu sehen ist, sondern grundsätzlich bei jeder Fotografie, egal in welchem Rahmen sie aufgenommen wurde: Seien es nun Bilder einer Familienfeier oder Fotos, welche in einem offiziellen Rahmen aufgenommen wurden, weil z.B. der Arbeitgeber seinen Facebook-Auftritt mit Bildern des Personals ergänzen möchte. Es geht auch um Bilder, auf welchen mehr als nur eine Person zu sehen ist und zwar ungeachtet dessen, ob die abgebildeten Personen selber auf Facebook aktiv sind oder ob es Personen sind, welche dem Netzwerk nicht angehören. Wobei sich hier zudem ein weiteres Problem zeigt: Ist man nicht auf Facebook und/oder sich nicht bewusst, was alles auf Facebook gemacht werden kann, hat man keine Chance, je von der Verbreitung seines Abbildes zu erfahren. Diesen Aspekt möchte ich jedoch ausblenden, da er zu einer Grundsatzdiskussion führt, welche das Recht am eigenen Bild betrifft, die aber nicht Teil dieses Essays ist, da den Personen, die nicht in Facebook sind, die angesprochene informationelle Unsicherheit abgeht. Wobei es auch Ausnahmen gibt: Personen, die bewusst nicht auf Facebook sind, weil sie z.B. mit deren Geschäftsgebaren nicht oder nicht mehr einverstanden sind. In diesem Essay geht es um die aktiven Nutzer und die Unsicherheit, die sie in Bezug auf die hochgeladenen Fotos verspüren. Dabei tauchen Fragen auf wie: Was passiert mit meinen Daten im Netzwerk? Was passiert mit den Bildern, auf denen ich abgebildet bin? Wer lädt solche Bilder hoch und wer kann die Bilder sehen? Wie gehen andere Facebook-Nutzer mit den Privatsphäre-Einstellungen um? Funktionieren die Privatsphäreneinstellungen wirklich? Sehen wirklich nur die berechtigten Personen meine Bilder? Oder werden die Einstellungen im Hintergrund von Facebook verändert, was bereits einige Male passiert ist? Werden die Bilder ohnehin für Marketingzwecke verwendet, was die Privacy-Einstellungen hinfällig macht? Alle diese Fragen tragen zum Gefühl der Unsicherheit bei und die Kommunikationspolitik von Facebook hilft einem auch nicht gerade (im besten Falle erfährt man im Nachhinein von allfälligen Änderungen), wobei doch genau eine aktive Kommunikationsarbeit dazu beitragen würde, die Unsicherheit zu verringern! Viele Fragen bleiben jedoch unbeantwortet. Ausserdem herrscht kein Konsens darüber, was man mit Fotos machen darf, auf welchen auch andere Personen zu sehen sind. Darf ich ein Bild mit einer anderen Person darauf in Facebook stellen? Ich meine nein, nicht ohne deren explizite Erlaubnis, aber in Gesprächen in meinem Bekannten- und Verwandtenkreis stellte sich mehrfach heraus, dass vielen das Bewusstsein für die mit den oben genannten Fragen in den Raum gestellten Bedenken völlig abgeht, was wiederum meine informationelle Unsicherheit nicht zu reduzieren hilft, weil sich die Leute der Konsequenzen bewusst sind.

Von der Informationellen Unsicherheit sind zwei Bereiche betroffen, der technische Aspekt und der menschliche:
• Die Benutzer wissen nicht, wie die Daten gespeichert sind, wo sie gespeichert sind, wie sicher die Speicherung ist und was mit den Bildern passiert, wenn sie „gelöscht“ werden (wobei man in Facebook gar nichts löschen, nur verbergen kann). Man muss deshalb davon ausgehen, dass die Bilder weiterhin irgendwo gespeichert sind und möglicherweise auch für Werbung innerhalb von Facebook ausgewertet werden. Eine Löschung der Daten in Facebook ist scheinbar nur möglich, wenn man komplett aus Facebook austritt, aber da Facebook auch Daten über Nichtnutzer sammelt, gibt es kaum eine Möglichkeit, sich auch als Nichtnutzer aus Facebook rauszuhalten
• Zudem weiss man nicht, wie andere Personen, die Fotos, auf denen auch andere Menschen abgebildet als nur sie selber, mit ihren Privatsphäre-Einstellungen umgehen. Benutzen sie sie? Oder sind alle Bilder frei für alle zugänglich und gelangen so unter Umständen ins Internet, wo sie erst recht nicht mehr kontrolliert werden können? Oder verwenden sie die meiner Meinung nach alibimässige Einschränkung „Freunde von Freunden“, welche letztlich aber gar nichts bringt, wenn man bedenkt, dass es Facebook-Nutzer gibt, die Tausende von Freundschaften pflegen. So vergrössert sich der Kreis der Personen, die eine Foto sehen können schnell um ein Vielfaches, ohne dass man etwas dagegen unternehmen kann. Und sind Fotos erst mal auf den Facebook-Servern gespeichert, kriegt man sie von dort nicht mehr weg.
Die Problematik der informationellen Unsicherheit betrifft also einen technischen und einen sozialen Bereich. Dabei ist es irrelevant, um was für Bilder es sich handelt: ob Party- oder andere Fotos, die peinlich sein können, oder ob „seriöse“ Fotos, auf denen an sich nichts Schlimmes, Karriereverhinderndes oder Unschönes zu sehen ist. Es geht um den Fakt, dass man nicht weiss, was mit seinen Bildern geschieht, wie sie ausgewertet und/oder kommerziell weiterverwendet werden. Und zwar selbst wenn die Daten auf Servern im EU-Raum gespeichert würden, was gewisse Verbesserungen bezüglich Datenschutz mit sich bringen würde, das „Problem“ der nachlässigen Privatsphäre-Einstellungen ist damit nicht behoben und besteht weiterhin.

Für den technischen Bereich wurden von Drittparteien bereits einige Anstrengungen unternommen, die Unsicherheit zu reduzieren: Der Digitale Radiergummi, der von x-pire entwickelt wurde, könnte Abhilfe schaffen. Die Idee hinter diesem Tool ist, dass Fotos, welche im Internet veröffentlicht werden (sei es auf Facebook, Flickr oder privaten Websites), mit einem Ablaufdatum versehen werden. Das Bild wird verschlüsselt und solange das Ablaufdatum noch nicht erreicht ist, wird das Bild vom Browser automatisch (ohne Zutun der User) entschlüsselt und ist somit sichtbar. Ist das Gültigkeitsdatum abgelaufen, wird der Entschlüsselungscode nicht mehr mitgeschickt und die Bildinhalte sind nicht mehr erkennbar. An sich eine feine Sache, denn die Handhabung des digitalen Radiergummis ist einfach und die Bilder sind schnell mit dem Ablaufdatum versehen. Kritisch ist jedoch, dass einerseits alle Fotos, welche in Facebook publiziert werden, auch zuverlässig mit einem Ablaufdatum versehen werden müssen. Und zwar von allen, die Bilder hochladen. Andererseits kann dieser Schutz mit einem Printscreen des noch nicht abgelaufenen Bildes ausser Kraft gesetzt werden, denn dieser Printscreen ist eine neue Bilddatei und mit keinem Ablaufdatum versehen. Ein weiterer Nachteil ist, dass das Tool kostenpflichtig ist und auch wenn die Entwickler ein berechtigtes Interesse daran haben, mit ihrem Produkt Geld zu verdienen, wird das viele User vom Einsatz des Tools abhalten. Für sich selber mag man sich also für den Einsatz des Radiergummis entscheiden, man kann jedoch nicht davon ausgehen, dass ihn auch andere Personen einsetzen. Vor allem wenn ihnen das Bewusstsein für die Datenschutzproblematik der veröffentlichten Bilder fehlt. So bleiben viele Fragen offen und die informationelle Unsicherheit bleibt trotz technischen Möglichkeiten weiterhin bestehen. Der digitale Radiergummi wird denn auch von Anwendern und in der Presse mehrheitlich kritisiert. Sinnvoller wäre es demnach, dass sich die Betreiber von sozialen Netzwerken darauf einigen, dauerhaftes Löschen zu ermöglichen (nicht mehr bloss „nicht mehr anzeigen“ ) oder dass automatisch beim Hochladen von Bildern, diese mit einem Mechanismus versehen werden, der die Fotos zu einem bestimmten Zeitpunkt löscht oder dass die Privacy-Einstellungen automatisch auf hohen Datenschutz gestellt sind und die Benutzer sie manuell lockern müssen. So wie es momentan ist, sind die Einstellungen jedoch kompliziert und müssen jedes Mal einzeln eingestellt werden. Bei jedem Foto, das hochgeladen wird, kann die Sichtbarkeit einzeln definiert werden. Was sinnvoll scheint, da es durchaus möglich ist, dass man einer Person eine Foto zeigen will, eine andere hingegen nicht. In Tat und Wahrheit ist es jedoch mühsam und anstrengend und für mich wird es je länger desto ärgerlicher und nervenaufreibender, wenn ich jedes Mal überlegen muss, wer die Foto sehen soll, so dass ich praktisch aufgehört habe, Fotos in Facebook zu stellen. Nur ganz selten veröffentliche ich eines, überlege mir dabei lange und gründlich: Welche Foto lade ich hoch? Ist darauf wirklich niemand sonst zu sehen? Das kann jedoch nicht des Sinn der Sache sein, geht es doch um den Spass, den man mit Facebook haben und Kontakte pflegen kann, auch wenn man an den jeweils anderen Enden der Welt wohnt oder auf Reisen Freunde und Familie über den Verlauf und die Erlebnisse teilhaben lassen will. Bilder in Facebook zu veröffentlichen hat durchaus seine Vorteile und soll auch nicht verteufelt werden. Der menschliche Aspekt der Problematik darf in Bezug auf die informationelle Unsicherheit jedoch nicht vernachlässigt werden: Ich kann nicht davon ausgehen, dass sich andere Leute die gleichen Gedanken machen wie ich und sie Facebook so nutzen, dass niemandem geschadet wird, sondern Bilder veröffentlichen, ohne weiter darüber nachzudenken, ob die abgebildete Person damit einverstanden ist.

Vielleicht würde es mir bei meiner Unsicherheit helfen, wenn Facebook selber ein bisschen aktiver wäre bezüglich Datenschutz und Informationspolitik, aber wenn ich darüber nachdenke, macht es die Sache wohl nicht besser, denn das Problem der Bilderveröffentlichung wird dadurch nicht gelöst. Wäre es eher Aufgabe der Eltern, Lehrer oder gar des Staates, die Nutzer über die Datenschutzproblematik aufzuklären? Und welchen Umfang müsste eine Aufklärungskampagne aufweisen, damit sie wirksam ist und die informationelle Unsicherheit zu beseitigen vermöge?

Zudem stellt sich die Frage, ob es ok ist, wenn mich Facebook in der informationellen Unsicherheit belässt und selber nichts (oder nur wenig) unternimmt, obwohl wie oben dargestellt Möglichkeiten dazu bestünden. Man mag zwar argumentieren, dass das Privatsphäre-Verhalten der Nutzer nicht Sache der Betreiber ist, trotzdem sagt einem der gesunde Menschenverstand, dass sie eine gewisse Verantwortung für das Verhalten ihrer Mitglieder tragen. Es ist ja eigentlich auch im Interesse der Betreiber, dass die Mitglieder Facebook nutzen und meiner Meinung nach würden mehr Leute in Facebook aktiv sein, wenn die Bedenken zerstreut und die informationelle Unsicherheit reduziert würde, denn wenn man genau weiss, was im Hintergrund mit seinen Daten passiert, fühlt man sich sicherer (ich zumindest). Und wenn man sich sicher fühlt, nutzt man das Netzwerk stärker. Dieses wiederum käme weiterhin zu seinen Nutzerdaten, die es auswerten und weiterverkaufen kann. Aber möglicherweise ist das genau die Krux: Wenn man wüsste, wie Facebook funktioniert, wie dessen Geschäftskonzept aufgebaut ist und was mit den Daten passiert, dann würde man nicht mehr in Facebook aktiv sein. Und ohne seine Nutzer hat Facebook keine wirtschaftliche Bedeutung, verliert Werbeeinnahmen und seine Geschäftsbasis. Was jedoch wieder zum Punkt führt, dass Facebook schon rein aus finanziellen Gründen dafür sorgen müsste, dass die Benutzer nicht auf eine andere Plattform abspringen.

Wie dargelegt betrifft die informationelle Unsicherheit beim Hochladen von Fotos in Facebook drei Bereiche und bei allen dreien geht es um den Verlust der Kontrolle darüber, was mit einer Fotografie passiert, wenn sie erst einmal in Facebook gepostet wurde, denn dann kann jeder die Fotografie für sich kopieren und damit anstellen, was er will. Die Tools, welche einen gewissen Schutz böten, sind technisch noch nicht ausgereift genug, als dass sie die Privatsphäre der Personen auf den Fotos wirksam schützen würden, die Nutzer sind sich der Problematik häufig nicht bewusst und Facebook zeigt kein Interesse, das Problem lösen zu. Es ist klar, dass man nicht nur an einem Punkt ansetzen kann, sondern alle Ansätze verfolgen muss, um die informationelle Unsicherheit zu verringern. Es reicht nicht, digitale Radiergummis einzusetzen und man kann nicht nur auf Facebook rumhacken. Fakt ist jedoch, dass die Menschen die Kontrolle über ihre Daten zurückerhalten müssen! Nicht dass Datensammlungen schlecht sind, aber man sollte sich nicht ständig fragen müssen, was denn nun mit den Daten passiert und welchen Profit andere daraus schlagen.