Karsten Schuldt

 

Unter den Versprechen, die E-Books und Digitale Bibliotheken zu vermitteln scheinen, ist eines, dass auf den ersten Blick absonderlich klingt (das haben viele dieser Versprechen an sich), auf den zweiten Blick aber doch überlegenswert. Es wird die Frage gestellt, ob digitale Medien besser für die Umwelt sind als gedruckte Medien. Darüber hinaus wird gefragt, was der Informationssektor und Bibliotheken für die Umwelt tun können. Es fragt vor allem Gobinda Chowdhury von der University of Technology in Sydney, der offenbar auch hauptsächlich in Australien wahrgenommen wird. (Was in gewisser Weise ironisch ist, wird doch in Australien quasi jeder Weg mit dem Auto zurückgelegt.)

Die Argumentation von Chowdhury lautet ungefähr wie folgt: Die Herstellung, Auslieferung, Aufbewahrung von gedruckten Medien kostet Energie und Rohstoffe; auch die Herstellung, Auslieferung und Aufbewahrung/Speicherung von elektronischen Medien kostet Energie und Rohstoffe. Aber wenn man es geschickt anstellt, die Technologie verbessert und grüner macht, dann liegt der Verbrauch auf lange Sicht gesehen bei elektronischen Medien weit unter dem von gedruckten Medien. Allein unter diesem Gesichtspunkt sollten elektronische Medien bevorzugt werden.

Und hier hat Chowdhury ein gutes Argument: Wenn wir als Menschheit die Möglichkeit haben, die Umwelt weniger zu nutzen, indem wir Technologie einsetzen, sollten wir das tun.

Dabei geht Chowdhury in seinen Texten (Chowdhury 2010, 2011, 2012) selbstverständlich weiter. Er versucht, seine Thesen mit Zahlen über den tatsächlichen Energieverbrauch verschiedener Medien zu untermauern und entwirft Systeme zur sinnvollen Speicherung von Daten. Gleichzeitig zeigt er selber (in Chowdhury 2012), dass die vorhandenen Zahlen sehr widersprüchlich sind. Gleichwohl scheint er davon überzeugt zu sein, dass Technik uns beziehungsweise die Umwelt retten wird.

Das erscheint schon ein wenig zu technikbegeistert. Was bei Chowdhury vergessen zu werden scheint, ist, dass solche Versprechen mit vielen neuen Technologien einhergehen, anschliessend aber kaum eingehalten werden – und wenn, dann anders. Insbesondere die Utopie des Papierlosen Büros ist eine naheliegende Parallele. Der Personalcomputer sollte dazu führen, dass in Büros alle Daten und Texte elektronisch verarbeitet werden. Wir wissen, dass die Realität genau umgekehrt ist: beständig wird mehr Papier verbraucht. Zudem lässt Chowdhury ausser Acht, dass sich abzeichnet, dass die Bedeutung des Originals mit der Digitalisierung wieder steigt. Digitalisierungsprojekte wurden von Bibliotheken unter anderem damit begründet, dass so die Originale nicht mehr so oft genutzt werden müssten und somit geschützt würden, während praktisch nach der Digitalisierung der Zugriff auf sie gestiegen ist. Für Chowdhury ist hingegen immer noch klar, dass ein digitalisiertes Objekt als solches Energie spart, weil es besser verschickt – beziehungsweise vervielfältigt – werden kann. Allerdings haben die Nutzerinnen und Nutzer von Technologie schon immer unvorhergesehene Nutzungsformen entwickelt. Das wird mit dem E-Book und Digitalen Bibliotheken auch passieren.

Dennoch sollte man die Überlegungen von Chowdhury nicht per se abtun. Wenn Technik umweltfreundlicher ist, als das gedruckte Buch oder Bibliotheken mit vorrangig gedrucktem Bestand, dann sollte das als Chance begriffen werden.

Mit der Bibliothek an der Macquarie University (auch Sydney) wird beispielsweise versucht, eine Bibliothek zu organisieren, welche die Umwelt möglichst wenig belastet. (Brodie 2012) Neben dem nachhaltigen Bauen heisst dies zum Beispiel auch, über den Bestand und die bibliothekarischen Dienstleistungen nachzudenken. So hat die Bibliothek das 20/80-Phänomen dazu genutzt, rund 80% des Bestandes – der halt nur für die Beantwortung von 20% der Fragen benötigt wird – ins Magazin zu stellen und dieses mit einem automatischen Storage and Retrieval System zu erschliessen, um so bei einem Umbau, der 2011 fertig wurde, Raum zu sparen, welcher nicht überbaut werden muss. Ob sie auf die Überlegungen von Chowdhury zurückgreifen wird, ist noch in der Diskussion. Offenbar überzeugen dessen Argumente bislang nicht so sehr, dass sie in die Praxis umgesetzt werden, obgleich sie verheissungsvoll sind.

Literatur

Brodie, Maxine (2012). Building the sustainable library at Macquarie University. In: Australian Academic & Research Libraries 43 (2012) 1, 4-16

Chowdhury, Gobinda (2012). Building Environmentally Sustainable Information Service: A Green IS Research Agenda. In: Journal of the American Society for Information Science and Technology 63 (2012) 4, 633-647

Chowdhury, Gobinda (2011). How digital information services can reduce greenhouse gas emissions. In: Online Information Review 36 82012) 4, 489-506

Chowdhury, Gobinda (2010). Carbon footprint of the knowledge sector: what’s the future? In: Journal of Documentation 66 (2010) 6, 934-946