Regelmässig wird im Bibliothekswesen darauf verwiesen, dass eine Anzahl von Staaten (lange nicht alle, auch wenn dies manchmal den Anschein hat), nationale Bibliotheksstrategien entwickelt haben oder zumindest daran arbeiten (wie zum Beispiel Österreich). Allerdings: Wieso passiert das eigentlich? Wieso unternehmen einige Staaten die Aufgabe, die Entwicklungen im Bereich Bibliotheken zu untersuchen und daraufhin eine gesamtstaatlichen Bibliotheksstrategie auszuarbeiten? Und vor allem: Kann man für die Schweiz etwas aus diesen Strategien lernen? Und wenn ja, was?

Einfach sind diese Fragen nicht zu beantworten. Auch, weil selbstverständlich die meisten nationalen Bibliotheksstrategien in den jeweiligen Landessprachen geschrieben sind und deshalb eine vollständige Übersicht eine Mammutaufgabe darstellen würde. Zudem werden diese Strategien von sehr unterschiedlichen Institutionen erstellt. Die Vorstellung, dass es immer das Bildungsministerium, das Kulturministerium oder ein nationaler bibliothekarischer Verband wäre, der diese Strategien entwerfen würde, stimmt leider nicht. Ebenso ist der Status sehr unterschiedlich. Manchmal sind es quasi-gesetzliche Vorschriften, manchmal Aufstellungen von Wünschen eines Fachverbandes oder eine Interessensgruppe, manchmal sind die Strategien Ergebnis langfristiger Forschungsprojekte und Umfragen, manchmal ist nicht ersichtlich, wie sie überhaupt zustande kommen.

Dennoch: Eine Anzahl dieser nationalen Strategien liegt vor. Im Rahmen eines Projektes an der HTW Chur werden diese aktuell vor allem auf die Frage, ob für die Schweiz etwas aus ihnen zu lernen ist, durchgesehen. Eine erste Übersicht über einige dieser Texte, die Auskunft darüber geben, warum insbesondere in skandinavischen Staaten über die Entwicklung von Bibliotheken nachgedacht wird, folgt hier. (Siehe dazu aber auch Heft 43 (2010) 2 der Scandinavian Public Library Quarterly zum Thema: „Nordic Public Libraries in Transition“ sowie Holmgaard, Larsen ; Wigell-Ryynänen, Barbro ; Kettner Rudberg, Helena ; Hreinsson, Hólmkell & Tertit Knudsen (2006) / Nordic Public Libraries in the knowledge society. Danish National Library Authority : København, 2006. http://www.bs.dk/publikationer/english/nnpl/pdf/nnpl.pdf.)

Auffällig ist, dass nahezu alle diese Strategien betonen, dass Bibliotheken [1] sich zu hybriden Bibliotheken (also mit gedruckten und elektronischen Beständen) entwickeln müssen, [2] sich Bibliotheken zu Arbeits-, Lern- und Feizeitorten entwickelen müssen, [3] sich die Aufgaben des Bibliothekspersonals wandelt und damit auch die von diesem geforderten Kompetenzen sowie [4] Bibliotheken als Einrichtungen verstanden worden müssen, die sich beständig entwickeln (müssen).

Finnland

Quelle: Ministry of Education (2009) / Finnish Public Library Policy 2015: National strategic areas of focus (Publications of the Ministry of Education), 2009. http://www.minedu.fi/export/sites/default/OPM/Julkaisut/2009/liitteet/opm31.pdf?lang=en

Herausforderungen für Bibliotheken, Gründe für die Strategie

  • Die aktuelle Bibliotheksstrategie ist eine Fortschreibung schon vorhandener Strategien. Dies wird als kontinuierlicher Prozess verstanden.
  • Die Strategie wird ergänzt durch Teilberichte aus unterschiedlichen Bereichen (beispielsweise dem Bildungsministerium oder Expertinnen- und Expertenberichte über die Teilaspekte wie der zukünfigen Bibliothekslogistik).
  • „The objective is to ensure the access to knowledge and cultural sources in a networking information, civic and learning society. The purpose of the program is to update previous library programs and strategies set forth by the Ministry of Education to correspond with upcoming changes in the operations environmant.“ (p. 5)
  • „The Government Platform 1999-2003 stated that the public library is a national foundation pillar for education and culture, whih supports the educational aspirations of the entire population and the marginalization of people and regions will be prevented by offering everyone equal opportunity to obtain the services offered in the knowledge society.“ (p. 31)

Schlussfolgerungen

  • Die Bibliothek ist eine beständigen Wandel unterworfen, ihr Erfolg muss immer wieder neu erarbeitet werden.
  • Personal muss beständig professionalisiert werden (bis hin zum Doktor in Bibliotheks- und Informationswissenschaft)
  • Die Bibliothek ist neben dem Bildungssystem eine Grundlageneinrichtung, die hilft, den Bürgerinnen und Bürgern ihre kulturellen Rechte zu sichern.
  • Die Nutzerinnen und Nutzer müssen im Mittelpunkt der Bibliothek stehen.
  • Grundlegende Dokumente und Dienste müssen allen Bürgerinnen und Bürgern frei und kostenlos zur Verfügung stehen.
  • Die gesamte Gesellschaft wird von funktionierenden Bibliotheken profitieren.
  • Koordination von Aufgaben der Kommunen / Gemeinden und der Mitfinanzierung und Unterstützung durch die Bundesebene.
  • Bibliothek müssen sich zu Lern- und Freizeitorten entwickeln.
  • Bibliotheksprojekte, die auf Bundesebene finanziert werden, müssen einen langfristigen Einfluss auf das gesamte nationale Bibliothekssystem haben.
  • Nationale Qualitätskriterien müssen fortgeschrieben werden.
  • „The library is a basic service along with comprehensive education[,] it actualizes the basic cultural rights, as stated in the Constitution of Finland, of each and every citizen. Now, more than ever, libraries must strive to achieve intellectual equality and reduce the digital information gap between citizen.“ (p. 7)
  • Professionalisierung: „In Finland, scholars can receive a doctor’s degree in information studies, and for more than 40 years library directors have been required to complete a university degree.“ (p. 11)
  • „To succeed, libraries must produce the type of added value to their services that others are not able to offer.“ (P. 13)
  • „Future success of libraries must be earned […] The library is not in a permanent state. The significance of its services can no longer be argued based on traditional library use alone. As changes occur in the structure of municipalities and services, it is important to know how to argue for the right of its existence, which is patron-oriented.“ (p.15)
  • „Current parton needs will by the basis for library systems and services, not the previous practices earlier considered correct.“ (p. 20)
  • „For the patron, it is important that material is found and smoothly delivered.“ (p. 17)
  • „A new kind of information society contract is needed based on consciously chosen values that guarantee all citizens the prevailing rights in the cultural knowledge society. Defining this involves both the access to information and skills in acquiring and producing relevant information.“ (p. 19)

 

Finnland

Quelle: Bereich für Kultur und Medien (2003) / Bibliothekenstrategie 2010: Politik des Bildungsministerium zur Sicherstellung des Zugangs zu Wissen und Kultur. Öffentliche Bibliotheken in Finnland (Veröffentlichungen des Bildungsministeriums), 2003. http://www.minedu.fi/export/sites/default/OPM/Julkaisut/2003/liitteet/kieliversiot/opm39_KSsaksa.pdf?lang=en

Herausforderungen für Bibliotheken, Gründe für die Strategie

  • Herausforderung hybride Bibliotheken („Es mangelt noch an einem für alle zugänglichen ganzheitlichen Kanal für digitale Informationsdienstleistungen und elektronische Kommunikation“ S. 6)
  • Herausforderungen: „Die Rolle der Bibliothek wird immer unterschiedlichere Formen annehmen.“ (S. 19), „Die Kompetenz des Personals nimmt ab. Der Bildungsgrad der Bevölkerung steigt.“ (S. 20), „Fehlen eines nationalen Bibliothekennetzwerks.“ (S. 21), „Der nationalen Verwaltung fehlt es an einer verantwortlichen Instanz, die das ganze Land umfassen und Sektorengrenzen überschreiten könnte[.]“ (S. 23), „Das Informationsangebot für das Bildungswesen und für Schüler ist vernachlässigt worden.“ (S. 23)
  • „Zusätzlich zu den Kürzungen beim Personal stellen sich den Bibliothekendienstleistungen neue Herausforderungen: der steigende Bildungsgrad der Bevölkerung, die wachsenden Herausforderungen, die durch das Bildungswesen und das lebenslange Lernen gestellt werden, und die erhöhte Aufforderungen an das Bibliotheken-Know-how.“ (S. 7)
  • „Das Niveau öffentlicher Bibliotheken in Finnland und der Zugang der Bürger zu Informationen begannen sich während des Booms der Informationsgesellschaft zu verschlechtern. Dies geschah trotz der Tatsache, dass die öffentlichen Bibliotheken angeblich die konkreten Träger der Informationsgesellschaft sind.“ (S. 9)

Schlussfolgerungen

  • Koordination zwischen Kommunen und Bund. Ziel: Unnötige Doppelarbeit vermeiden und Unterschiede zwischen Regionen und Bibliotheken ausgleichen.
  • Zielsetzungen: „Nutzerorientierte Informationsdienstleistungen“ (S. 7), hybride Bibliotheken, Finazierung nationaler Web-Dienstleistungen und die Erhöhung der Kompetenz des Bibliothekenpersonals
  • Vision: „Bibliotheken in kleinen Kommunnen fungieren als Kultur- und Informationszentren ihrer Orte.“ (S. 13)„Ziele: Bibliotheken- und Informationsdienstleistungen fungieren als ein enges Netzwerk, dass dem Nutzer als ein integriertes Ganzes erscheint. Die Erstellung lokaler, regionaler und nationaler Dienstleistungen ist koordiniert, und die Dienstleistungen erreichen diejenigen, die sie benötigen.“ (S. 6)

 

Dänemark

Quelle: Danish Agency for Libraries and Media (2010): The Public Libraries in the Knowledge Society: Summary from the committee on public libraries in the knowledge society, 2010. http://www.bibliotekogmedier.dk/biblioteksomraadet/artikel/folkebibliotekerne-i-vidensamfundet-paa-engelsk/

Herausforderungen für Bibliotheken, Gründe für die Strategie

  • „On the ine hand the loan of physical materials – books, CDs etc. – is falling. […] On the other hand the use of digital offers is growing.“ (p. 2) (Gleichwohl ist die Buchleihe immer noch Hauptaktivität in dänischen Bibliotheken)
  • Themen der Arbeitsgruppe waren: 1. Traditioneller Service, 2. Digitale Infrastruktur und die Interaktion mit dem traditionellen Service, 3. die digitale Vermittlung des kulturellen Erbes und lizensierter Informationsresourcen, 4. Modelle des Lernens und kultureller Aktivitäten, 5. Kooperationen (Partnerships), 6. Kompetenzentwicklung des Bibliothekspersonals

Schlussfolgerungen

  • Institutionenentwicklung notwendig
  • Die Bibliothek muss zu einem Ort entwickelt werden, welcher mehr als eine Medienausleihe bietet.
  • Bibliotheksdienstleistungen müssen flexibel sein.
  • Bibliotheken müssen sich pro-aktiv als Partner anbieten.
  • Die Kompetenzentwicklung des Personals muss in allen Bibliotheken aktiv betrieben werden.
  • „The strategy suggets that all citizen should be able to take advantage of the cultural offers and consequently – that the cultural institutions focus more purposefully on non-users.“ (p. 2)

 

USA

Quelle: Education Advisory Board (2011) / Redefining the Academic Library: Managing the Migration to Digital Information Services, 2011. http://www.educationadvisoryboard.com/pdf/23634-EAB-Redefining-the-Academic-Library.pdf

Herausforderungen für Bibliotheken

  • Digitalisierung und Veränderung der Wissenschaftskommunikation sind für Bibliotheken relevant
  • Interessen der Verlage und Distributoren stehen teilweise den Interessen der Bibliotheken entgegen
  • Nutzerinnen und Nutzer in wissenschaftlichen Bibliotheken stellen neue Anforderungen (Texte und Daten on demand, Bibliothek als Lern- und Arbeitsort)
  • Aufgaben (und damit notwendige Kompetenzen) des Personals verändern sich relevant