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Blog des Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft

Open Source Library Systems und RDA

2013 soll in den Bibliotheken die RDA-Ära beginnen. RDA (Resource Description and Access) sind bekanntlich die nach den Functional Requirements for Bibliographic Records (FRBR) konstruierten Regeln für die Katalogisierung, welche MARC 21 und darauf aufbauende Regelwerke ablösen sollen. Dabei soll RDA die bibliothekarischen Daten für das Semantic Web aufbereiten, die Daten, soweit möglich, so anreichend, dass der direkte Zugriff auf Medien und Inhalte aus dem Katalog möglich wird, die Orientierung der Katalogisierungsregeln auf das Buch aufheben und stattdessen die Denkweise der Nutzerinnen und Nutzer in den Mittelpunkt der Katalogtheorie stellen.

Nun ist mehrfach gezeigt worden, dass auch das nicht hundertprozentig funktioniert. Der VÖB-Blog verwies beispielsweise letztens auf die Masterarbeit von Verena Maria Schaffner, welche das an Kafkas Prozess für Österreich nachwies.1 Dennoch: Die Library of Congress hat endgültig beschlossen, dass sie zum 31. März 2013 auf RDA umsteigen wird. Dem werden zahlreiche Bibliotheken folgen (wollen.) Auch in der Schweiz.

Aber ist die Software eigentlich darauf vorbereitet? Der Umstieg zu RDA ist ein relevanter Sprung. Das ist nicht einfach ein Update von MARC 21 Version X auf MARC 21 Version X+1. (Genauer: AACR2 wurde explizit nicht zu AACR3 umgearbeitet, sondern diese Arbeit gestoppt und stattdessen RDA entworfen.) Es ist ein neues Paradigma, ein Fortschreiten der Katalogtheorie und damit auch der Regelwerke und Datenformate. Zwar werden die MARC-Daten eine Teilmenge von RDA bilden, auch um ein vollständiges Neukatalogisieren aller Bestände zu verhindern. Dennoch: RDA bietet mehr. Da nur weiter MARC-Daten einzugeben würde den ganzen Ansatz unterlaufen.

Nun, die Antwort ist offenbar, dass nur wenige Software auf RDA vorbereitet ist. Chamya P. Kincy und Michael A. Wood liefern in ihrem aktuellen Text Rethinking Access with RDA2 nicht nur eine weitere Reflexion über die Möglichkeiten und Probleme von RDA, sondern in der Tabelle 3 (pp. 31-32) auch eine Übersicht über die Produkte von 12 Anbietern für Bibliothekssoftware und deren Aussagen zur Vorbereitung ihrer Produkte auf RDA. Zwar betonen fast alle diese Anbieter, das sie in Zukunft wohl über FRBR und RDA nachdenken müssen, aber nur drei von ihnen (VTLS, Polaris, OCLC) haben auch schon etwas unternommen.3

Auffällig ist an der Liste, dass die Open Source Bibliothekssysteme fehlen, obgleich sie eine steigende Verbreitung haben. Das soll hier kurz nachgeholt werden. Zumindest für die vier Systeme Koha, Evergreen, ABCD und PMB wurde, anlog zum Vorgehen im Artikel von Kincy und Wood, nach Aussagen aus der jeweiligen Community nach einer Umsetzung von RDA recherchiert.

Die Ergebnisse:

  • Anbieter: LibLime, Produkt: Koha, Aussage zu RDA/FRBR: Wiki-Page angelegt, sonst keine Entwicklung sichtbar (Wikipage http://wiki.koha-community.org/wiki/RDA, generiert 05.10.2010 / last update 08.07.2011)
  • Anbieter: Evergreen, Produkt: Evergreen open-ils.org, Aussage zu RDA/FRBR: Keine klare Aussage. Das Thema kommt in den Mailinglisten immer wieder einmal auf, wird bislang aber nicht wirklich geklärt.
  • Anbieter: ABCD, Produkt: ABCD Library Automation Software, Aussage zu RDA/FRBR: Keine Erwähnung
  • Anbieter: PMB Service, Produkt: PMB, Aussage zu RDA/FRBR: Keine Erwähnung

Grundsätzlich scheinen also auch die Open Source Bibliothekssysteme noch nicht auf RDA vorbereitet zu sein. Selbstverständlich kann sich dies schnell ändern, insbesondere, wenn es eine aktive Community gibt (so finden sich beispielsweise Mails in der Koha-Community, die zu einem Treffen wegen RDA einladen). Bedenklich ist, dass diese Open Source Systeme nicht nur in reichen Staaten verwendet werden,4 sondern gerade in Entwicklungsländern eine grosse Verbreitung haben. Sollten nur einige kommerzielle Systeme RDA anbieten, könnte dies (wieder einmal) dazu führen, dass die Entwicklungsländer nicht alle, eigentlich denkbaren Möglichkeiten haben werden und in den bibliothekarischen Angeboten zurückfallen – ein Problem, das durch die Verbreitung der Open Source Systeme (die ja auch in Staaten der „ersten Welt“ in Einsatz sind und deshalb ansonsten oft bei der Entwicklung relativ weit vorne stehen) eigentlich reduziert worden war.

Bislang aber ist es vor allem OCLC, die sich aktiv an der Weiterentwicklung der Kataloge im Bezug auf RDA engagiert und deshalb auch in ihren Produkten integriert haben.

 

Fussnoten

1 Schaffner, Verena Maria (2011). FRBR in MAB2 und Primo – ein kafkaesker Prozess? Master-Thesis (ULG), Universität Wien. Universitätslehrgang Library and Information Studies, 2011, http://othes.univie.ac.at/16547/.

2 Kincy, Chamya P. ; Wood, Michael A. (2012) Rethinking Access with RDA (Resource Description and Access). In: Journal of Electronic Resources in Medical Libraries 9 (2012) 1, 13-34, http://dx.doi.org/10.1080/15424065.2012.651573. (Leider hinter einer Verlagsbarriere.)

3 Die Frage ist hier im Departement schon aufgekommen: Sind schweizerische Bibliotheken eigentlich auf RDA vorbereitet? Man kann da eher sagen: Nur zum Teil. In der Romandie werden oft Kataloge von VTLS verwendet und VTLS-Produkte beherrschen offenbar RDA. Hingegen ist das in der Deutschschweiz und auch in Bibliotheken in der italienischen Schweiz verbreitete Aleph von Ex Libris nicht so richtig bereit. Der Anbieter macht eher ausweichende Antworten. Eine genauere Nachfrage wäre bestimmt einmal sinnvoll.

4 Jolidon, Luc (2009) / PMB à la Bibliothèque municipale de Morges. In: RESSI – Revue électronique suisse de science de l’information 5 (2009) 9, http://www.ressi.ch/node/201.

1 Kommentar

  1. Ein Artikel ist immer so gut, wie aktuell. Da das Thema weiterhin von Interesse ist, habe ich in meinem Blog das Thema nach einem Jahr in der zweiten Landessprache wieder aufgenommen, was für hiesige Leser vor allem wegen der Veränderungen interessant sein dürfte.

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