Brigitte Lutz, Karsten Schuldt

Schulbibliotheken in der dritten Welt? Davon gibt es (wohl) eher wenige, vor allem im ländlichen Raum. Und wenn, dann sehen sie nicht so aus, wie wir uns das vorstellen. So sind Lehrmaterialien oftmals nur in geringen Mengen vorhanden und werden häufig von den Lehrpersonen boykottiert oder Eltern müssen Arbeitsmaterialien beisteuern. Geld für neue Medien ist in der Regel eher nicht vorhanden, ganz zu schweigen von finanziellen Ressourcen für bibliothekarische Arbeitskräfte oder Bibliothekssysteme.

Da es aber nicht nur im Bereich der Schulbibliotheken mangelt, sondern auch an technischer Ausstattung, wurde 2006 das Projekt „One Laptop per Child“ gestartet. Es hat sich zum Ziel gesetzt, einen Laptop zu entwerfen, der den Bedingungen dieser Länder angepasst. Dieser Laptop ist mittlerweile in mehr als 40 Staaten verbreitet. Ausgestattet ist er mit der – auf beliebige Linux- oder Windows-Systeme aufsetzbaren – Desktop-Oberfläche „Sugar“,  einem System, welches auf die Zielgruppe der Kinder angepasst ist. Es ist intuitiv und ohne jegliche PC-Kenntnisse nutzbar. Zusammengesetzt ist es aus mehreren sogenannten Aktivitäten. Dabei handelt es sich um verschiedene Programme, welche grösstenteils visuell gestaltet sind. Da es sich bei Sugar um Open Source handelt, können bestehende Aktivitäten beliebig verändert und erweitert und neue Aktivitäten entwickelt werden.

Das Projekt COLiSu begann mit der einfachen Frage: Warum sollte man nicht eines der zahlreichen Open Source Bibliothekssysteme wie Koha, NewGenLib oder ABCD nehmen und es so anpassen, dass es auch in Sugar integriert werden beziehungsweise von Sugar aus genutzt werden kann? Damit würde man neue Möglichkeiten schaffen, Bibliotheksbestände besser für Kinder und Jugendliche zugänglich zu machen und sie damit in den Lernprozess zu integrieren. Ferner könnte eine Realisierung solcher Zugänge dazu beitragen, dass Öffentliche Bibliotheken sowie national tätige Bibliotheken beginnen, Dienste für die Schülerinnen und Schüler in ländlichen Gegenden zu entwickeln. Zu wünschen wäre ausserdem, dass Bibliotheken ihren Bestand mit elektronischen Medien erweitern, welche dann über Sugar zugänglich gemacht werden könnten. Das SII widmet sich derzeit im Forschungsprojekt dieser Aufgabenstellung und lotet aus, wie freie Bibliothekssysteme mit Sugar verbunden werden könnten und welche Möglichkeiten für die bibliothekarische Arbeit sich daraus ergeben.

Im Moment ist noch offen, inwiefern eine solche Lösung überhaupt umsetzbar wäre und was sie bringen würde, ob der Zugang zu Medien dadurch verbessert würde, der Lernerfolg bei den Lernenden dadurch grösser und der Unterricht aufgrund des freieren Zugangs zu Wissen dadurch demokratischer wäre. Doch vielleicht ist dies eine Chance, die Schulbedingungen in der dritten Welt tatsächlich ein wenig zu verbessern.

Zu klären sind in diesem Projekt:

  1. Die software-technischen Fragen der Verbindung von Sugar und freien Bibliothekssystemen. Da alle Komponenten als Open Source vorliegen und zumeist klar definierte Schnittstellen aufweisen, scheint dies relativ leicht möglich.
  2. Die Gestaltung der Aktivität oder Aktivitäten in Sugar, welche auf die Bibliothekssysteme zurückgreifen sollen.
  3. Die organisatorischen Fragen in Schulen, Bibliotheken und Schulbibliotheken. Neben der Frage, was möglich wäre, ist auch zu klären, wie und mit welchem Aufwand bestimmte Anwendungen umgesetzt werden können, ob sie sinnvoll in Schule, Unterricht oder Freizeit der Schülerinnen und Schüler eingesetzt werden können. Dabei sind auch die spezifischen Voraussetzungen in den unterschiedlichen Staaten zu bedenken.
  4. Im Idealfall würden Feldtests Auskunft darüber geben, ob solche Aktivitäten tatsächlich – und wenn ja, mit welchem zusätzlichen Aufwand, beispielsweise der Schulung von Lehrerinnen und Lehrern, Bibliothekarinnen und Bibliothekaren – Auswirkungen haben können.
  5. Im weitergehenden Idealfall wird im Laufe des Projektes eine Verbindung zu den Versuchen, mittels Open Educational Resources die Möglichkeiten des Unterrichts und Lernens weltweit zu verbessern, hergestellt.