HTW Chur - SII

InfoWiss Chur

Blog des Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft

Schlagwort: Leseförderung

Einige Besonderheiten der Öffentliche Bibliotheken in der Schweiz. Ergebnisse einer Umfrage

Karsten Schuldt

Einleitung: Die Umfrage unter Öffentlichen Bibliotheken und ihr Kontext

Das Team für Bibliothekswissenschaft am SII ist an einem grösseren Projekt beteiligt, bei dem – geleitet von Kolleginnen und Kollegen aus Norwegen – gefragt wird, wie Öffentliche Bibliotheken in verschiedenen Länder (Schweden, Dänemark, Norwegen, Deutschland, Ungarn, USA, Schweiz) im Zusammenhang stehen können mit Demokratie, Partizipation und ähnlichen Themen. Als erstes Ergebnis des Projektes kann schon einmal festgehalten werden, dass Öffentliche Bibliotheken in den beteiligten skandinavischen Staaten (Norwegen, Schweden, Dänemark) einfach anders „funktionieren“ und auch anders von der Bibliothekswissenschaft und der jeweiligen Gesellschaft gesehen werden, als in den anderen beteiligten Staaten (unter anderem der Schweiz). Während die drei skandinavischen Ländern starke Parallelen aufweisen, zeigt sich in den anderen Ländern, dass sie jeweils sehr eigene Verständnisse davon haben, was die Aufgabe von Öffentlichen Bibliotheken ist, wie sie aussehen sollen, wie sie funktionieren und so weiter. Oder anders: Die Öffentlichen Bibliotheken in der Schweiz sind einfach anders als die in anderen Ländern. Sie sind sehr eigen (wie ja auch die Schweiz sehr eigen ist).1

Im Rahmen dieses Projektes führten wir vom 16.04 bis 30.04. eine Umfrage unter dem Personal in Öffentlichen Bibliotheken in der Schweiz durch. Die Umfrage wurde etwa zeitgleich auch in den anderen beteiligten Ländern durchgeführt, jeweils in einer auf das jeweilige Land angepassten Variante. Ein Ziel des Projektes ist selbstverständlich, die Antworten der verschiedenen Umfragen zu vergleichen und zu schauen, wo sich Bibliothekswesen unterscheiden und wo nicht. Ebenso werden diese Ergebnisse im Projekt mit anderen Daten verglichen (z.B. mit den Ergebnissen einer Telefonumfrage, die in diesem Blog auch schon kurz dargestellt wurden, siehe hier). Diesen Beitrag möchte ich aber darauf beschränken, die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage in der Schweiz darzustellen.

Bei den Fragen, die in der Umfrage gestellt wurden, ist zu beachten, dass das ganze Projekt und die ganze Umfrage – trotz Inputs der Forschenden aus anderen Ländern – sehr skandinavisch geprägt ist. (Was dies heissen und auslösen kann, haben der Kollege Rudolf Mumenthaler und ich in der letzten LIBREAS. Library Ideas dargestellt: Partizipation in Bibliotheken.) Das erklärt, warum bestimmte Fragen vielleicht etwas unerwartet sind: Sie stammen aus einem etwas anderen Denken darüber, was die Aufgaben von Bibliotheken sein könnten und wie Bibliotheken funktionieren.

Teilnahme

Technisch umgesetzt wurde die Umfrage in Limesurvey (die Standardsoftware für solche Umfragen bei Projekten der HTW Chur, die hier verwendeten Graphiken sind auch von dieser Software erstellt). Eine Einladung für die Umfrage wurde über die Mailingliste swisslib (die als die bibliothekarische Mailingliste in der Schweiz gelten kann) verschickt. Es wurde explizit darauf hingewiesen, dass nur Personal aus Öffentlichen Bibliotheken (in einer sehr weiten Definition) gesucht wurden.

Trotz der kurzen Laufzeit wurden insgesamt 86 vollständige Antworten (und weitere 49 unvollstädnig) abgegeben, die hier für die Auswertung herangezogen werden. Das ist eine erstaunlich hohe Anzahl. Offenbar gibt es unter Öffentlichen Bibliotheken in der Schweiz ein grosses Interesse, an solch einer Umfrage teilzunehmen.2

Aus diesen Antworten kann man selbstverständlich nicht schliessen, dass sie direkt darstellen, was in allen Öffentlichen Bibliotheken in der Schweiz gedacht und getan wird (zumal es keine französische, italienische oder rätoromanische Übersetzung gab, weil am Ende einfach alles schnell gehen musste3). Sie geben aber Hinweise auf Tendenzen. Zu bedenken ist, dass vor allem die an der Umfragen teilgenommen haben werden, die etwas mitteilen wollten oder an den Fragen selber interessiert waren – und zudem Deutsch zumindest soweit beherrschten, dass sie sich eine solche Umfrage zutrauten. (Noch relevanter werden diese Ergebnisse dann im Vergleich mit den Umfragen in anderen Ländern, wo ja auch die geantwortet haben werden, die von sich aus teilnehmen wollten – also strukturell die gleichen Personengruppen wie in der schweizerischen Umfrage.) Trotzdem ermöglichen die Ergebnisse einige Einblicke in Bibliotheken, die sonst eher vermutet werden – und zudem die Überprüfung von einigen Vermutungen über Bibliotheken in der Schweiz.

Weiterlesen

Volksschulbibliotheken im Kanton St. Gallen: Ergebnisse einer Studie

Karsten Schuldt, Rudolf Mumenthaler, Ekaterina Vardanyan

[Vorbemerkung: Der folgende Text, der die Zusammenfassung einer Studie, erschien zuerst im Druck in der kjl&m: Kinder-/Jugendliteratur und Medien in Forschung, Schule und Bibliothek, Ausgabe 01/2017, S. 74-78]

 

Eine Projektgruppe am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, HTW Chur, erhob 2015 den Status Quo der Bibliotheken in den Volksschulen (umfasst 2 Jahre Kindergarten sowie 1. bis 9. Schuljahr) im schweizerischen Kanton St. Gallen. Den Auftrag dazu hatte die neu geschaffene Bibliothekskommission erteilt, deren Aufgabe die Entwicklung des gesamten Bibliothekssystems im Kanton ist. Die Kommission versteht die Schulbibliotheken als Teil dieses Systems, hatte aber wenige Kenntnisse über deren Situation.

Gegründet wurde die Kommission mit einem Verständnis von Bibliotheken als sich ständig entwickelnder Einrichtungen, die neben traditionellen Medien auch alle modernen Medienformen anbieten, ihre Angebote beständig erweitern und in den letzten Jahren zu Lernorten und Treffpunkten der Gemeinden geworden sind. Die Erwartung der 2015 formulierten Bibliotheksstrategie war u.a., dass diese Vorstellung auch für die Schulbibliotheken gelten würde.

Die Studie basierte auf einer quantitativen Umfrage unter den Schulen in St. Gallen und, auf deren Ergebnissen aufbauend, auf Interviews und Case Studies in zufällig gewählten Schulen. Neben dem Bibliothekspersonal wurden im Rahmen der drei breit angelegten Case Studies auch weitere Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler sowie Schuldirektionen befragt. Die Umfrage hatte eine überraschend hohe Rücklaufquote von knapp 90%. Auch die Ergebnisse waren äusserst interessant: In fast allen Schulen finden sich entweder eigene Bibliotheken oder es ist eine Zusammenarbeit mit den Gemeindebibliotheken organisiert. Dabei geht es den meisten Volksschulbibliotheken im Kanton sehr gut. Gleichzeitig entsprechen diese Bibliotheken nicht dem Bild, das man sich in der bibliothekarischen Diskussion und Literatur von Schulbibliotheken macht.

Die Situation in St. Gallen lässt sich eher durch die historischen Entwicklung der Bibliotheken erklären und nicht durch die bibliothekarischen Interventionen und Vorstellungen, welche sich seit den 1970er Jahren im deutschsprachigen Raum finden. Dieses Ergebnis ist auch bedeutsam, da in der Schweiz vom Bibliotheksverband Richtlinien zu Schulbibliotheken erlassen werden (SAB-Richtlinien für Schulbibliotheken, www.sabclp.ch/images/Richtlinien_Schulbibliotheken_2014.pdf). Zumindest im Kanton St. Gallen funktionieren, so zeigt die Studie, die bibliothekarische Diskussion über Schulbibliotheken und die Realität in den Schulen unabhängig voneinander.

Lesebibliotheken

Im Mittelpunkt der Studie stand das Selbstverständnis der Volksschulbibliotheken. In zahlreichen ähnlichen Studien, die in den letzten Jahrzehnten durchgeführt wurden, wurde eher von den bibliothekarischen Ansprüchen ausgegangen. Das Studienteam entschied sich dagegen, die genannten schweizerischen Richtlinien für Schulbibliotheken nicht als eine solche Basis zu nutzen. Dies erwies sich als sinnvoll.

Neben den aus bibliothekarischer Sicht verfassten Richtlinien und einem neuen Bibliotheksgesetz besteht im Kanton St. Gallen ein bereits länger geltendes Volksschulgesetz, das ebenfalls Aussagen zu den Schulbibliotheken macht. Die SAB-Richtlinien für Schulbibliotheken wurden in den beiden Gesetzen nicht berücksichtigt. In den Schulen ist beides weitgehend nicht bekannt. In der Studie beriefen sich nur Kombinierte Schul- und Gemeindebibliotheken auf sie.

Abb. 1: Bibliothekstypen

Abb. 1: Bibliothekstypen

Vielmehr fand sich die allgemein geteilte Ansicht, dass Schulbibliotheken vorrangig Lesebibliotheken seien. Ohne, dass heute dafür Regeln existieren und auch ohne, dass die befragten Lehrpersonen Gründe dafür angeben konnten, fanden sich – mit einigen Ausnahmen – in diesen gemeinsame Merkmale: Die Bibliotheken sind fast alle in kleinen Schulgebäuden für 100-200 Schülerinnen und Schüler untergebracht und verfügen über gut ausgestattete, zweckmässig gebaute Räume. Sie werden von Lehrpersonen im Rahmen ihres Pensums geführt (in St. Gallen als “Ämtli” bezeichnet), die sich vor allem um den Einkauf neuer Medien kümmern.

Grundsätzlich sind die Bibliotheksverantwortlichen mit der Situation ihrer Bibliothek zufrieden: Die Einbindung in die Schule, die Kommunikation mit den anderen Lehrpersonen, die Anerkennung ihrer Arbeit, die Nutzung durch die Lernenden und selbst der Etat scheinen ihnen zufriedenstellend. In diesen Punkten entsprechen die Bibliotheken dem Idealbild, welches in der bibliothekarischen Literatur als Ziel beschrieben wird.

In anderen Punkten weichen sie aber relevant von diesen Zielen ab: Sie sind als Lesebibliotheken konzipiert, die vor allem dazu gedacht sind, Kinder und Jugendliche in ihrer Schulzeit an das Lesen von Büchern zu gewöhnen. Sie werden regelmässig, das heisst alle ein bis zwei Wochen, im Rahmen einer Unterrichtseinheit im Klassenverband besucht. Die Schülerinnen und Schüler leihen sich in dieser Lektion Medien aus und lesen zumeist frei. Die Ausleihe wird dabei von den Lehrerinnen und Lehrern der jeweiligen Klasse selbst organisiert. Diese Vorgehensweise findet sich in rund 72% der befragten Bibliotheken. 28% der Schulbibliotheken sind auch in Pausen an bestimmten Tagen geöffnet, 16% haben immer oder spontan geöffnet und sind somit quasi durchgehend zugänglich – dann allerdings zumeist, im Gegensatz zu bibliothekarischen Vorstellungen, ohne Betreuung durch eine bibliothekarische Fachkraft. Lediglich rund 15% der Bibliotheken bieten neben der Buchausleihe auch Leseveranstaltungen wie Autorenlesungen oder Lesenächste an, die einer besonderen Initiative von Schulverantwortlichen zuzuschreiben sind. Kaum eine Schulbibliothek folgt den Regeln, die in Bibliotheken für die Medienbearbeitung, Aufstellung oder die Katalogisierung gelten. Vielmehr wurden eigene Aufstellungen entwickelt, die möglichst einfach und zweckmässig sein sollen. Kataloge werden kaum geführt, als Zugangsmittel zum Bestand, wie dies in Öffentlichen Bibliotheken der Fall ist, werden sie nicht genutzt. Der Fokus liegt auf Büchern, überwiegend auf Belletristik. Lediglich 47% der befragten Bibliothek führen überhaupt andere Medienformen (Hörbücher, Spiele etc.) und auch dann zumeist nur als kleinen Teilbestand.

Die bibliothekarische Literatur schlägt etwas deutlich anderes vor. Sie entwirft Schulbibliotheken als Zentren der Schulen, die von bibliothekarischem Fachpersonal geführt werden, beständig geöffnet sind, für die schulische Arbeit (aktive Leseförderung, Unterrichtsprojekte, Hausaufgaben, freies Lernen etc.) genutzt werden, einen daraufhin ausgerichteten Bestand haben, der zudem erschlossen und aufgestellt wird, wie in einer Öffentlichen Bibliothek. Sie sollten als Teil des Bibliothekswesens verstanden werden und mit anderen Bibliotheken kooperieren. Die Differenz zwischen den Lesebibliotheken, die sich im Kanton St. Gallen finden, und diesen Vorstellungen von “modernen Schulbibliotheken” ist offensichtlich, aber auch erklärungsbedürftig.

Interessanterweise orientieren sich auch Kombinierte Schul- und Gemeindebibliotheken in St. Gallen, die sich ansonsten auf die oben genannten Richtlinien berufen, an dem Bild der Lesebibliothek. Die schulbibliothekarische Arbeit ist bei ihnen oft so organisiert, dass die Schülerinnen und Schüler die Bibliothek im Klassenverband besuchen und dabei Bücher – nicht die anderen, in der Gemeindebibliothek ebenfalls vorhandenen Medien wie DVDs oder E-Books – ausleihen können.

Wirkung der Geschichte

Seit den 1970er Jahren gibt es immer wieder Vorschläge von Seiten des Bibliothekswesens, Schulbibliotheken am Modell der Öffentlichen Bibliotheken zu orientieren. In St. Gallen haben diese Vorschläge, die zum Teil auch explizit gemacht wurden, keinen erkennbaren Effekt gehabt.

Eine Recherche zur Geschichte der Schulbibliotheken, die auf Materialien des Staatsarchivs St. Gallen zurückgreifen konnte, legte eine Interpretation dafür nahe.

1906 wurde im Rahmen des “Kampfes gegen Schmutz und Schund” direkt beim Erziehungsdepartement eine Kommission eingerichtet, die jährlich eine Liste “guter Literatur” veröffentlichen sollte. Diese Literatur sollte den Schulen für ihre Schulbibliotheken zur Verfügung gestellt werden. Kommissionen diesen Art existierten Anfang des 20. Jahrhundert zahlreich, das Besondere in St. Gallen scheint die direkte Anbindung an eine staatliche Stelle zu sein, welche direkt die Förderung von Schulbibliotheken übernahm. Über diese Kommission und Verordnungen prägte das Departement bis 1982 die Schulbibliotheken in St. Gallen. Diese wurden als Einrichtungen in den Schulen beschrieben, die von Lehrpersonen geführt und neben der Finanzierung durch das Departement durch die Schulen getragen wurden. Die regelmässig erscheinenden Listen der anfänglich vorgeschriebenen, später empfohlenen Literatur wurden jährlich im Schulblatt des Kantons publiziert. Diese Listen und die erhaltenen Sitzungsprotokolle zeigen, dass die Kommission sich im Rahmen der jeweiligen zeitgenössischen Debatten um Kinder- und Jugendliteratur bewegte, wenn auch teilweise etwas verspätet und gerade in den beiden Weltkriegen mit einem spezifisch schweizerischen Fokus, also u.a. im Kontext der sog. Geistigen Landesverteidigung.

Im Laufe der Zeit wandelte sich die Liste zu einer Empfehlungsliste und die Kommission sollte weitere Aufgaben, insbesondere die Beratung von Schulbibliotheken, übernehmen. Dies misslang. Anfang der 1960er Jahren weigerte sich die Kommission still, diese Aufgabe trotz Aufforderung des Erziehungsdepartements nachzukommen. Ende der 1960er Jahre führte die Kommission eine Umfrage unter den Schulbibliotheken durch, u.a. mit der Frage, ob diese Beratung wünschen, was sehr deutlich abgelehnt wurde.

1982 ging die Kommission in die Kantonsbibliothek über, wieder mit dem Auftrag, eine Liste empfohlener Literatur zu publizieren und Schulen zu beraten. Die Liste wurde bis 2012 erstellt, dann wurde die Kommissionsarbeit aufgrund einer Umfrage zur Relevanz der Liste in den Schulen eingestellt.

Die Schulbibliotheken, die sich heute in den Schulen in St. Gallen finden, scheinen eigenständige Weiterentwicklungen der bis Mitte der 20. Jahrhunderts geförderten Einrichtungen zu sein. Sie sind in den Schulen verankert und konzentrieren sich darauf, Kinder und Jugendliche mit Büchern in Kontakt zu bringen. Gleichzeitig sind sie wenig mit den Bibliotheken der Zeit gegen “Schund und Schmutz” zu vergleichen. Sie sind heute durchgängig Freihandbibliotheken, der Zugang zu Literatur ist liberal geregelt und enthält ohne weitere Diskussionen z.B. Comics und Graphic Novels. Kriterium für die Auswahl der Literatur ist, ob die Lernenden daran ein Interesse haben.

Erwähnt werden muss, dass durch die genannte Kommission, aber auch durch den Schweizerischen Bibliotheksdienst, den Bibliotheksverband und die bibliothekarische Presse seit den 1970er Jahren regelmässig versucht wurde, die Schulbibliotheken zu verändern. So gab es, neben mehreren Publikationen, in den 1980er Jahren auch zahlreiche Fortbildungen für Schulbibliotheken. Allerdings ist offensichtlich, dass diese Aktivitäten längerfristig nicht die Form der Bibliotheken veränderten.

Abb. 2: Aufgaben der Schulbibliotheken

Abb. 2: Aufgaben der Schulbibliotheken

Erkenntnisse

Die Ergebnisse der Studie werfen neue Fragen auf. Besonders erstaunlich erscheint, dass die Volksschulbibliotheken in St. Gallen im Rahmen der Schulen gut verankert sind, obgleich es gar keine gemeinsame Entwicklung dieser Bibliotheken mehr gibt. Dies geht nicht mit der in der bibliothekarischen Literatur vertretenen Einschätzung überein, dass es nur wenige funktionierende Schulbibliotheken und einen grossen Entwicklungs- und Beratungsbedarf für Schulen in diesem Bereich gäbe. Zu vermuten ist, dass sich solche Widersprüche nicht nur in St. Gallen finden.

Ein offensichtlicher Vorteil der kleinen Schulbibliotheken im lokalen Schulhaus liegt in der umittelbaren Nähe und der leichten Erreichbarkeit für die Schülerinnen und Schüler. Nur dadurch ist der wöchentliche Besuch während des Unterrichts möglich.

Die Studie zeigte, dass es sinnvoll sein kann, die Forschung zu Schulbibliotheken direkt in den Schulen durchzuführen, die Position der Schulen einzunehmen und sich nicht nur – wie dies vor allem Studienabschlussarbeiten im Bibliothekswesen tun – auf bibliothekarische Fachliteratur und besonders sichtbare Schulbibliotheken zu beziehen.

Die Studie konnte nicht aufzeigen, aus welchem Grund die Volksschulen in St. Gallen diese Formen von Schulbibliotheken bevorzugten. Gleichzeitig war es nicht möglich, den genauen Ablauf der Arbeit in ihnen zu untersuchen. Auffallend war u.a., dass die Leseförderung nach Literaturversorgung als zweit wichtigste Aufgabe genannt wurde, gleichzeitig aber kaum didaktische Überlegungen geäussert wurden, was genau dies heisst. Während der kurzen Einblicke, die in dieser Studie gewonnen wurden, schien es oft so, als würde das regelmässige, freie Lesen von Büchern mit dieser Förderung gleichgesetzt. Es ist zu erwarten, dass daneben im restlichen Schulbetrieb weitere Formen der Leseförderung genutzt werden.

Es scheint aber klar, dass diese Form der Leseförderung in den weiteren Schul- und Lehrbetrieb und somit in die dort vorhandenen Konzepte integriert ist. Dies zeigt sich auch daran, dass öfters das Programm Antolin (www.antolin.de) zur Leseförderung eingesetzt wird. Damit werden Schülerinnen und Schüler zum Lesen ermuntert, manchmal auch durch Leistungskontrollen unterstützt und das Verständnis der gelesenen Texte abgefragt. Die dafür benötigten Bücher werden von den Schülerinnen und Schülern während der Lesestunde in der Schulbibliothek ausgeliehen. Die Konzentration auf Antolin schlägt sich auch in dem Medienbestand der Bibliothek nieder, da vorzugsweise Literatur beschafft wird, die in Antolin enthalten ist. Die Wirksamkeit dieser Form der Leseförderung war kein Untersuchungsgegenstand der Studie. Entsprechend verzichtet die Studie auf eine Bewertung der verschiedenen Bibliothekstypen, also von zentralen kleinen Schulbibliotheken im Vergleich zu kombinierten Schul- und Gemeindebibliotheken. In beiden Fällen wäre es wünschenwert, wenn die Wirkung der Aktivitäten auf die Lese- und Medienkompetenzen der Schülerinnen und Schüler untersucht werden könnten.

Die Studie ist auf der Homepage der Bibliothekskommission St. Gallen (www.sg.ch/home/kultur/kantonsbibliothek/bibliotheksfoerderung.html) eingestellt.

 

Karsten Schuldt und Ekaterina Vardanyan sind Wissenschaftliche MitarbeiterInnen und Rudolf Mumenthaler ist Professor für Bibliothekswissenschaft an der HTW Chur.

Zum Urheberrecht: „Belgischer Rechteverwerter verlangt Vorlese-Gebühren“

Ohne weiteren Kommentar ein Verweis auf den Artikel auf heise.de über die (potentiell immer möglichen) Auswüchse eines zu wenig von der Gesellschaft diskutierten Urheberrechts:

Belgische Bibliotheken sollen Urheberrechtsabgaben zahlen, wenn sie Vorlesestunden für Kinder veranstalten. Mit dieser Forderung ist der belgische Rechteverwerter Sabam an mehrere Stadtbibliotheken herangetreten, wie die belgische Tageszeitung De Morgen am Dienstag meldet. Wer ein urheberrechtlich geschütztes Buch in einer Bibliothek vor Publikum laut vorlese, müsse an den Rechteinhaber zahlen, so die Forderung der Sabam.

Weiter zum Artikel.

© 2018 InfoWiss Chur

Theme von Anders NorénHoch ↑